Robin GosensGegen England könnte der neue deutsche Stern ein zweites Mal aufgehen

Deutschlands neuer Publikumsliebling kickte noch nie in seiner Heimat. Mit Atalanta-Legionär Robin Gosens hat das DFB-Team wieder einen echten Typen, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Im EM-Spiel gegen Portugal wurder er nicht nur Mann des Spiels, er revanchierte sich auch an Superstar Cristiano Ronaldo. Heute gegen England könnte er wieder entscheidend sein.

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© AFP
 

"Das ist doch affengeil! Wenn ich in so einem Turnier ein wichtiges Tor schieße, das auch für den ganzen Verlauf wichtig sein kann, da geht mir einer ab." Robin Gosens redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Nach dem 4:2 gegen Portugal im zweiten Spiel der EM-Gruppe F strahlte der Linksverteidiger von Atalanta Bergamo nach einem Tor und zwei Assists über beide Ohren. Typen hat das DFB-Team mit Joshua Kimmich, Thomas Müller oder Mats Hummels definitiv in der Mannschaft. Robin Gosens ist anders - und doch einer aus dieser Riege. Der 26-Jährige redet immer Klartext und lässt in jedem Spiel sein Herz auf dem Platz.

Und genau das werden die Deutschen heute im Wembley gegen England wieder brauchen. Speziell auch, weil die Ausrichtung der Teams ihm wieder so zugute kommen kann, wie es im Portugal-Spiel der Fall war. Steht ein Gegner tief, so wie die Ungarn im packenden 2:2-Gruppenfinale, kann sich Gosens auf der linken Außenbahn nicht so entfalten. Selbiges gilt übrigens für sein Penant auf rechts, Kimmich. Doch heute kommt ein Gegner, der selbst mitspielen will und - ähnlich wie Portugal - eben Räume für Tiefenläufe über außen bieten wird.

Und vielleicht wird der neue Lieblings-Deutsche wieder zum entscheidenden DFB-Faktor für den Aufstieg ins Viertelfinale: Mit zwei Assists und einem Tor legte Gosens gegen Portugal im zwölften Länderspiel seine bisher beste Leistung im DFB-Dress hin. In der defensiven Fünferkette mit zwei offensiv ausgerichteten Außenverteidigern kann Gosens mit Kimmich auf der rechten Seite eben eine perfekt abgestimmte Flügelzange bilden.

Durchbruch mit Restalkohol

Dass der Kicker aus Nordrhein-Westfalen, der nie in einer Nachwuchs-Akademie spielte, in der Jugend beim Dortmund-Probetraining durchfiel und eigentlich sowieso Fan des FC Schalke ist, überhaupt jemals den deutschen Bundesadler auf der Brust tragen würde, damit hatte nicht einmal er selbst rechnen können. Nahe der holländischen Grenze aufgewachsen - sein Vater ist Holländer und Gosens hat beide Staatsbürgerschaften - wurde Gosens in der U19 des Landesligisten VfL Rhede mit 17 Jahren entdeckt. Und zwar vom niederländischen Erstligisten Vitesse Arnheim. In einem Spiel, bei dem er nach eigenen Angaben nach einer durchzechten Nacht noch mit Restalkohol aufgelaufen war.

Durchsetzen konnte er sich dort nicht, wurde in die zweite Liga nach Dornheim verliehen und wechselte 2015 zu Almelo. Nach zwei starken Jahren in der Eredivise war er dem italienischen Mittelständler Atalanta Bergamo immerhin 1,2 Millionen Euro wert, ging 2017 in die Serie A.

Dort wurde Gosens, der mit Freundin Rabea und dem gemeinsamen Hund Malou in Bergamo lebt, Teil eines wahren, zweijährigen Fußballmärchens. 2019 und 2020 qualifizierte sich der kleine Klub im Norden von Mailand für die Champions League, Gosens hält bei 15 Einsätzen. "Als ich das erste Mal die Hymne hörte vor einem Spiel dachte ich mich auch: 'Was machst du hier?'", konnte Gosens seine eigene Geschichte kaum glauben. Abgeblitzt ist er allerdings bei Cristiano Ronaldo. Nach einem Ligaspiel fragte Gosens den Superstar um dessen Trikot. Ronaldo würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. "Ich bin von der Platte rasiert worden, fühlte mich plötzich winzig klein mit Hut", schilderte Gosens in seiner Biographie. Bei der EM hat er sich für diese Arroganz-Aktion allerdings in bester Manier revanchiert.

Irgendwo zwischen Podolski und Alaba

2020 folgte mit dem Nationalteam-Debüt der erste Schritt zum Turnier unter Joachim Löw, dessen Ausrichtung bei der EM wie für Gosens gemacht ist. Offensiver Außenverteidiger in einer Fünferkette - genau das ist seine Position auf der er sich in Bergamo in die Herzen der Fans spielte. Irgendwas zwischen Lukas Podolski und dem früheren David Alaba also. Zweikampfstark hinten, strammer Abschluss und gute Flanken vorne. Außerdem wird ihm wegen seiner Art eine Ähnlichkeit zu "Prinz Poldi" nachgesagt und sein fußballerisches Vorbild ist übrigens Alaba.

Heute kann der deutsche Stern ein zweites Mal aufgehen. Und vielleicht geht Gosens ja wieder "einer ab".

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