„Man sucht die Fehler immer bei sich selbst, fragt sich immer, ob man ein schlechter Elternteil ist.“ Die Augen der 39-jährigen Barbara (vollständiger Name der Redaktion bekannt) werden glasig. Ihr neunjähriger Sohn befindet sich am autistischen Spektrum – diese Diagnose bekam die Familie allerdings erst vor knapp zwei Jahren. Der Alltag davor: kaum stemmbar, sowohl für den Neunjährigen, dessen Identität geschützt werden soll, als auch die beiden Eltern. „Wir haben teilweise nicht mehr gewusst, was wir tun sollen, weil er ständig ausgerastet ist, im Kindergarten schon.“

Der Neunjährige lebt mit dem sogenannten Asperger-Syndrom, einer Form am Autismus-Spektrum, die sich auf die soziale Interaktion und Kommunikation der Betroffenen auswirkt. „Er ist hochintelligent, doch das Interagieren mit anderen kostet ihn extrem viel Kraft und wenn seine Batterien leer sind, gehen seine Gefühle mit ihm durch“, erzählt seine Mutter aus den ersten Lebensjahren ihres Sohnes. Mit dem Übergang in die Schule wurde der Alltag zur Zerreißprobe für die Familie. „Dieser Wechsel war ganz schlimm für ihn, auf einmal musste er still sitzen, seine geliebte Pädagogin war nicht mehr da und jedes Jahr war er mit einer neuen Lehrkraft konfrontiert.“

Nina Maierl-Smoltschnik und Susanne Strasser, Beraterinnen mit Schwerpunkt Autismus
Nina Maierl-Smoltschnik und Susanne Strasser, Beraterinnen mit Schwerpunkt Autismus © PRIVAT

Lebensgroß und Kindertherapeutin – ein Wendepunkt

Zwischen Schule und Alltag: ein Ärztemarathon. Ergotherapeuten, Kinderpsychologen, Kinderärzte – was dem Neunjährigen genau fehlte, blieb jahrelang ein Fragezeichen. Bis vor zwei Jahren: „Wir haben einen letzten Versuch gestartet und sind zu einer Kinderpsychiaterin – privat, denn auf Kasse bekommt man vor einem halben Jahr keinen Termin. Diese Frau hat uns gerettet. Wir sind hineingekommen, sie hat kurz mit uns gesprochen und sofort gewusst, dass mein Sohn am autistischen Spektrum ist.“ Warum? „Weil er mich verbessert hat, als ich eine Zahl seiner Meinung nach falsch ausgesprochen habe“, kann Barbara heute schmunzeln.

Ein Wendepunkt im Leben der Familie. Heute ist ihr Alltag geprägt von Struktur und Routine, die der Neunjährige dringend braucht. Dass das Herz der Mutter nun leichter ist, verdankt sie nicht nur der Kinderpsychiaterin, sondern auch „Lebensgroß“, wie die 39-Jährige betont. Im Rahmen sozialpädagogischer Begleitung mit dem Schwerpunkt Autismus betreut die Organisation Familien in ihrem ganz persönlichen Umfeld. „Dort bewegen sich die Betroffenen tagtäglich, deswegen ist unsere Arbeit dort auch effektiver als wenn man sich in ungewohnten Räumlichkeiten zusammensetzt“, weiß Beraterin Nina Maierl-Smoltschnik, die sich gemeinsam mit Kollegin Susanne Strasser um den Schwerpunkt kümmert.

Wichtig für Betroffene: Ziele, Sensibilisierung, Struktur

Gemeinsam Ziele vereinbaren und das Umfeld sensibilisieren – dabei unterstützen die Beraterinnen von „Lebensgroß“ die Familien. „Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, doch irgendwann merkt man, dass keine Kraft mehr da ist, und man am Limit ist“, beschreibt Mutter Barbara den Schritt hin zu Lebensgroß. „Hilfe annehmen ist nie eine Schwäche, man kann so eine herausfordernde Situation gar nicht alleine stemmen – und soll das auch nicht“, betont Maierl-Smoltschnik.

War die Beraterin in den Augen des Neunjährigen zunächst nur ein geduldeter Gast, freut sich der Schüler inzwischen auf die Einheiten mit Maierl-Smoltschnik. „Auch weil sie ihm immer wieder neue Dinge mitbringt, die ihm dabei helfen, in Situationen zu entspannen, die für ihn Stress bedeuten.“ Denn Überstimulation gehört zum Alltag für den Neunjährigen. „Seine Wahrnehmung ist viel intensiver als unsere“, so die 39-jährige Mutter und bringt ein Beispiel aus dem Kinderzimmer. „Wir hatten lange sicher um die 80 Paar Socken, weil ihm keines gepasst hat – denn wenn die Socken an der Ferse oder an den Zehen nicht richtig sitzen, ist der Tag für ihn gelaufen. Heute wissen wir, welche Marke ihm taugt.“

Durchschnittlich 30 Einheiten

Sogenannte „Safe Foods“ und „Stimming Toys“ zur Beruhigung finden, Rahmenbedingungen anpassen, bei Bedarf in der Schule oder am Arbeitsplatz sensibilisieren und Eltern den Druck und die Zweifel nehmen – bei all diesen Dingen unterstützen die Beraterinnen von „Lebensgroß“ betroffene Familien. „Eltern stellen sich so oft selbst infrage, dabei machen sie wie Barbara intuitiv schon so viel richtig. Wir geben Anstöße, wie es noch besser laufen kann.“ Durchschnittlich 30 Einheiten verbringen die Beraterinnen mit den Familien, die Aufteilung geschieht individuell nach den Bedürfnissen der Familien. „Eine Verlängerung ist aber jederzeit möglich.“

Grundsätzlich kostet eine Einheit mit 60 Minuten 65 Euro, für Familien mit Bedarf, denen es an finanziellen Mitteln fehlt, gibt es Möglichkeiten der Kostenübernahme, wie Maierl-Smoltschnik betont. Mama Barbara will die Beratung nicht missen. „Sie hat mir geholfen, mein Kind besser zu verstehen und mir somit eine Tonne Last von den Schultern genommen. Wir haben ihr so viel zu verdanken“, kann sie ihre Emotionen kaum in Worte fassen. Inzwischen hat auch sie selbst sich in Therapie begeben, „ich muss stark für meinen Sohn sein und das kann ich nur, wenn ich mich auch um meine eigene mentale Gesundheit kümmere.“