Das Ende ist nah. Wieder einmal. Wer meint, die Auftritte der "Letzten Generation" mit ihren Klebeaktionen seien allzu dramatisch in ihrer Weltuntergangsangst, der sollte einen Blick in die Religionsgeschichte Europas werfen. Da geht noch mehr. Im 13. Jahrhundert sahen Warnungen vor dem durch die Verfehlungen der Menschheit bevorstehenden Ende so aus: " … zogen Männer, Jünglinge und Knaben Tag und Nacht mit Bannern und brennenden Kerzen von Stadt zu Stadt, um sich in jeder Stadt, die sie passierten, gruppenweise vor der Kirche aufzustellen und sich stundenlang zu geißeln."

Die Geschichte des Christentums und des von ihm geprägten Europas ist von Anfang an auch eine Geschichte der Weltuntergänge und ihrer Propheten. Der Ruf "Erde brennt" ist in unserem kulturellen Gedächtnis verankert, weil genau dieser Untergang in Feuer und Schwefel bereits in der biblischen Offenbarung des Johannes, auch bekannt als Apokalypse, zu finden ist und seitdem millionenfach zitiert wurde. Die Vorstellung, die letzte Generation auf dieser Erde zu sein, prägte die ersten Christen, die in ständiger Naherwartung des Endes der bestehenden Welt und des Anbruchs einer neuen Welt lebten.

Wer in einer solchen großen Erzählung lebt, der findet reichlich Anlässe, den Untergang "jetzt aber wirklich" gekommen zu sehen. Die Barbaren erobern Rom – der Rest der Welt wird fallen, wenn wir unser heidnisches Leben nicht ändern. Die Pest rafft halb Europa dahin – wir müssen Buße tun und uns geißeln, bis das Blut fließt. Regen und Kälte lassen die Feldfrüchte verfaulen –, wir alle werden verhungern, so wir nicht sofort radikal umverteilen und den Reichen alles nehmen, um es den Armen zu geben. Sogar die Warnung vor Migrationsströmen aus fernen Landen als unmittelbaren Vorboten des Untergangs ist kein politischer Topos der Gegenwart, sondern beschäftigte schon mittelalterliche Chronisten und Illustratoren in Gestalt der Mongolen.

Die Angst ist echt. Damals wie heute. Niemand geißelt sich zum Vergnügen blutig und niemand klebt sich aus Spaß auf eine stark befahrene Straße und lässt sich dort beschimpfen. Zumindest der harte Kern jener, die in so dramatischen Bildern vom nahen Weltenbrand reden, war im Jahr 1260 wie im Jänner 2023 von den Schrecken überzeugt, die sie heraufziehen sahen. Zumal, damals wie heute, Seuchen, Hungersnöte, Kriege und Klimaerwärmung in der Tat reale Ereignisse sind, die zu Recht Angst machen. Die religiöse Apokalyptik bezieht ihre Wirkung genau daraus: echte, existenzbedrohende Ereignisse zu einem einzigen großen Bild zu verdichten und ihnen einen finalen historischen Sinn zu verleihen, nämlich jenen, das Ende der bisherigen Welt und Geschichte einzuleiten.

Damit verbunden sind zwei weitere, lange Zeit religiöse Momente: zunächst die moralische Mahnung, der Aufruf zur Umkehr. Die erwarteten und düster ausgemalten Schrecken des Untergangs werden als Folge menschlichen Fehlverhaltens verkündet, für das ab sofort Buße getan werden muss, um dem furchtbaren Ende zu entgehen.

Das zweite, ursprünglich religiöse, Motiv, das zu solchen Weltuntergangsängsten gehört, ist das Versprechen einer paradiesischen neuen Welt, wenn ausreichend Buße getan wurde. Eine Welt umfassenden Friedens zwischen Mensch und Natur, eine Welt, in der es keine Reichen und keine Armen, ja überhaupt kein Eigentum mehr gibt, eine Welt ohne Ausbeutung, basierend auf der umfassenden Gerechtigkeit zwischen den Völkern und Geschlechtern.

Das ist keine Zitatensammlung von Klimademos, sondern eine Kurzfassung der Lehren apokalyptischer Bewegungen im Mittelalter. Der britische Historiker Norman Cohn nennt die Anhänger der Geißlerbewegung des 13. Jahrhunderts "eine Elite sich selbst opfernder Erlöser" und erklärt damit auch die Faszination von (oft jungen) Menschen, sich in dramatischen Aktionen gegen den drohenden Weltuntergang zu engagieren. Der Apokalyptiker und die Apokalyptikerin erheben sich aus ihrer gefühlten Ohnmacht vor dem unvermeidlichen Ende zu Akteuren ihrer Angst. Ja mehr: Sie machen sich zur Elite der Wissenden, die den Weg zur Erlösung kennen und die bereit sind, für die Rettung ihre geordnete Existenz und ihre Gesundheit zu opfern. Diese radikale Opferbereitschaft und das Bedürfnis, das Wissen um den drohenden Untergang allen mitzuteilen, rechtfertigen in der mittelalterlichen wie modernen Stadt die Störung der öffentlichen Ordnung – oder noch weitergehende Handlungen.

Denn auch das lehrt die Geschichte verschiedener "Erde brennt"-Bewegungen: Der Schritt von der Selbstgeißelung zum gewalttätig vergossenen Blut anderer ist kein allzu großer. Umso begrüßenswerter ist die ausdrückliche Ablehnung jeder Gewalt durch die gegenwärtigen Klimabewegungen in Österreich.

Damit verbunden sei noch ein Trost für jene, die derzeit das Ende in Feuer und Schwefel so sehr fürchten: Erfolgreiche Apokalyptiker erkennt man in der historischen Nachbetrachtung daran, dass ihre Lehren in einer deradikalisierten Version zur allgemeinen Meinung geworden sind. Die mittelalterlichen Geißler haben nicht dazugehört.

Theresia Heimerl
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