Ein Klick – und schon sind sie mitten in einer Welt, die auf Likes, Follower und perfekte Selbstinszenierung baut. Kinder und Jugendliche bewegen sich heute auf Plattformen, die von Erwachsenen für wirtschaftliche Interessen geschaffen wurden – nicht für den sensiblen Prozess des Erwachsenwerdens. Social Media ist nicht einfach Kommunikation. Es ist ein Raum, in dem Algorithmen bestimmen, was gesehen wird, wo sich Filterblasen bilden, und Echokammern entstehen, die kaum noch kritisches Denken zulassen.
Wer noch lernt, sich selbst einzuordnen, läuft hier Gefahr, sich in Reizüberflutung zu verlieren, wie auch Valerie Huber in ihrem kürzlich erschienenen Fomo Sapiens beschreibt. Weniger Ablenkung durch Social Media bedeutet mehr Zeit für Konzentration, Lernen, Bewegung und echte soziale Kontakte.
Jugendliche unter 16 befinden sich in einer besonders prägenden Phase. Sie entwickeln ihre Persönlichkeit, ihr Selbstbild, ihre sozialen Fähigkeiten. In dieser Zeit sind sie besonders empfänglich für Bewertungen von außen – und Social Media lebt von diesen Bewertungen. Was zählt, ist Sichtbarkeit. Wer sich zeigt, wird gesehen. Doch was macht das mit einem jungen Menschen, der gerade erst beginnt, sich selbst zu finden? Social Media kann toxisch sein.
Es fördert unter den Hashtags #tradwife oder #skinnytok Vergleiche mit scheinbar perfekten Körpern, Leben, Erfolgen. Es gaukelt Nähe vor, wo keine ist, und löst Unsicherheit aus, wo Stabilität gebraucht wird. Die ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern führt nicht selten zu Selbstzweifeln, Essstörungen oder Depressionen. Cybermobbing kennt keine Pausen – es begleitet Jugendliche bis ins Bett, rund um die Uhr, anonym.
Auf TikTok, Instagram und Co. werden Krieg, Gewalt und Katastrophen in Sekundenschnelle verbreitet – ohne journalistische Einordnung, ohne Verantwortung, oft ohne Wahrheitsgehalt. Die Ereignisse letzte Woche haben dies einmal mehr gezeigt. Kinder und Jugendliche konsumieren diese Inhalte ungeschützt, überfordert, oft ohne einordnen zu können, was echt ist und was nicht.
Ein Verbot bis 16 würde keine Probleme lösen – aber es würde Zeit schenken. Zeit, um Identität zu entwickeln, Kritikfähigkeit zu stärken, Medienkompetenz aufzubauen. Und um zu verstehen, wie Plattformen funktionieren, Inhalte verbreitet werden, Meinungsvielfalt unterdrückt werden kann.
Wer später bewusst entscheidet, hat mehr Chancen, sich nicht manipulieren zu lassen. Es geht nicht um Bevormundung. Es geht um Schutz. Und ein mutiges Zeichen: Die seelische Gesundheit und Entwicklung junger Menschen wiegt schwerer als der Profit großer Tech-Konzerne.
Wissenschaftlich fundierte Konzepte aus der Psychologie, wie die „Reaktanz-Theorie“, der „Romeo-und-Julia-Effekt“ oder das „Forbidden-Fruit-Syndrom“ weisen darauf hin: Was verboten ist, wirkt oft besonders reizvoll. Verbote können somit genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie beabsichtigen – sie verstärken Neugier und den Wunsch nach Rebellion.
Genau solche Dynamiken drohen auch bei einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Anstatt junge Menschen zu schützen, könnte der Vorstoß dazu führen, dass sie Plattformen versteckt nutzen und – etwa aus Angst vor Strafe –seltener mit Erwachsenen über ihr Online-Verhalten sprechen. Selbst dann, wenn sie dort mit Hass und Gewalt konfrontiert sind. Für erwachsene Bezugspersonen wäre es unter solchen Umständen noch schwieriger, adäquat zu begleiten und im Notfall frühzeitig zu unterstützen.
Auch technisch sind die geforderten Zugangsbeschränkungen kaum realistisch, und Experten warnen vor Datenschutzrisiken bei der Altersverifikation. Zudem sind viele Kinder und Jugendliche digital versiert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie technische Schlupflöcher finden würden, um Vorgaben zu umgehen.
Aus der Fallarbeit unserer Beratungsstelle #GegenHassimNetz wissen wir, dass Jugendliche im Netz mit diversen Herausforderungen konfrontiert sind, darunter Online-Mobbing über Chatgruppen oder soziale Medien. Auch demokratiefeindliche Akteure und Influencer nutzen Online-Plattformen, um gezielt junge Menschen zu beeinflussen.
Doch das Internet ist nicht ausschließlich gefährlich: Es bietet Jugendlichen wertvolle Räume zur Information, zum Austausch und zur politischen Teilhabe. Die Voraussetzung einer positiven Nutzungserfahrung ist aber, dass sie Werkzeuge zur Hand haben, um sich sicher im Netz zu bewegen. ZARA setzt sich deshalb statt einem Verbot für nachhaltige Prävention ein, um junge Menschen auch langfristig dazu zu befähigen, mündige und resiliente Internetnutzer*innen zu sein.
Um das zu erreichen, braucht es Maßnahmen: In der Schule und der außerschulischen Jugendarbeit muss systematische Medienbildung Kinder und Jugendliche sowie Eltern und Lehrkräfte befähigen, digitale Inhalte kritisch zu hinterfragen und Gefahren frühzeitig zu erkennen.
Junge Betroffene von Hass im Netz brauchen niedrigschwelligen Zugang zu Meldestellen, mehr psychosoziale Betreuung und verlässliche Unterstützung durch erwachsene Bezugspersonen. Und: Plattformen müssen noch stärker in die Pflicht genommen werden, gegen Hass und gefährdende Inhalte vorzugehen – auch jenseits strafrechtlicher Relevanz.