Winkt das Ende der Pandemie?Simulationsforscher Niki Popper: Es ist vorbei, aber nicht ganz

Nächste Öffnungsschritte schon ab 10. Juni sind wahrscheinlich. Auch die Landeshauptleute machen Druck. Simulationsforscher Niki Popper ist optimistisch und mahnt dennoch zur Wachsamkeit: Die "rote Linie" werde nicht durch eine Zahl markiert, sondern durch die Dynamik.

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Simulationsforscher Niki Popper: "Die wahrscheinlichste Variante ist jetzt, dass es eine ganz normale Krankheit wird, wie andere auch."
Simulationsforscher Niki Popper: "Die wahrscheinlichste Variante ist jetzt, dass es eine ganz normale Krankheit wird, wie andere auch." © APA/GEORG HOCHMUTH
 

Bis Mittwoch konferiert Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) mit den Spitzen der Sozialpartner und mit den Landeshauptleuten. Danach berät sich Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) noch einmal mit den Experten. Am Freitag wird der Sack zugemacht: Alles deutet derzeit darauf hin, dass die nächsten Lockerungsschritte bereits am 10. Juni in Kraft treten. Nicht zuletzt die Eröffnung der Fußball-EM tags darauf dürfte eine Rolle gespielt haben – Public Viewing mit Maske und Abstand wäre schwierig.

Insgesamt geht es vor allem um

  • die Maskenpflicht
  • die Sperrstunde
  • die Abstandsregelung
  • die 20-Quadratmeterregel (für Vereine)
  • die Beschränkungen für Messen und Events
  • die Reisehürden (Einreise-Registrierung)

Insbesondere auch die Landeshauptleute machen dabei Druck auf eine möglichst rasche Öffnung.

Ob einzelne Schritte eine Woche früher oder später erfolgen, das ist für Simulationsforscher Niki Popper egal. Er, auf den ganz Österreich schaut, wenn es um die Vorhersage geht, wie sich die Infektionszahlen entwickeln werden, sagt: "Die Dynamik geht derzeit nach unten, eine Öffnung ist daher von der Gesamtsituation her möglich."

Derzeit liegt die Sieben-Tages-Inzidenz bei unter 50. Bei welchen Zahlen müssten wir wieder nervös werden? "Falsche Frage", sagt Popper: Es gehe nicht um eine absolute Zahl, sondern darum, was mittelfristig passieren werde, wenn man bestimmte Handlungen setze.

Ein Anfang vom Ende

Ist die Pandemie vorbei? Ist der angstfreie Händedruck zur Begrüßung bald wieder möglich? Der Simulationsforscher Popper ist gedämpft optimistisch:

  • Die Infektionszahlen sinken, aber nicht mehr so rasch: "Jetzt muss man schauen, ob das so bleibt."
  • Alles hängt ab von der Impfbereitschaft, insbesondere auch der Bereitschaft zum zweiten Stich, und von der Aufrechterhaltung der Testmöglichkeiten und des Screening-Programms.
  • "Wir dürfen nicht gleich alles Vernünftige über Bord werfen, Hände waschen wäre weiter gut..."

In  Bezug auf den Händedruck ist Popper übrigens tiefenentspannt: Keine entscheidende Frage, viele Virologen hätten schon vor der Pandemie keinem mehr die Hand gereicht...

Gewappnet sein für den Herbst

Vieles spreche im Moment dafür, dass das Schlimmste überstanden sei: Die (trotz des aktuellen Schlechtwetters) höheren sommerlichen Temperaturen, die Wirkung der Impfungen, die gestiegene Grundimmunität auch durch die Genesenen. Die Öffnung sei daher möglich, aber es gelte gewappnet zu sein für den Herbst, für den Fall, dass die Infektionszahlen dennoch wieder steigen.

Man könne jetzt vieles richtig machen - oder auch nicht. Es gebe keine "rote Linie" im Sinne einer Zahl, die nicht überschritten werden dürfe, sondern entscheidend sei einerseits weiterhin, wie viele Leute im Spital oder auf der Intensivstation landen, und das seien vermutlich aufgrund der Schutzwirkung der Antikörper weniger, sowie andererseits die Dynamik der Entwicklung.

