Kanada und die Streif, das war einmal eine Liebesgeschichte. Zwischen 1980 und 1983 sorgten Ken Read, zweimal Steve Podborski und schließlich Todd Brooker für vier Siege in Serie. Es war die Ära der „Crazy Canucks“, der verrückten Kanadier, die Kopf und Kragen riskierten. Danach aber versiegte der Erfolgsfluss ein wenig, nur bei Weltmeisterschaften gelangen Überraschungen. So wie vor zwei Jahren in Courchevel, als James Crawford, den alle immer nur „Jack“ rufen, ganz oben stand. Danach aber wurde es wieder stiller um den Mann aus Ontario. Bis just bei der einen Abfahrt, die auch in Kanada ganz oben steht, endlich der Knoten platzte: Crawford fuhr mit Nummer 20 zum Sieg auf der Streif, seinem ersten im Weltcup. Und weil Teamkollege Cameron Alexander als Dritter auch aufs Podest raste, wurde dieser Samstag zum kanadischen Feiertag.
„Ich habe damit zu kämpfen gehabt, wieder so Ski zu fahren, wie ich es kann.“ Im Jahr nach dem WM-Gold gab es für den passionierten Hockey-Spieler, der einst mit dem kanadischen Superstar Connor McDavid über Eis lief, keinen Podestplatz, heuer begann die Saison besser, aber ein Ausfall im Super-G von Beaver Creek bremste wieder alles. „Erst in Wengen habe ich mich wieder gut gefühlt, die Ski haben unter mir wieder das getan, was ich wollte“, sagte er. Aber just hier auf der Streif den Knoten endgültig zum Platzen zu bringen? „Das ist beinahe surreal“, meinte der 27-Jährige, der nicht nur nach der Zielankunft ganz kurz seine sonst so ruhige Art vergaß. „Heute gibt es richtig Partyyyy“, schrie er ins Mikrofon des Platzsprechers. Und auf Nachfrage kam ihm da ein verschmitztes Lächeln aus: „Ja, ich war schon das ein- oder andere Mal im Londoner. Und nach dem offiziellen Teil werden wir dort heute sicher auch wieder aufschlagen“, versprach er. Der ruhige Kanadier als „Party-Tier“? Auch da lächelt Crawford und sagt: „Mitunter kann das vorkommen.“
42 Jahre dauerte es bis zum nächsten kanadischen Sieg. In einem Verband, der oft mit finanziellen Sorgen zu kämpfen hat, die Läufer tragen selbst ihren Teil bei, um die Rahmenbedingungen zu verbessern. Da tun auch die 100.000 Euro Preisgeld für den prestigeträchtigen Sieg gut. Aber nicht nur das: „Es bedeutet mir so viel. Ken Read, der ja auch unser Verbandspräsident war, kenne ich von Kindheitsbeinen an. Er wurde zum Freund. Aber ich kenne auch Todd Brooker und Steve Podborski, sie wissen, was es heißt, hier zu siegen.“ Weiter wollte er die Vergleiche aber nicht treiben: „Ich bin noch lange kein Crazy Cannuck, ich bin auch keiner der Canadian Cowboys wie mein Trainer John Kucera, der auch Weltmeister war. Ich weiß nicht, was und wer wir sind. Aber es ist uns heute gelungen, das zurückzubringen, was wir in Kanada schon hatten.“
Courchevel und WM-Gold sei für ihn selbst Beweis gewesen, „dass ich es kann“. Nun hat er auch den Makel getilgt, ein Weltmeister ohne Weltcupsieg zu sein. „Und das auf der Strecke, von der man schon als Kind träumt. Just hier zu siegen, das ist anders als WM-Gold, ein anderes Gefühl. Aber mindestens so befriedigend wie WM-Gold.“ Den kanadischen Tag perfekt machte eben Cameron Alexander mit Rang drei. Der konnte es beinahe nicht glauben: „Das hier ist der Ort, an dem du das Beste aus dir herausholen willst. Ich will hier so sehr siegen wie nirgendwo sonst. Dann wirklich auf dem Podest zu sein, wenn noch dazu ein Teamkollege gewinnt, das ist zu gut um wahr zu sein.“ Was die Kanadier auch schafften: Die fünfte Abfahrt der Saison ist nach vier Schweizer Doppelsiegen diese Saison und dem fünften Schweizer Abfahrtssieg in Serie ein Bruch dieser Serie. Einer, der wieder Spannung in die ganze Sache bringt. Und den Kanadiern Mut macht: „Das“, sagte Crawford, „ist nur ein Beweis dafür, was in dieser Mannschaft steckt.“