„Sind Sie auch so begeistert?“, fragt eine Dame spontan den Fremden neben ihr. Da hatte Yannick Nézet-Séguin gerade mit der Ouvertüre zur Strauß-Operette „Indigo und die vierzig Räuber“ die ersten Bravo-Rufe des Neujahrstages eingeheimst. Es war der Anfang eines Triumphzuges, den das Publikum dem 50-jährigen Franco-Kanadier bei seinem ersten Neujahrskonzert bereitete.
Doch zuvor mussten die Glücklichen, die eine Karte ergattert hatten, einige Hürden überwinden. Vor dem Musikverein standen Metalldetektoren, Kohorten von Polizisten sicherten die Scharen von Diplomaten, Politikern und Prominenten in der Menge. Tickets aus Papier gab es nicht, die Karten auf der Homepage der Philharmoniker mussten am Handy vorgewiesen werden. Der QR-Code änderte sich alle 15 Sekunden, wohl, um den Schwarzmarkt auszuschalten. Wegen der umständlichen Prozedur öffnete das Haus schon zwei Stunden vor Beginn des Konzerts seine Pforten, nicht aber die oberen Stockwerke und den Saal.
Mit diamantglitzernder Fliege
Der Rummel um das Konzert mit der größten Zuhörerschaft kann den Chefdirigenten der Metropolitan Opera New York und des Philadelphia Symphony Orchestra nicht aus der Ruhe bringen. Die Partitur, die in der Generalprobe noch vor ihm gelegen war, fehlt am Neujahrstag. Mit diamantglitzernder Fliege stürzt sich der Debütant ins Gewühl, als hätte er sein Leben lang Wiener Tanzmusik geleitet.
Nézet-Séguin beweist: Man muss nicht aus der Donaumonarchie stammen, um diese Musik zu verstehen. Es genügen Einfühlsamkeit, hohe Musikalität, stupende Schlagtechnik und ein Temperament, das die sprühende Vitalität dieser Werke in Klang verwandeln kann. Philharmoniker berichten aus den Proben, dass sich der Gast von seinem Orchester gerne in Sachen Walzer beraten ließ. Auch dieser Lernbereitschaft galt wohl der Applaus, den das Orchester seinem Dirigenten am Ende spendet.
Turbulente halbe Stunde
Nézet-Séguin eröffnet mit einer turbulenten halben Stunde, die ihm die Gunst des Publikums sichert. Schmissig, locker und doch fein durchgearbeitet jagt ein Galopp den nächsten, reiht sich Polka an Quadrille. Man muss dabei auch nicht an das kosmopolitische, menschenfreundliche Programm denken, das der Dirigent in sein Programm einweben wollte. Dreisprachig wünscht er dem Publikum zum Abschied Frieden, Freundlichkeit und Verständnis für die Unterschiede unter den Menschen – im verbindenden Geist der Musik.
Komponistinnen im Programm
Komponistinnen ins Programm aufzunehmen, gehört schon fast zur Tradition. Josefine Weinlich, die Gründerin des „Neuen Wiener Damenorchesters“, zeigt mit ihren „Sirenen-Liedern“, dass sie auf Augenhöhe mit den berühmteren Männern steht. Der „Rainbow Waltz“ der Komponistin Florence Price beweist die Wandlungsfähigkeit des Genres und das Können der Afro-Amerikanerin, für deren Werk sich Nézet-Séguin intensiv einsetzt.
Selten haben die Wiener Philharmoniker so viel zu singen wie diesmal. Joseph Lanners Malapou-Galopp imitiert in grotesken Rufen der Orchestermusiker indische Musik: „Hama, himi, holo“ grölen die Instrumentalisten mit Lust. Beim exotischen „Egyptischen Marsch“ von Johann Strauß Sohn muss der philharmonische Chor mit schlichtem „Lalala“ das Auskommen finden. Bei der Zugabe, Philipp Fahrbachs Polka schnell „Zirkus“, darf nicht nur das Orchester, sondern auch das Publikum unartikulierte Rufe ausstoßen.
Tradition des Ulks
Nézet-Séguin belebt auch die alte Neujahrskonzert-Tradition des Ulks wieder. Wenn der witzige „Kopenhagener Eisenbahn-Dampf-Galopp“ Hans-Christian Lumbyes durch den Saal stampft, mischt sich der Dirigent mit Trillerpfeife und Kelle als Fahrdienstleiter ein. Die Zirkus-Polka inszeniert er als Watschen-Tanz, in dem der Chef am Ende mit riesiger Klatsche obsiegt. Zum Radetzkymarsch eilt er am Ende in den Zuschauerraum, um das Publikum mit ausladender Gestik anzufeuern, präzise mitzuklatschen. Wegen der stehenden Ovationen aber ist nur sein hoch erhobener Stab über den Köpfen sichtbar.
Was auch immer dieser Dirigent in zweieinhalb Stunden anrührt, verwandelt sich in leichtfüßige, federnde Tanzmusik. Die Mischung aus Detailgenauigkeit, Spontaneität und Heiterkeit, mit der Nézet-Séguin und die Philharmoniker das Jahr begonnen haben, machen ein Neujahrskonzert erst zum Fest. Tugan Sokhiev wird es nicht leicht haben, 2027 hier anzuknüpfen. Nézet-Séguin aber muss sich um weitere Einladungen wohl keine Sorgen machen.