Dry January, ein Jahres-Kaltstart ohne Alkohol. Warum sollte ich da mitmachen? Na ja, als die Kolleginnen der Gesundheitsredaktion auf der Suche nach freiwilligen Trockenlegungs-Testimonials waren, kam der Kollege um die Ecke und scherzte: „Fragt's den Hecke, der ist doch Musiker!“ Na ja, okay, wenn's sein muss.

Journalist und Musiker, gefangen in der Klischeefalle: Wenn Österreich im Durchschnitt pro Jahr zwölf Liter reinen Alkohol säuft, möchte man sich als Doppler-Risikogruppe gar nicht erst ausrechnen, wie viel man hier für alle abstinenten Nachbarn mit leistet, um den Durchschnitt auf dieses Niveau hochzutrinken. Die Selbsttests der Gesundheitsmagazine alle gemacht. Und wie viele Tage pro Woche schaffst Du eigentlich ohne Alkohol? Flasche leer, das Glas halb voll?

Fünf Prozent in der Reblaus-Republik gelten als Alkoholiker, weitere zehn Prozent saufen gesundheitsgefährdend. Aufklärungsportale raten: „Prost ohne Promille! Du kannst auch ohne Alkohol lustig sein.“ Ja, wir haben schon mehr gelacht. Jetzt erklären selbst einstige Prosecco-Hedonisten, die dem Sprudel abgeschworen haben, in Achtsamkeitspose dem Universum gegenüber, wie viel klarer sie in ihrem Leben plötzlich sehen. Geschenkt! Muss man jedem Trend nachlaufen?

Wirkungstreffer für Wirkungstrinker

Schöne, neue Welt: Black Friday ersetzt den Schlussverkauf. Der Movember-Schnauzer erspart uns die Prostata-Vorsorge, oder nicht? Der Neujahrsvorsatz, Synonym fürs große Scheitern, muss dem Dry January weichen. Ein Wirkungstreffer für Wirkungstrinker: So vergeht uns mit dem Neujahrskater vielleicht doch auch der Durst nachhaltig.

Aber ich will ehrlich sein: In einem Jahr, da Weinbauern besorgt auf ihre Umsätze schauen, weil Österreich immer weniger trinkt, Univiertel-Wirte stöhnen, weil die Jungen das Komasaufen verlernt haben, schaue auch ich beunruhigt in die Zukunft: Verspielt Rot-Weiß-Rot in der globalen Promille-Liga seine Top-Ten-Position? Und ist es dann auch meine Schuld?

Trotzdem will ich jetzt den Teufelskreis durchbrechen. Denn nach Glühweinfestivals in Fußgängerzonen, Weihnachtsfeiern, Weihnachtsfest, Stefanirausch, Bauernsilvester- und gutem Rutsch mit Vollrakete stehen bei mir die guten, alten Freunde Spalier, um mit mir meinen nahenden Geburtstag zu begießen. Ich bin schwach. Da braucht es eine Waffe gegen den Gruppendruck. Ich werde das Dry-January-Ticket zücken, ein alkoholfreies Bier bestellen und tun, als schmeckte es mir. Der neue steirische Brauch der armen Schlucker. Bleiben Sie dran! Herr Ober, bitte ...