Österreich“, so dozierte Bruno Kreisky am Höhepunkt seiner Strahlkraft in einem Interview, „befindet sich in einem Umwälzungsprozess. Das Gute daran ist, dass die meisten Menschen es nicht bemerken.“ Das war 1978 und Letzteres des Sonnenkönigs großes Glück. Fast 50 Jahre später fegt ein Sturm diverser Revolutionen über das Land und den Rest der Welt hinweg, welche die damaligen Veränderungen wie ein laues Lüfterl erscheinen lassen. Zum Pech für Kreiskys Enkel kommt hinzu, dass die allermeisten die Folgen irgendwie spüren.

Andreas Babler und seine SPÖ können davon ein Lied singen. Der Sozialdemokratie weht in Österreich und darüber hinaus eine steife Brise ins Gesicht. Hinzu kommt, kaum dass sich die Dreierkoalition aus dem Ärgsten heraußen wähnt und auf ein bisschen Aufschwung hofft, mit dem Iran-Krieg der nächste große Konflikt alle Erfolge zunichtezumachen droht. Das Glück ist auch in der Politik ein Vogerl.

Viele „Bableristas“ unter den Gästen

In der Wiener Messe war davon an diesem strahlenden Samstag trotzdem wenig zu spüren. Die Gefühlslage der meisten der 607 Delegierten erwies sich ungeachtet der düsteren Weltenlage als locker bis tiefenentspannt. Das hätte auch anders kommen können, wenn Ex-Kanzler Christian Kern seine Kampfkandidatur gegen Babler nicht vor zwei Wochen abgesagt hätte.

Sicherheitshalber hatte die Parteitagsregie trotzdem mehr als 1000 Gäste eingeladen – und wie es der Zufall so wollte, befanden sich unter diesen mehrheitlich überzeugte „Bableristas“. Wäre es zu einer Gegenkandidatur gekommen, wäre dem amtierenden Vorsitzenden die lautstarke Unterstützung sicher gewesen. So aber hieß es „die Luft ist draußen“. Das bekam die Kleine Zeitung vor Beginn des Parteitags öfters von Delegierten zu hören.

Von den alten Granden waren nur Kanzler a. D. Franz Vranitzky und Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl gekommen. Dass Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil fernbleiben würde, war lange vorher bekannt. Dafür war die Riege der übrigen Landeschefs nach Wien gepilgert, allen voran Wiens Stadtchef Michael Ludwig sowie Max Lercher und Daniel Fellner an der Spitze der steirischen und Kärntner Delegationen. Elly Schlein, die Chefin der italienischen Schwesterpartei der SPÖ, wünschte per Video alles Gute. Vor Peter Kaiser, dem scheidenden Landeshauptmann, einem der letzten Ruhepole dieser aufgewühlten Partei, verneigte sich Babler von der Bühne herab. Langer Applaus war dem Kärntner gewiss. War hier Wehmut mit dabei, galt der Jubel für Markus Marterbauer ganz der Gegenwart – und, wer weiß, vielleicht auch einer möglichen Zukunft. Auf Lob für den Finanzminister können sich die ärgsten Gegner in der SPÖ einigen.

„Mein Name ist Lercher“

„Ordnen statt spalten“ gab die SPÖ für den Parteitag als Motto aus – und praktisch alle verstanden das zuvorderst als Appell an die eigene Adresse. Das machte Gastgeber Ludwig in seiner Begrüßung deutlich, indem er den Genossen ins Gewissen redete und sie zu Geschlossenheit mahnte. Dieser Wunsch zog sich wie ein roter Faden durch sämtliche Wortmeldungen. Eine steirische Delegierte aus Murau hatte sogar die Lacher auf ihrer Seite: „Mein Name ist Lercher“, donnerte die Frau mit Vornamen Marie vom Rednerpult ins Publikum, „ich komme aus der Steiermark und ich unterstütze unseren Parteivorsitzenden“. Ihr Namensvetter Max, der steirische Landesparteiobmann, zählt, wie jeder weiß, nicht zu dessen größten Fans.

Und Babler selbst? Der weiß, wie man interne Mehrheiten organisiert, und seien sie nur relativ. Und er versteht sich ebenso gut darauf, die Sehnsucht nach einer linken Politik wachzurütteln. Genau das tat der Vizekanzler denn auch in seiner einstündigen Rede. Parteitagsreden kann er, der Babler.

Entsprechend legte er sich ins Zeug: Gegen die FPÖ, Donald Trump, Viktor Orbán und den Neoliberalismus sowieso. Für einmal – eine Premiere – wechselt er sogar ins Englische und sicherte allen Gegnern des US-Präsidenten Solidarität zu. Inhaltlich beschwor er den Kampf für eine gerechte Gesellschaft: „Das sag ich ganz deutlich: Die Debatte um die Millionärssteuer in diesem Land ist nicht beendet.“ Keinesfalls werde man eine erneute Teuerungswelle ungebremst durch die Volkswirtschaft rauschen lassen. Dabei überschlug sich immer wieder seine Stimme, fast ebenso oft brandete Applaus und sogar Jubel auf.

Mehrmals kam er auf die Frauenrechte zu sprechen – beim Thema Gewalt, beim Einkommen, bei der Care-Arbeit. Tatsächlich hat hier die SPÖ selbst ein Problem: Derzeit stehen ausschließlich Männer an der Spitze der neun Landesparteien. In dieser Hinsicht machte denn auch die am Freitag bestätigte Frauenvorsitzende Evi Holzleitner im Interview mit Kleine-Chefredakteurin Christina Traar deutlich, dass sie sich mehr von der eigenen Partei erwarte. Schließlich wollte Babler auch die Themen Migration und Integration nicht länger der FPÖ und anderen Rechten überlassen. Kein Tag zu spät angesichts des Umstands, dass diese Fragen dem Land längst unter den Nägeln brennen. Es brauche endlich Ordnung im System, um der irregulären Migration einen Riegel vorzuschieben – aber er werde trotzdem „keinen im Dreck liegen lassen“.

Reichen die 81,5 Prozent für Babler?

Gegen Ende spricht Babler dann endlich den unsichtbaren Elefanten im Raum an: die schlechten Umfragewerte, die vielen Wahlniederlagen, die schlechte Stimmung in der SPÖ, die viele Kritik an ihm selbst, dem Parteichef. „Niemand, der führt, ist fehlerfrei“, das gelte auch für ihn selbst, aber damit stehe er nicht allein da, weshalb er nun alle einlade, die Fehler, die wir kollektiv gemacht haben, „nicht zu wiederholen“ – „wie schön wäre es für die SPÖ, aus diesem Parteitag endlich wieder einmal gestärkt hervorzugehen!“

Reichen dafür die 81,5 Prozent, mit denen Babler schließlich als Parteichef wiedergewählt wurde? Das muss die SPÖ mit sich selbst ausmachen. Das Vogerl namens Glück wird dabei allerdings auch eine Rolle spielen.