Es sprach eigentlich nichts mehr für das deutsche Nationalteam der Frauen. Und das bereits nach etwas mehr als zehn Minuten im EM-Viertelfinalspiel gegen Frankreich. Kathrin Hendrich zog Gegenspielerin Griedge Mbock Bathy im Strafraum ohne jeglichen Grund an den Haaren, sah Rot und den folgenden Elfmeter verwandelten die Französinnen zur 1:0-Führung. Das bis dahin bei diesem Turnier so starke Frankreich hatte also fast 80 Minuten Überzahl, zudem einen Vorsprung im Rücken. Und Deutschland? Ließ die so oft zitierten deutschen Tugenden aufleben – und wie.
Sjoeke Nüsken glich mit einem Kopfball in der 25. Minute aus, brachte die DFB-Elf zurück in die Partie. Zwei Frankreich-Treffer, einer nach Traumkombination und Fersen-Abschluss, wurden kurz vor und kurz nach der Pause jeweils wegen knappem Abseits zurückgenommen. In der 69. Minute vergab Nüskens einen Elfmeter und die Chance zur Führung. Ein Rückschlag für das dezimierte Deutschland? Mitnichten.
Angeführt von der überragenden Torfrau Ann-Katrin Berger, die mehrmals in höchster Not parierte, kam Deutschland ins Elfmeterschießen, wo die 34-Jährige nicht nur den entscheidenden Strafstoß abwehrte, sondern selbst auch einen erfolgreich verwertet hat. „Sie sind weiter. Es tut mir leid, das sagen zu müssen. Aber sie haben es nicht verdient. Wir haben sie von A bis Z dominiert“, jammerte Frankreichs Abwehrspielerin Selma Bacha. „Jetzt bin ich eine schlechte Verliererin.“ Lediglich Teamchef Laurent Bonadei meinte fair: „Deutschland war heldenhaft.“
Die starke Leistung Bergers erscheint in noch hellerem Licht, wenn man auf ihr Leben zurückblickt. Zweimal, nämlich 2017 und 2022, erkrankte sie an Schilddrüsenkrebs. Beide Male kämpfte sie sich ins Leben und zum Fußball zurück. „Meine Krankheit hat mich zu 70 Prozent geprägt“, sagt die Spielerin von Gotham FC (USA). „Auf dem Platz passieren manchmal Fehler, aber dann sage ich mir: ,Du stehst noch auf beiden Beinen und spielst noch Fußball.‘ Dann reißt man sich zusammen.“
Nun wartet auf Berger und ihre deutschen Landsfrauen am Mittwoch das Halbfinal-Spiel gegen Topfavorit Spanien. Gewinnt man das, könnte es zur Neuauflage des EM-Endspiels von 2022 kommen. Ein Spiel gegen England wäre für Berger ein ganz besonderes. Erstens, weil England die Torfrau vor ihrem DFB-Debüt einbürgern wollte und zweitens, weil bei den „Lionesses“ mit Jessica Carter auch die Verlobte Bergers spielt. Die konnte den Triumph ihrer Verlobten nicht vollends genießen, denn: „Seit Beginn der EM muss ich mich mit rassistischen Beleidigungen konfrontieren“, schreibt die dunkelhäutige Carter auf Instagram. Daher wird sie sich vorerst von Social Media zurückziehen, um den Fokus auf das bevorstehende Halbfinalspiel am Dienstag gegen Italien halten zu können.
Dort wird das englische Nationalteam der Frauen vor Ankick übrigens nicht mehr auf die Knie gehen, so wie sie es als Zeichen gegen den Rassismus und Ungleichheiten bisher auch während des Turniers in der Schweiz gemacht haben. „Wir müssen einen anderen Weg finden, Rassismus zu attackieren“, heißt es in einem Schreiben des britischen Verbandes.