Die Wogen gehen hoch im Pferdesport. Denn der Weltverband FEI beschloss auf seiner Generalversammlung in Hongkong mit großer Mehrheit die Aufweichung der sogenannten „Blood Rule“, der „Blutregel“. Die besagt, dass bisher jedes Pferd bei Anzeichen von Blut aus dem Bewerb genommen werden musste. Das ändert sich, bei „geringfügigen Blutungen“ darf weitergeritten werden. Österreichs Verbandspräsidentin Elisabeth Max-Theurer, selbst 1980 Olympiasiegerin in der Dressur, ist ob dieser Änderung alles andere als glücklich und übt heftige Kritik: „Ich halte das für einen klaren Rückschritt. Diese Änderung ist weder im Sinne des Pferdes noch des Sports. Blut – insbesondere im Bereich von Maul oder Flanken – darf im Pferdesport niemals als akzeptabel gelten. Wenn ein Pferd durch Reitereinwirkung blutet, ist das ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Dann muss der Schutz des Pferdes Vorrang haben – und nicht die Fortsetzung des Wettbewerbs.“

Max-Theurer pocht auch darauf, dass sich bei Wettbewerben in Österreich nichts ändern wird, hier gilt weiterhin, dass jedes Pferd bei Blut am Maul oder an den Flanken aus dem Bewerb genommen wird. „Das Wohl des Pferdes steht über allem! Das werden wir auch so kommunizieren“, sagte sie in einer Aussendung des OEPS. Für Max-Theurer steht außer Frage, dass „Erfolg und Tierwohl kein Widerspruch sind“. Das müsse man aber auch demonstrieren, man dürfe sich keinesfalls von der „ethischen Basis“ entfernen. Auch die Argumentation des Weltverbandes, dass man mehr Transparenz und Objektivität ins Spiel bringe, lässt sie nicht gelten: „Das ist Kosmetik, in Wahrheit schafft diese Regelung keine Klarheit, sondern Grauzonen.“

MAX-THEURER Elisabeth (Dressurrichter AUT)
U25 Intermediare II - Team Test
Pilisjászfalu - FEI Youth Dressage EUROPEAN CHAMPIONSHIPS 2020
18. August 2020
© www.sportfotos-lafrentz.de/Stefan Lafrentz
Elisabeth Max-Theurer
| Elisabeth Max-Theurer bei der Arbeit als Dressur-Richterin © OPES/Stefan Lafrentz/KK

Was der Oberösterreicherin besonders sauer aufstößt, ist die Klarheit der Abstimmung – der Weltverband entschied mit 56:20 Stimmen für die Änderung. Und das, obwohl „viele führende europäische Pferdesportnationen“ wie Deutschland, Schweiz, Dänemark, die Niederlande oder eben Österreich, sich klar gegen die Aufweichung ausgesprochen hatten. Aber: „Jedes Mitgliedsland hat eine Stimme, egal ob es um Frankreich mit 11.204 registrierten Turnierpferden und 5.391 registrierten Athletinnen und Athleten geht, oder zum Beispiel Angola oder Äthiopien mit null registrierten Pferden und Athleten.“ Max-Theurer: „Länder ohne nennenswerte Pferdesportaktivität entscheiden über Regelungen, die den Kern unseres Sports betreffen.“

Damit einhergehend sieht Max-Theurer auch die olympische Zukunft der Pferdesportarten in Gefahr: „Pferdesport kann nur überleben, wenn die Gesellschaft sieht, dass das Pferd unser Partner ist – nicht ein Mittel zum Zweck. Jede Regel, die diesen Grundsatz verwässert, ist gefährlich. Ich sage es offen: Wenn die FEI so weitermacht, verlieren wir irgendwann den olympischen Status für Springreiten, Dressur und Vielseitigkeit – und bei den Paralympics für die Paradressur.“