Die mentale Anspannung hat sich in den vergangenen Tagen bei Karin Strametz immer weiter aufgebaut und damit auch die Grundspannung in ihren Muskeln, der Tonus. „Mein Physio sagt immer: Karin, das ist ein Wahnsinn, was du für einen Tonus in den Haxen hast. Aber das ist eigentlich typisch vor einem Großereignis.“ Und für das anstehende, nämlich die Hallen-WM im polnischen Toruń, hat sich die Steirerin bei der Staatsmeisterschaft im Bewerb über die 60-Meter-Hürden in bestechender Form präsentiert. Sie lief in Wien persönliche Bestzeit von 7,97 Sekunden, bei der der Start noch nicht perfekt war, und verpasste damit den heimischen Rekord nur um eine Hundertstel.
Schon zuvor hatte sie die direkte Qualifikation (8,02 Sekunden) geschafft. „Die direkten Limits sind echt schwierig geworden, weil die Dichte und das Niveau enorm gestiegen sind. Die fünf, sechs Mädels ganz vorne sind schon in einer anderen Liga, dazwischen liegen Welten. Aber es ist möglich, dass ich in Richtung Finale schnuppern kann.“ Für den Endlauf wird am Sonntag wohl eine Zeit um 7,90 Sekunden nötig sein. Enzo Diessl, der wie die 28-Jährige für die Union Leibnitz antritt, verzichtete, um sich schon auf die Freiluftsaison vorzubereiten. Caroline Bredlinger (800 m), Isabel Posch (60 m) und Magdalena Lindner (60 m) haben sich über die Jahresweltbestenliste qualifiziert.
Strametz hat sich in den vergangenen Jahren technisch weiterentwickelt und so hat sie nun das Potenzial, auch über die 60 Meter über die letzten Hürden zuzulegen. „Mittlerweile ist meine Hürdentechnik und das, was ich dazwischen machen muss, besser geworden, sodass ich hinten hinaus noch aufholen kann.“ Entscheidend ist auf den 8,5 Metern zwischen den fünf Gestängen (bei 100 Metern Freiluft sind es 10) aus Holz und Metall die Frequenz. Die hängt stark von der Ausrichtung des Körpers ab. Man muss sich gegen die natürliche Reaktion vor einem Hindernis nach vorne lehnen, die Hürde regelrecht „fressen“ wollen. „Von der Körpersprache will man auf die Hürden zulaufen, um aktiv zwischen ihnen zu laufen. Man darf nicht versuchen, es hineinzupferchen.“
Abertausende Hürden überläuft Strametz im Training, mit verbundenen Augen würde sie dennoch nicht durchkommen, wie sie mit einem Lachen sagt. „Wenn, dann wäre die erste Hürde schon das große Problem. Wenn ich über die erste kommen würde, wäre die zweite nicht mehr so ein Problem. Zwischendrin ist es durch den Rhythmus fast ein Selbstläufer. Aber auf die erste aus dem Block heraus voll hinzurennen, ist technisch am anspruchsvollsten.“ Darum werden die Läufe in der Analyse auch auf einzelne Sequenzen filetiert, die Zeiten herausgemessen, um Verbesserungspotenziale zu erkennen.
Empfinden ist wichtig
Entscheidend für das Tempo ist es, sagt sie, so kurz wie nötig in der Luft zu sein und die Hürde so niedrig wie möglich zu überlaufen. „Man versucht, nicht zu springen. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Hürde klein aussieht und ich auf sie draufsteige, dann stimmt auch die Form. Anders ist es, wenn ich das Gefühl habe, dass sie riesig hoch ist, und mich frisst.“ Das Empfinden, wie sie die Hürde wahrnimmt, sagt ihr viel über die eigene Form.
Dass es sich nicht immer ausgeht, hat Strametz des Öfteren schmerzvoll erfahren. Ein Kreuzbandriss und eine gebrochene Schulter zeigen, wie gefährlich diese Disziplin ist. „Am schlimmsten ist es, wenn man unter der Hürde mit dem Fuß einfädelt. Die Hürde ist schwer, reißt dich dann zurück und kommt noch einmal hinten hoch.“ Daher werden im Training auch leichtere Gestänge verwendet. „Wenn du im Wettkampf eine mitnimmst, verlierst du so viel Zeit. Dann ist das Rennen schon vorbei.“