Der Krieg wird immer länger. In den wenigen Tagen seit dem Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran, hat US-Präsident Donald Trump bereits drei Mal seine Prognose für die Dauer der Kampfhandlungen nach oben korrigiert. War anfangs noch von wenigen Tagen die Rede, hieß es dann zwei Wochen und jetzt sogar einen Monat. Und täglich wird das Chaos in der Region größer. Tausende sind an den Flughäfen der Drehkreuze zwischen Orient und Okzident gestrandet, hunderte Tanker sitzen an der Straße von Hormus im Golf fest und können ihre Ölladungen nicht weitertransportieren. Raketen und Drohnen sind im ganzen Nahen und Mittleren Osten zu sehen und zu hören – Raketenalarm, durchgängig. Oft ist es schwer zu unterscheiden, ob der Lärm von den Geschossen selbst verursacht wird oder von der Flugabwehr, die sie abschießt. Trümmerteile fliegen überall hin, auch auf zivile Einrichtungen. Und das soll nun vier Wochen dauern, sollte Trumps letzte Prophezeiung wahrwerden.
Seit Tagen herrscht in der Kurdenmetropole Erbil im Nordirak Raketenalarm. Etwa 60 Geschosse sind in den ersten Kriegstagen auf den Flughafen und das amerikanische Generalkonsulat, das erst kürzlich neu eingeweiht wurde und das größte weltweit ist, geflogen. Raketen auf das Konsulat und Drohnen auf den Flughafen. Der Lärm ist unerträglich, nicht alle Geschosse konnten unschädlich gemacht werden. „Am Sonntag brannte es stundenlang am Flughafen“, hat Thomas Schmidinger in Erbil beobachtet. Der Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Kurdistan Hawler, wie der kurdische Name für die Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete heißt, lehrt im Sommersemester in Erbil, im Winter in Wien. „Immer wieder gab es einen lauten Knall.“ Schmidinger vermutet, dass es ein Munitionsdepot war, das am Flughafen in Flammen stand. „Die Amerikaner sagen natürlich nichts darüber.“ Der 51-jährige Wissenschaftler aus Feldkirch im österreichischen Vorarlberg schätzt die Lage in Irak-Kurdistan als hoch explosiv ein. Während die Drohnen auf den Flughafen von einer iran-hörigen Schiitenmiliz aus dem Irak abgeschossen werden, fliegen die Raketen direkt aus dem Iran auf Erbil. In Bagdad dagegen ist der Versuch, die amerikanische Botschaft zu stürmen, vorerst gescheitert. Die Pro-Iran-Demonstranten, die den Tod des Religionsführers Ali Khameini rächen wollten, mussten unter verstärktem Polizeischutz wieder abziehen.
Der Iran stellt seine Energielieferungen ab
Inzwischen steht der gesamte Nahe Osten in Flammen, 14 Länder sind von dem Krieg der Amerikaner und Israelis gegen Iran betroffen. Iran wehrt sich und schlägt in alle Richtungen um sich. Nahezu alle Flughäfen in der Region sind geschlossen oder beschädigt, so auch der in Bagdad und Erbil. Zudem gehen im Irak immer mehr die Lichter aus, Kurdistan hat nur noch Strom für vier Stunden am Tag. Der Iran, bislang Hauptenergielieferant für den Irak, hat seine Lieferungen eingestellt.
Wie es weitergeht, mag momentan niemand zu prophezeien. Klar ist allerdings, dass Diplomatie keinen Platz mehr hat. Die Atomgespräche, wie sie diese Woche in Wien geplant waren, sind obsolet. Trump hat wieder einmal bewiesen, dass, wer redet, auch schießen kann. Letztes Jahr Mitte Juni war dies schon einmal der Fall. Mitten in den Verhandlungen griffen Israel und die USA den Iran an, vernichteten angeblich die Atomanlagen, was sich später als nicht ganz so erfolgreich herausstellte, wie es verkündet wurde. Jetzt ist das Ziel des Krieges ein anderes. Regimewechsel steht auf der Agenda. Wie dieser vonstattengehen soll, liegt völlig im Dunkeln. Trump fordert die Iranerinnen und Iraner auf, dies selbst in die Hand zu nehmen. Er werde die Hindernisse aus dem Weg räumen und meint damit die religiöse Führungsriege und deren Sicherheitsapparate, um dann das Terrain der Bevölkerung zu überlassen. Sein Kriegsminister Pete Hegseth ist realistischer und schließt mittlerweile „Boots on the Ground“, also Soldaten, nicht mehr aus. Die Schiiten im Irak schauen mit großer Sorge zu ihren Glaubensbrüdern ins Nachbarland. Diese Situation hat bei ihnen vor 20 Jahren einen Bürgerkrieg hervorgerufen.