Nach zwei Meistertiteln in Serie feierte der SK Sturm in der ersten Runde der neuen Saison einen 2:0-Sieg beim LASK und untermauerte damit seinen Anspruch auf den Titel-Hattrick. Nein, keine Sorge, Sie haben nicht versehentlich den heutigen Freitag samt schwarz-weißem Gastspiel in Linz versäumt und halten daher auch noch nicht die Samstags-Ausgabe in Händen.
Vielmehr eröffnete besagtes 2:0 im Sommer 1999 Sturms Anlauf auf die abermalige Titelverteidigung, Gerald Strafner und Jan-Pieter Martens sorgten auf der Gugl für Jubel bei Meistertrainer Ivica Osim, der auf seinen verletzten Stammtorhüter (Kazimierz Sidorczuk) verzichten musste. Wie es der Zufall so will, startet Sturm 26 Jahre später erneut mit Gegner LASK und ohne Einser-Goalie (Daniil Khudyakov) als doppelter Gejagter in die neue Spielzeit.
Oder anders ausgedrückt: Zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte haben die Grazer die Chance auf einen Dreierpack in Sachen Meistertitel. Tatsächlich gelungen ist ein solcher Hattrick seit Einführung der Bundesliga 1974/75 erst drei Vereinen. Austria Wien und der FC Red Bull Salzburg liegen auf der Hand – diese beiden Vereine sind mit jeweils 14 Meistertiteln auch die klaren Dominatoren der Bundesliga-Ära. Dazu gesellt sich der FC Tirol Innsbruck, der 2000 Sturm entthronte und 2001 und 2002 weitere Titel folgen ließ.
Red Bull als Dominator
Die Tiroler hatten es 1999 unter der Anleitung von Kurt Jara am finalen Spieltag übrigens bereits in der Hand, das Zünglein an der Waage zu spielen und Sturms Titelverteidigung zu verhindern. Mario Haas und Co. behielten mit einem 3:0-Sieg jedoch die Nerven. Folglich startete nach den Triumphen 1998 und 1999 erneut als Topfavorit. Sämtliche Trainer hatten in der traditionellen Umfrage vor Saisonbeginn Sturm als Favoriten auf der Rechnung, Meistermacher Osim bremste und rechnete mit Spannung pur: „Sieben Vereine haben die Möglichkeiten, oben mitzuspielen.“
Die Realität: Tirol legte mit sieben Siegen in den ersten sieben Spielen die Basis für Titel Nummer eins. Auch in den beiden Jahren darauf erwiesen sich die mit allen Wassern gewaschenen Innsbrucker um Michael Baur und Roland Kirchler als cleverer, routinierter – und viel zu teuer. Verdunkelte sich der finanzielle Himmel über Sturm erst langsam, entlud sich 2002 das Konkurs-Gewitter am Fuße der Nordkette über dem amtierenden Meister. Für Titel Nummer drei zeichnete übrigens ein gewisser Joachim Löw (später Weltmeister mit Deutschland) als Trainer verantwortlich, nachdem Kurt Jara als Doppel-Champion nach Hamburg weitergezogen war.
Jara wiederum stand als erster Chefcoach von Red Bull Salzburg am Anfang jener Zeitenwende, die Titel-Hattricks im klassischen Sinne zwei Jahrzehnte lang vermeintlich unmöglich machten. Das erste Bundesliga-Spiel der „Bullen“, eine 1:3-Niederlage beim GAK am 12. Juli 2005, jährte sich unlängst zum 20. Mal. Der finanzielle Vorteil der Konzern-Kicker war anfangs größer als ihr verlässlicher Erfolg. Dank adaptierter Personalpolitik gelang es den Mozartstädtern jedoch zunehmend konstant, diesen Trumpf auszuspielen. Zehn Meistertitel in Folge von 2014 bis 2023 zeugen von einem zwischenzeitlich ausgehebelten Wettbewerb. Hattricks am Fließband quasi.
Allzu lange ist es nicht her, da hätte man die Ankündigung, dass ein anderer Verein als die unantastbaren Salzburger 2026 zum dritten Mal in Folge Meister werden könnte, als irrwitzige Prognose abgetan. Allein dies unterstreicht, welche Heldentat Sturm in den vergangenen beiden Saisonen gelungen ist. Trotzdem erscheint die mit dem Einstieg von Red Bull verbundene Zeitenwende eine nachhaltige zu sein.
Denn anders als 1999 setzt aktuell die absolute Mehrheit der Bundesliga-Trainer aufgrund der finanziellen Mittel beinahe reflexartig weiterhin auf Salzburg. Auch Sturm-Trainer Jürgen Säumel, der jedoch nicht vergisst zu erwähnen, dass die schwarz-weißen Ambitionen ehrgeizig bleiben. Auch Salzburgs Übungsleiter Thomas Letsch erinnert an den eigenen Meister-Anspruch. Der Deutsche erwähnt neben Sturm jedoch auch Austria Wien, den WAC und Rapid: „Ich will damit sagen, ich habe im Moment keine Ahnung. Ich weiß nur, dass der, der es am Schluss ist, verdient Meister ist.“
Kein klarer Favorit
Diese Aufbruchstimmung ist derzeit vielerorts greifbar. Neben den genannten Vereinen kann man angesichts der Ansprüche in Linz auch den LASK dazunehmen. Nach Jahren der Lähmung durch die Unantastbarkeit von Salzburg wirkt die Liga wie durchgelüftet, nachdem Sturm gleich doppelt beweisen konnte, dass das Unmögliche möglich ist und in der abgelaufenen Saison auch Wolfsberg und die Austria bis zur letzten Minute im Rennen waren. Entsprechend groß sind Vorfreude und Optimismus bei vielen Klubs, entsprechend ausgeprägt ist der Glaube, dass auch die neue Saison automatisch spannend wird. Auch dies macht den Zauber der Phase vor dem Saisonstart aus. Die ersten Enttäuschungen sind ohnehin unvermeidbar.
Dies musste vor einem Vierteljahrhundert auch Sturm zur Kenntnis nehmen. Nach einer Aufholjagd verzögerte man die Entscheidung zu Gunsten Tirols immerhin bis in die letzte Runde. „Meine Enttäuschung hält sich in Grenzen. Weil man kann einen Titel nicht verlieren, man kann ihn nur gewinnen“, philosophierte Osim damals als frischgebackener Vize. Aus diesem Blickwinkel kann Sturm auch diesmal nur gewinnen.