"Die wahrscheinlichste Variante ist jetzt, dass es eine ganz normale Krankheit wird, wie andere auch."  Falls nicht gefährliche Mutationen noch einmal eine andere Entwicklung einleiteten. Die Wahrscheinlichkeit, dass noch einmal ein Lockdown notwendig sei, sinke. Es ist also vorbei, aber noch nicht ganz. Popper: "Wir haben im ersten Quartal des heurigen Jahres vieles richtig gemacht, die Ausbreitung der Mutationen ganz stark verlangsamt. Aber da hatten wir halt noch keine Wirkung der Impfung. Jetzt flacht sich die Dynamik noch mehr ab, und wir haben die nötigen Instrumente, jetzt müssten wir es schaffen."

Grippe-Fälle dürften steigen

Verzweiflung sei also nicht mehr angebracht, Sorglosigkeit aber auch nicht: Wenn die Politik jetzt meine, sämtliche Infrastruktur für Testen und Screening schon bald wieder ersatzlos abschaffen zu können, dann  habe er Sorge. Weiterhin genau hinschauen, lokal reagieren, weiter auf die Impfbereitschaft drängen - das sei eine erfolgversprechende Strategie.

Interessant: Popper rechnet damit, dass Corona im Herbst vielleicht in den Hintergrund, anderes aber wieder in den Vordergrund rückt. "Wir haben andere Erkrankungen, wie die Influenza oder respiratorische Infekte, ein Jahr lang mit verhindert, mit einem möglichen Nebeneffekt, nämlich dass die Menschen in dieser Zeit keine Immunisierung dagegen aufgebaut haben." Es könnte also sein, dass sich ab Herbst dann diese Fälle wieder mehrten.

Hoffnung für die Nachtgastronomie

Am wenigsten Perspektive gibt es für die Nachtgastronomie. Gibt es überhaupt eine? "Ja, aber...", sagt Popper. "Gerade die Nachtgastronomie müsste ganz großes Interesse daran haben, dass die Zahlen insgesamt am Boden bleiben. " Und die Impfmöglichkeit für junge Menschen sei eine zusätzliche Hoffnung. "Wenn wir die Pandemie in Summe wieder im Griff haben, wenn die Infektionszahlen insgesamt am Boden bleiben, kann man die gesamte Gastronomie wieder aufsperren."

Diese Rückkehr zur Normalität bedeute nicht das Null-Risiko, sondern den größtmöglichen Nutzen von möglichst wenig Beschränkung: Die Wissenschaftler seien die "Advokaten des Nutzens", deren Aufgabe es sei, nur so lange eine Beschränkung der Bürgerrechte zu vertreten als diese notwendig sei.

Auch der Grüne Pass werde daher eine Erscheinung auf Zeit sein. Irgendwann reagiere das System auf Infektionsreize so träge, dass die Gesamtdynamik durchbrochen sei, der Anstieg nicht mehr besorgniserregend. Erstes Ziel sei jetzt einmal, in der witterungsmäßig günstigeren Zeit, im Sommer, "die Dinge so geregelt zu kriegen, dass die Zahlen auch im Herbst unten bleiben".

 

 

 

 

 

Kommentare (16)
So wie so
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Ende der pandemie

Wenn wenn nicht wäre...es gibt viele Fr0agen nur wenige vernünftige Antworten oder gar keine....zb.wenn auf Grund des Aufenthalt im Freien die Zahlen oder Was sinken...warum werden dann kind und kegel über monate daheim in den 4 wänden zusammengepfercht...unlogisch oder sinnlos oder doch unwissend und ahnungslos...weiters durften die menschen arbeiten zb. lebensmittelhandel ..wo sich alle treffen...nie vernommen das es cluster gab...usw. genau diese div.seelisch verursachten Probleme gehören gelöst...von wem...
Wird sicher kostengünstige Politberater und profisionelle Experten geben die es punktgenau erledigen..und fürn Rest gähnendes Schweigen..

Dr.B.Sonnenfreund
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Heuer Mehr Tests

Die infektionszahlen in diesem Frühjahr sind auch in Wahrheit deutlich besser als die des Vorjahres, da um ein vielfaches mehr getestet wird, und dadurch beinahe alle Covid Positiven Patienten erfasst werden eben durch diese Tests. Letztes Jahr lag die Dunkelziffer zum vergleichbaren Zeitpunkt im Jahr noch deutlich höher, als die tatsächlich erfassten Zahlen es widerspiegelten.

