Grenzerfahrung? Was bewegt Snowboard-Superstar Benjamin Karl vor der Olympiasaison, ein Abenteuer der Superlative zu wagen? Eines, das alles von ihm abverlangen wird? Die Rede ist vom Ultra-Radrennen „Monaco di Baviera Classic“ über 1581 Kilometern, gespickt mit 30.670 Höhenmetern, bei dem einhundert Rad-Verrückte am Start sind. Die müssen auf jegliche Unterstützung verzichten, das Rennen ist „unsupported“, wie es heißt. Und nicht nur deswegen ist es ein Wagnis durch die spektakulärsten Regionen der Alpen, in der Einsamkeit so gut wie garantiert ist.
Ein Unterfangen (fast) ohne Regeln: Es gibt keine fixen Etappen, keine fixe Übernachtungsmöglichkeit und eben absolut keine fremde Unterstützung – nicht einmal für die Verpflegung. „Das Alleinsein werde ich genießen, auch das auf mich völlig allein gestellt zu sein. Es wird etwas mit mir machen, die Frage ist nur was. Zu gefährlich darf es nur nicht werden und ich darf nicht beginnen zu halluzinieren oder gar einen Sekundenschlaf am Rad haben“, muss sich der 39-Jährige optimal kontrollieren und wachsam sein.
Vielleicht wird auch eine Parkbank herhalten
Die Route geben schließlich GPS-Daten vor, mindestens zwei von zehn optionalen Checkpoints müssen absolviert werden, ansonsten wird man nicht als „Finisher“ gewertet. „Du schläfst, wenn du müde bist, isst, wenn du Hunger hast, aber du weißt nie, wann das genau ist.“ Hotels zu nutzen, ist erlaubt, jedoch ohne Vorabbuchung – vielleicht wird auch mal eine Parkbank herhalten müssen.
„Vor zwei Jahren hat mich mein Kumpel Richard darauf angesprochen. Genau zu dem Zeitpunkt war ich im Gesamtweltcup-Stress. Ich dachte mir nur: Lass‘ mich bitte jetzt damit in Ruhe. Doch von da an ist alles im Kopf gewachsen. Bei der Anmeldung musste man gleich parat sein, das ist wie bei Konzertkarten, nur war ich da in China und so hat uns Richard angemeldet.“ Seither steht das „Abenteuer“ auf Karls Menüplan und der Fokus sei zentraler als jener bei der letzten Snowboard-Weltmeisterschaft.
Wie viele Tage der Olympiasieger und Fünffach-Weltmeister auf Achse sein wird, „ist schwer zu beurteilen. Ich kann nicht einschätzen, wie viele Ruhepausen ich brauche.“ Zur größten Challenge könnte für den Lienzer der Schlafentzug werden.
Erfahrungen bei Nacht sind dem Bike-Transalp-Gewinner vom „Race Across Austria“ allerdings nicht fremd. „Ich kann mich dran erinnern, dass mir nach meinen Einheiten kotzübel geworden ist und der Grund war das Licht, das zu schwach war. Das hat das Auge so irritiert. In Verbindung mit einer Stirnlampe war es völlig weg“, erzählt der zweifache Familienvater, für den Aufgeben keine Option ist.
„Ich bin wieder der Schrecken vieler“
Auf seine mentale Achterbahnfahrt letzte Saison angesprochen (“der Rennzyklus hat Depressionen ausgelöst. Ich habe Frust, Demotivation und Ängste entwickelt“) verriet er nun: „Ich hatte Trichomonaden, Parasiten im Darm, deswegen hatte ich schon als Kind chronische Kopfschmerzen. Mir fehlen 20 Zentimeter vom Dünndarm, da mir damals ein Geschwulst entfernt wurde“, offenbart der Paradeathlet, der immer nur bis zu einem bestimmten Grad trainieren konnte, da der Körper „irgendwann nicht mehr wollte“.