Werksschließungen, Mitarbeiterabbau, Unternehmenspleiten. Kaum eine Woche vergeht ohne Hiobsbotschaften aus der deutschen Wirtschaft. Die Hochblüte des einstigen Wirtschaftswunders ist längst vorbei, seit zwei Jahren steckt Europas größte Volkswirtschaft in einer Rezession und droht den gesamten europäischen Kontinent mitzureißen. Nicht zuletzt Österreich und seine Zulieferindustrie können ein Lied davon singen.
„Die Diagnose ist ernst“, sagte der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck Ende Jänner, als er die Konjunkturprognose für 2025 präsentierte. Mickrige 0,3 Prozent soll die Wirtschaft wachsen – deutlich schwächer als noch im Herbst prognostiziert. Die Zoll-Drohungen von US-Präsident Donald Trump sind noch gar nicht eingepreist, inzwischen würde wohl ein Minus vor der Prognose stehen.
„Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen“
Habeck ist als Wirtschaftsminister das Gesicht des wirtschaftlichen Abschwungs. Für viele im Land wurde er zur Projektionsfläche für alles, was nicht funktioniert. Im Wahlkampf gehen die Parteien mit der Warnung vor einer unumkehrbaren Deindustrialisierung und Wohlstandsverlusten auf Stimmenfang. Das Unbequeme an dieser Erzählung: Sie ist in weiten Teilen zutreffend. „Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen“, sagt der Ökonom Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Der Wunsch, alles so zu bewahren, wie es einmal war, ist keine Option mehr.“
Wer den Ankündigungen so mancher wahlwerbenden Parteien glaubt, eine neue Regierung werde wieder für Wachstum sorgen, wird enttäuscht werden. Zwar kann die Politik die hohe Abgabenquote senken, um Unternehmen zu entlasten. Hohe Energiepreise können aber nur bedingt beeinflusst werden.
Die Ursachen für die aktuelle deutsche Schwäche liegen allerdings tiefer: Schon seit 2018 ist die deutsche Industrieproduktion rückläufig. Zu lange haben Verantwortungsträger ignoriert, dass das erfolgreiche deutsche Exportmodell vor allem im langjährigen Wachstumsmarkt China nicht mehr so stark nachgefragt wird. „Wir hätten früher und noch konsequenter auf diese Standortfragen hinweisen müssen“, sagt Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Lässt sich das Steuer noch herumreißen?
„Exportmodell nicht aufgeben“
Die Deutschen sind stolz auf ihren Ruf als Exportweltmeister. Jährlich exportiert die Bundesrepublik Waren im Wert von 1,6 Billionen Euro, zehn Prozent davon gehen in die USA. Die von Trump angedrohten Strafzölle auf Fahrzeuge könnten die ohnehin angeschlagenen deutschen Autobauer empfindlich treffen. Ein Blick in die Handelsbilanzen zeigt: 2023 gingen deutsche Autos im Wert von 270 Milliarden Euro in den Export, knapp 13 Prozent davon in die USA – das entspricht rund 400.000 Autos jährlich. Aktuelle Modellrechnungen zeigen, dass die US-Zölle die deutsche Wirtschaftsleistung um bis zu ein Prozent nach unten drücken könnten: „Alleine das würde uns auch heuer wieder in eine Rezession treiben“, sagt Fratzscher.
Wirtschaftliche Abstiegsängste gelten als eines der wichtigsten Wahlmotive. Die Sorge vor Massenarbeitslosigkeit klopft im Wahlkampf bei vielen Haushalten an, Zehntausende fürchten um ihre Jobs. Experten sehen die sozialen Absicherungsnetze am Anschlag.
Trotz sinkender Industrie-Wertschöpfung sei Deutschland schlecht beraten, sein exportorientiertes Geschäftsmodell verändern zu wollen, sind sich Ökonomen einig. Gerade in Zeiten geopolitischer Umbrüche können breit diversifizierte Exportmärkte volkswirtschaftlich nützlich sein. Doch die deutsche Standortstruktur verschiebt sich bereits. „Wir sehen eine deutliche Verlagerung von der Industrie ins Dienstleistungsgewerbe“, sagt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Wenn dieser Strukturwandel so gelenkt werden kann wie in den USA, wo der Digitalsektor eine wichtige Wirtschaftssäule ist, könne das für mehr Produktivität und Wertschöpfung sorgen.
In Deutschland wachse aber vor allem der volkswirtschaftlich eher unproduktive Sektor körpernaher Dienstleistungen. „Dadurch werden wir unseren Wohlstand nicht sichern können“, sagt Grimm. Es sei an der Politik, die Weichen entsprechend zu stellen. Dafür brauche es neben einer Öffnung der Kapitalmärkte auch einen Mentalitätswandel und mehr unternehmerische Risikobereitschaft. Sollte die viel zitierte Wirtschaftswende nicht gelingen, werde das weitere Frustration auslösen. Und davon profitieren erfahrungsgemäß die politischen Ränder.