Unter den Genossen gilt er eher als konservativ, die wenigsten würden ihn als ausgewiesenen Finanzexperten sehen. Und doch: SPD-Politiker Lars Klingbeil wird wohl Deutschlands neuer Finanzminister werden – und seinen Parteikollegen Jörg Kukies ablösen, der nach dem Abgang von Christian Lindner (FDP) auf Zeit übernommen hat.

In der ersten Reihe

Der 47-jährige Niedersachse gilt als derzeit mächtigster Mann seiner Partei, der SPD-Co-Parteivorsitzende könnte auch dem umfrageschwachen CDU-Chef Friedrich Merz gefährlich werden. Und das, obwohl sein vermutlich künftiges Ministerium eines mit mannigfaltigen Fallstricken ist.

Auf die Frage, ob wirklich eine solide Finanzpolitik verabredet sei, gab Klingbeil zu, dass viele Projekte noch unter Finanzierungsvorbehalt stünden. Bewusst würden daher viele Vorhaben mit „wir wollen“ eingeleitet. Der 146-seitige Koalitionsvertrag gründet stark auf Kompromissen – ohne die es auch in der Politik nicht vorangeht.

Ob Klingbeil das havarierte Staatsschiff durch unstete Zeiten navigieren kann, ist offen. Seine Vita ließ bisher nicht unbedingt auf das Finanzfeld schließen: Sein Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte schloss der Sohn eines Berufssoldaten und einer Einzelhandelskauffrau 2004 ab. Klingbeil ist Sozialdemokrat bis in die Faser: 1996 startete er den Weg bei den Jusos, 2009 wurde er Bundestagsmitglied, von 2017 bis 2021 war er SPD-Generalsekretär, bevor man ihn 2021 zum Co-Parteivorsitzenden kürte.

Sozialer Gerechtigkeit kann der Familienvater viel abgewinnen, einer strengeren Migrationspolitik wenig. Seine lange Vorliebe für Musik (Rock) und Fußball (FC Bayern) ist bekannt, Schwung wird er auch in der schwarz-roten Regierung brauchen. Vermittler und Scharfmacher sei er, wird oft kommentiert – wobei ihm die erste Rolle besser liegt. Augenmaß macht es. Nicht nur für das Staatssäckel.