Es hätte an diesem Abend eine reine Debatte um die Folgen und Konsequenzen aus dem mutmaßlichen Anschlag in München werden können. Doch das Thema Asyl und Migration dominierte den Abend bei „Klartext - Das Wahlforum“ im ZDF erstaunlicherweise nicht. Bei diesem Format stellten sich Olaf Scholz (SPD), Friedrich Merz (CDU), Robert Habeck (Grüne) und Alice Weidel den Fragen der Bürger. Es zeigte sich in diesem seitens der Parteien monothematisch geführten Wahlkampf, dass den Bürgern noch viel mehr wichtige Themen unter den Nägeln brennen als nur Asyl und Migration.
Kanzler Scholz bleibt blass und will gewinnen
Auftakt machte Amtsinhaber Olaf Scholz. Normalerweise haben Amtsinhaber einen gewissen Bonus. Nicht so Bundeskanzler Olaf Scholz. Die Fragen waren kritisch: Sicherheit, Vertrauensverlust in die Politik, Ampel-Chaos, Ukraine-Krieg. Im direkten Gespräch mit dem Publikum musste Scholz Tacheles sprechen, empathisch werden. Er schlug versöhnliche Töne an, versuchte Vertrauen zu gewinnen und Souveränität zu zeigen, indem er die unbestrittenen Erfolge seiner Regierung aufzählte - von Mindestlohn bis Energiewende. Doch angesichts der Vielzahl an ihn herangetragenen Krisen klang es immer etwas bemüht. Hier zeigte sich der Nachteil von Scholz Sachlichkeit. Emotional wurde der Kanzler beim Thema Ukraine-Krieg. Er machte deutlich angesichts des möglichen Alleingangs von US-Präsident Trump: „Keine Verständigung über die Köpfe der Ukrainer hinweg“. Und auch bei seinem Schlussstatement wurde Scholz energisch: „Ich bin angetreten, um zu gewinnen.“
Habeck doziert und punktet mit Empathie
Mitreißender ging es Vize-Kanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck an. Angesichts der Frage, was man gegen die zunehmende Wahlverdrossenheit unternehmen müsse, konnte sich Habeck ins Zeug legen. Selbstkritisch betonte er: „Wir verlernen immer mehr, Kompromisse als etwas Gutes zu verstehen. Wenn man mit der inneren politischen Haltung herumläuft, ich darf keinen Millimeter abweichen, weil ich sonst der Verlierer und Verräter bin, haben wir ein Problem.“ Dafür erntete Habeck Applaus. Angesprochen auf durchwachsene Leistungen des Wirtschaftsministers, verzettelte sich Habeck dann etwas im Dozieren und Fachsimpeleien. Aber es gelang Habeck - bekannt für seine Redekompetenz und Empathie -, das Publikum zu erreichen, auch weil er jede an ihn gestellte Frage auf sich bezog. Bezogen aufs Format, war es Habeck erklärt und weniger Habeck spricht Klartext.
Weidel provoziert und fühlt sich unfair behandelt
Mit Spannung war der Auftritt von Alice Weidel erwartet worden. Migration in seinen vielen Facetten spielte bei Fragen an die AfD-Spitzenkandidatin erwartungsgemäß eine Rolle. Sie versucht freundlich zu bleiben, doch Weidel blies ordentlich Gegenwind im ZDF-Studio entgegen. Mit ihrem Standpunkt, die AfD ist nur gegen illegale Migration und unterscheide lediglich zwischen guter Einwanderung in den Arbeitsmarkt und schlechter Einwanderung in die Sozialsysteme, punktete Weidel beim Studiopublikum nicht. Man merkt Weidel an, dass sie sich unfair behandelt fühlt. In die Enge getrieben agierte sie beim Thema Energie, diskutierte mit Moderator Christian Sievers, widersprach dem Fragensteller und blieb Antworten weiter schuldig. Souverän wurde Weidel nur bei der Frage nach dem von der AfD angestrebten „D-Exit“, das Abarbeiten am AfD-attestierten Demokratiedefizit der EU ging Weidel routiniert mit einem Lächeln von den Lippen.
Merz will keine österreichischen Verhältnisse
Angriffslustig war Friedrich Merz beim Abklatschen zwischen ihm und Alice Weidel. Gegenüber der AfD-Kanzlerkandidatin machte der Unions-Kandidat nochmals deutlich, mit der AfD nicht koalieren zu wollen. Das wurde aus der Bürgerrunde jedoch infrage gestellt. Das Schreckgespenst Österreich und österreichische Verhältnisse, wo keiner mehr mit keinem kann oder will, wurden an diesem Abend mehrfach heraufbeschworen. Die AfD entzaubern durch Mitregentschaft - für Merz der falsche Weg. Auch dem Argument, in Ländern wie Italien unter Meloni würde es mit rechtsnationalen Regierung funktionieren, erteilte Merz eine Absage. Im Gegensatz zur AfD stünde Giorgia Meloni definitiv zur EU. Damit konnte Merz beim Publikum punkten. Klar wurde Merz auch beim Thema Energiewende: „Der Staat sollte keine Technologie vorschreiben“. Mahnende Worte fand Merz zum Ukraine-Konflikt. Hier würde Trump sein Ding durchziehen und Europa und die NATO - auch wenn die USA deren Mitglied ist - müssten mit einer Stimme sprechen.