Dr.B.Sonnenfreund
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Niki Popper hat recht

Herr Niki Popper hat recht. Die Zahlen werden weiter fallen. Am 21 Juni erreicht die UV-Strahlung aber schon ihren Höhepunkt, und diese ist neben der Wärme mit entscheidend. Deshalb steigen die Zahlen auch im August wieder an, es ist zwar dann noch warm, aber die UV- Strahlung sinkt im August stark durch den rasch abnehmenden Einfallswinkel der Sonne. Deshalb ist jetzt und nicht erst Wochen später der richtige Zeitpunkt für Lockerungen. Die Zahlen werden im Herbst wieder steigen, soviel ist sicher, vermutlich aber moderat im Vergleich zum Vorjahr, aufgrund der Durchimpfung und auch der durchgemachten Infektionen.

Hallodri74
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Ganz a gescheiter.

Für was gemma dann impfen?

kgint
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Schon auch etwas differenzierte Betrachtungen zu lesen...

... und nicht immer das schwarz/weiß-Polit-HickHack

ichbindermeinung
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Maskenpflicht bitte sofort aufheben

die nicht nachvollziehbare Maskenpflicht für die Geimpften bitte sofort aufheben; So wie es das vom Virus schwerst betroffene Amerika schon am 14. Mai gemacht hat (in Innenräumen, außerhalb und auch keinen Abstand mehr....)

kgint
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Klingt als wären Sie kürzlich geimpft worden ...

Die Übertragung ist durch die Impfung nicht zu 100% ausgeschlossen.
Daher machen besetzende Maßnahmen weiterhin Sinn.
Vor allem für noch nicht geimpfte, denen man begegnet und die man potentiell (unwahrscheinlicher aber nicht ausgeschlossen) ansteckt und die dann mangels Antikörper eventuell einen schweren Verlauf erfahren.

Außer es geht Ihnen bei der Impfung nur um Ihren eigenen Vorteil - dann wäre Ihre Forderung schlicht egoistisch

Lepus52
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Auch geeimpfte können infiziert werden!

Sie können die Infektion auch weiter geben und Kran werden. Die Impfung verhindert einen schweren Krankheitsverlauf. Daher sollten für alle, ob getestet, genesen oder geimpft die gleichen Regeln gelten.

scionescio
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„ Erstes Ziel sei jetzt einmal, in der witterungsmäßig günstigeren Zeit, im Sommer, "die Dinge so geregelt zu kriegen, dass die Zahlen auch im Herbst unten bleiben".

Das erste Mal, dass ich dem Haus- und Hofsimulierer der Message Control uneingeschränkt zustimme.

blumenfee
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Wie kann es sein,

dass bei uns die sinkenden Zahlen immer mit den steigenden Temperaturen in Zusammenhang gebracht werden - warum sinken dann die Zahlen in den klimatisch von Haus aus wärmeren Ländern nicht?

Mein Graz
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@blumenfee

Ich erkläre mir das dadurch, dass sich in unseren Breiten die Menschen bei steigenden Temperaturen mehr im Freien aufhalten, es also eine Verhaltensänderung gibt.

In generell wärmeren Ländern ändert sich das Verhalten vermutlich kaum.

blumenfee
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wenn das auf unsere Verhaltensänderung

zurückzuführen wäre, sprich' wir gehen mehr raus, müsste ja das wärmere Wetter ausschlaggebend sein. Aber dann dürfte der Virus in "wärmeren Ländern" gar nicht erst wüten ...?

Mein Graz
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@blumenfee

Das Virus selbst schert sich nicht um Temperaturen. Es verbreitet sich unabhängig von der Temperatur, auch in wärmeren Gebieten.

Es ist halt so dass das Virus Menschenansammlungen bevorzugt. Wenn dann noch Innenräume mit schlechter Luftzirkulation dazu kommen hat es noch mehr Spaß. Deshalb fällt die Infektionsquote bei steigenden Temperaturen, weil die Leute mehr draußen sind.

Ich weiß nicht wie die Infektionskurve in wärmeren Ländern aussieht. Vielleicht ist es dort von anderen Faktoren abhängig wie Masken, Abstand und Hygiene, von Veranstaltungen und damit verbundenen Menschenansammlungen?

Civium
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Gott sei Dank darf man wieder zum

Friseur!

Hausverstand100
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Ob

Der Hr. Popper überhaupt will??

Balrog206
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Leider

Ist dort der Abstand nur schwer möglich !