Nico Brunner war noch nicht geboren, als der VSV dem Grazer Eishockey am 11. März 1992 einen Stich ins Herz verpasst hatte. Mit dem 3:2 gegen den EC Graz feierten die Draustädter den Meistertitel. Tags darauf war auf der Titelseite der Kleinen Zeitung ein Adler zu sehen, der einen Elefanten auf die Bretter geschickt hatte. „Das war ich“, sagt Engelbert Lindner (63) und lacht. „Zapfen“, wie er genannt wird, schoss tatsächlich das Siegestor und streckte die Grazer Träume nieder. „Es war sicher eines meiner schönsten Tore, vor allem weil es den Meistertitel gebracht hat. Aber die schönsten Tore waren immer die gegen den KAC.“ Heute wird er, wenn Graz zum vierten Spiel der „Best of seven“-Serie des Viertelfinales in der Stadthalle spielt, allerdings einem Grazer die Daumen drücken. Und das hat familiäre Gründe.

Wenige Monate nach dem Titel, am 17. September, hatte Lindner wieder Grund zur Freude: Da wurden sein Neffe und dessen Zwillingsschwester Nina geboren. Der Spross wuchs beim VSV von der Jugend bis ins Profialter heran, doch heute trägt er in Villach das Trikot der 99ers: Nico Brunner. Und wenn es nach dem Onkel, der bei allen vier Meistertiteln des VSV (1981, 1992, 1993, 1999) dabei war, geht, werden die Grazer heute „in Villach den Sack zumachen. Sie haben vier Linien, mit denen sie Powereishockey spielen können. Das erste Spiel hätte der VSV gewinnen können, aber die anderen beiden waren eine klare Sache“. Lindner hat selbst auch zwei Saisons für die 99ers gespielt, das Profileben an der Mur (2001 bis 2003) ausklingen lassen. Mit Graz war er zweimal im Play-off, spielte da sechs Partien. „Zumindest da bin ich schon vorne“, sagt Brunner und lacht. Er wird heute zum neunten Mal für Graz in der Postseason spielen.

Der schwierigste Sieg

Der Onkel wird heute freilich auf der Tribüne sitzen, und aus Stolz auf den Neffen wird er wieder die orangen Socken tragen. „Ich bin schon sehr stolz auf ihn. Er hat sich von klein auf alles selbst erarbeitet und ist defensiv und eisläuferisch einfach sehr gut. Er hat ein gutes Auge für den Pass und schnelle Verteidiger wie ihn gibt es nicht so oft.“ Immer wieder unterhalten sich die beiden über das Eishockey, das sich im Laufe der Jahre gewandelt hat, und auch Brunner ist mit seinem Onkel nicht zu vergleichen. „Er versucht mir immer wieder Tipps zu geben, aber ich habe doch ein bisschen eine andere Spielweise.“ War Lindner regelrecht ein Vulkan, spielt der Neffe besonnen. „Ich bin keiner, der aus der Haut fährt. Im Nachwuchs habe ich dumme Sachen aus dem Frust heraus gemacht. Aber ich habe gelernt, dass meine Leistung abfällt, wenn ich mich zu sehr reinsteigere“, sagt Brunner. Ein klares und konzentriertes Spiel werden die Grazer auch heute brauchen. „Wir dürfen nicht zu weit vorausschauen. Das vierte Spiel ist immer das, das am schwierigsten zu gewinnen ist. Wir erwarten uns einen richtig harten Push von Villach und müssen diese Intensität matchen.“

Nico Brunner mit der Titelseite der Kleinen Zeitung vom 12. März 1992
Nico Brunner mit der Titelseite der Kleinen Zeitung vom 12. März 1992 © Georg Michl

Trotz des Grazer Erfolgslaufs war die Saison für Brunner nicht einfach. Gegen Salzburg zog er sich Ende Jänner eine Knieverletzung zu. „Zusehen zu müssen, war schon sehr hart. Es war mental in den ersten Wochen sehr hart, damit klarzukommen“, sagt er. Nach 50 Tagen und somit früher als viele dachten, hat er gegen den Stammverein im dritten Spiel der Serie wieder gespielt. „Aber ich habe versucht, schnell den Schalter umzulegen und hart daran zu arbeiten, wieder zurückzukommen. Ich bin froh, dass ich wieder bei der Mannschaft bin und ihr helfen kann.“

Engelbert Lindner im Dress der 99ers
Engelbert Lindner im Dress der 99ers © GEPA

Das Ziel ist es, heute die Serie zu beenden. Bei einem Treffer würde sich Brunner mit dem Jubeln definitiv nicht zurückhalten. „Ich bin nicht gerade bekannt für Tore“, sagt Brunner und lacht, „der Mannschaftserfolg ist wichtiger. Aber wenn ich eines schieße, rennt der Schmäh in der Kabine.“ Dabei hat seine Karriere als Stürmer begonnen und darin ist vielleicht auch sein Tempo ursächlich. Der größte Schütze bei den Herren war er aber nie. „Ich habe im Nachwuchs herumgeschossen wie eine ,Kalaschnikow‘ und so haben mir das damals meine besten Freunde Marius Göhringer, Patrick Platzer und Xandi Rauchenwald als Spitznamen verpasst.“

Und die Frage nach dem größten Hockeytalent in der Familie beantwortet Brunner wie aus der Kalaschnikow geschossen: „Schon die Schwester, sie hat am meisten Talent. Sie nimmt den Schläger in die Hand und kann es einfach.“

Die Titelseite der Kleinen Zeitung vom 12. März 1992
Die Titelseite der Kleinen Zeitung vom 12. März 1992 © KK