Die Augen sind an diesem Wochenende nach Berlin gerichtet. Österreichs wichtigster Wirtschaftspartner stellt die politischen Weichen. Über der deutschen Wirtschaft hängen dunkle Wolken. Vor allem die Industrie machte zuletzt mit drohenden Werksschließungen und Jobabbau bei Flaggschiffen wie Volkswagen, Mercedes oder Continental Negativschlagzeilen. Im Wahlkampffinale gingen deswegen die Wogen hoch. Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist neben Asyl eines der prägendsten Themen der Bundestagswahl am Sonntag.

In Österreich beobachten Vertreter der Wirtschaft die politischen Weichenstellungen im Nachbarland genau. Der Kärntner Wirtschaftskammer-Präsident Jürgen Mandl drückt es plakativ aus: „Ohne Deutschland können wir zusperren.“ Die wirtschaftlichen Verflechtungen der beiden Länder sind eng. „Das betrifft viele Lieferketten. Man profitiert von der gemeinsamen Sprache und der über viele Jahre aufgebauten Vertrauensbasis“, sagt Mandl. Rund 50 Prozent der österreichischen Ausfuhren gehen nach Deutschland.

Export zeigt Schwächen auf

Doch gerade im Export zeigt sich die Schwäche der Nachbarn. Im ersten Halbjahr 2024 (das sind die jüngsten Zahlen) brach das Handelsvolumen zwischen Österreich und Deutschland (es betrug im Gesamtjahr 2023 rund 123 Milliarden Euro) um 8,5 Prozent ein. Die Exporte nach Deutschland nahmen um 7,6 Prozent ab, die Importe aus Deutschland um 9,3 Prozent. Die industriegeprägte Steiermark, deren Exporte um fast elf Prozent sanken, spürte das besonders stark. Denn österreichische Unternehmen liefern vor allem Anlagen, Maschinen, Fahrzeuge, Apparate, Eisen und Stahl sowie pharmazeutische Produkte nach Deutschland. Die Liste der Erzeugnisse, die Österreich von Deutschland bezieht, liest sich ähnlich.

Industrie; Manfred Kainz; Stainz; TCM
Manfred Kainz, Obmann des steirischen Landesgremiums für den Außenhandel in der Wirtschaftskammer © Heimo Binder

„Die Autoindustrie und die Mikroelektronikindustrie, die wiederum zu einem Fünftel für die Autoindustrie produziert, sind Schlüsselzweige und sehr stark vom Export abhängig“, verdeutlicht Manfred Kainz, Landesobmann des Außenhandels in der Wirtschaftskammer Steiermark. „Es wäre wichtig, dass in Deutschland schnell eine Regierung gebildet wird, die Entscheidungen trifft. Das hätte positive Auswirkungen für Österreich.“ Denn generell ortet Kainz in der politischen Debatte in Deutschland „mehr Vernunft und Sachlichkeit“ als in Österreich.

Größter Investor

„Deutschland ist auch der größte Investor im Land“, sagt René Tritschner, Geschäftsführer der Austrian Business Agency (ABA). Allein im Jahr 2023 beliefen sich die Direktinvestitionen aus Deutschland in Österreich auf 56,1 Milliarden Euro. Rund ein Drittel aller von der ABA begleiteten Betriebsansiedelungen und -erweiterungen der vergangenen fünf Jahre in Österreich waren, trotz stagnierender Wirtschaft, deutsche Unternehmen. Darunter sind namhafte Firmen wie BMW, Boehringer Ingelheim, Bosch, Fresenius, Infineon und Siemens, aber auch viele kleine und mittlere Betriebe. Österreich punkte beim Nachbarn als Standort mit einem kaufkräftigen Markt, qualifizierten Arbeitskräften und attraktiver Forschungsförderung. Österreich sei für deutsche Firmen aber auch eine Drehscheibe Richtung Ost- und Südosteuropa.

René Tritschner, ABA-Chef
René Tritschner, ABA-Chef © ABA/Weißkirchner

2019 betrugen deutsche Direktinvestitionen noch 51,8 und 2015 rund 41,6 Milliarden Euro. 2022 lagen sie mit 61,2 Milliarden Euro allerdings deutlich höher als 2023. Unternehmen aus der Automobilindustrie, dem Pharma- und Medizinbereich, der Energie- und Umwelttechnik, aus dem Maschinenbau und dem Handel zieht es nach Österreich. Tritschner: „Trotz der berechtigten Kritik des Verlustes an Wettbewerbsfähigkeit bleibt der Standort Österreich nach wie vor attraktiv für deutsche Unternehmen.“

Deutsche Gäste für heimischen Tourismus

Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung Deutschlands für den heimischen Tourismus. Mit 38 Prozent sind Deutsche nach wie vor die größte Urlaubergruppe, gefolgt von Österreichern und den Niederländern. Allerdings ist spürbar, dass die Wirtschaftsflaute manche deutsche Urlauber den Gürtel enger schnallen lässt. Die Ausgaben und die Verweildauer sinkt in manchen Bundesländern wie etwa Kärnten.

Beachtenswert ist auch der heimische Export von Dienstleistungen. Knapp 40 Prozent der weltweiten Auslandsdienstleistungen Österreichs werden in der Bundesrepublik erbracht. Österreich hat dank der Einnahmen aus dem Tourismus, dem Bereich der Ingenieur-, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen eine positive Dienstleistungsbilanz mit Deutschland.