Es ist eine bisher in Österreich beispiellose Verbrechensserie, der eine Ermittlergruppe namens „Venator“ seit Oktober nachgeht: Bei einer österreichweiten Razzia mit rund 400 beteiligten Polizistinnen und Polizisten sind Freitagfrüh 15 Verdächtige (zwölf Männer, drei Frauen) wegen des Verdachts von „Hate Crime“ (Hasskriminalität) festgenommen worden. Bei der Razzia handelte es sich um einen Einsatz gegen die sogenannte „Pedo-Hunter-Szene“, also eine Szene, die vermeintliche Pädophile in einer Art Selbstjustiz jagen und zur Rechenschaft ziehen will.
Ein näherer Blick zeigt jedoch: Bei den zumindest 17 Opfern handelt es sich um Homosexuelle, denen von den Verdächtigen Pädophilie unterstellt wurde. Bei keinem einzigen trifft das laut den Ermittlern zu.
Razzia brachte gezielte Gewalt gegen Homosexuelle zutage
Der Vorwurf gegen die mutmaßlichen Täter wiegt auch darüber hinaus schwer: Sie sollen die Opfer brutal zugerichtet haben, in einem Fall geht es um Mordversuch. Die Razzia mit 23 Hausdurchsuchungen wurde in sieben Bundesländern (Kärnten und Vorarlberg ausgenommen) durchgeführt. Der Einsatz mit Kriminalisten, Spezialkräften des Einsatzkommandos Cobra und der WEGA erfolgte im Auftrag der Staatsanwaltschaft Graz.
Begonnen hatten die Ermittlungen nach einem Raubüberfall in Unterpremstätten bei Graz im Juli 2024. Ein 44-Jähriger hatte via App ein Treffen mit einem jungen Mann gegen 1 Uhr früh bei einem Schotterteich vereinbart. Dort traf er nicht nur auf den „Lockvogel“, plötzlich tauchten zwei weitere maskierte Männer aus der Dunkelheit auf. Zu dritt prügelten sie auf das Opfer ein, raubten ihm das Handy. Der Mann rettete sich letztlich durch einen Sprung in den Teich. Drei Beschuldigte (16 bis 18 Jahre) standen deshalb kürzlich in Graz vor Gericht.
Rund um diesen Fall registrierten Kriminalisten des Bezirks Graz-Umgebung mehrere angezeigte Raubüberfälle, bei denen sich erst im Zuge weiterer Ermittlungen ein Zusammenhang ergab. Denn viele Opfer scheuten sich vor einer Anzeige oder sie stellten den Überfall aus Scham als normalen Straßenraub dar. Doch die Handys der Opfer waren nur zweitrangig.
Fake-Profile und brutale Überfälle, Täter filmten die Taten
Laut Michael Lohnegger, Leiter des Landeskriminalamtes (LKA) Steiermark wurden „zwischen Mai und Juli im Süden von Graz mehrere Raubüberfälle angezeigt“. Dabei ging es aber nicht nur um klassischen Straßenraub, sondern eben um „Hate Crime“ – konkret um die gezielte Verletzung und Erniedrigung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.
„Die Täter erstellen Fake-Accounts und locken potenzielle Opfer an abgelegene Plätze für sexuelle Treffen. Dort lauern sie ihnen auf, rauben sie aus oder misshandeln sie. Wir sprechen von absichtlicher, schwerer Körperverletzung, in einem Fall sogar von versuchtem Mord“, erklärt Lohnegger. Und weiter: „Die Misshandlung und Erniedrigung filmen die Täter und laden sie in privaten Gruppen hoch. Die Taten werden immer brutaler und krimineller.“
Bei den Hausdurchsuchungen während der Razzia wurden Waffen und NS-Devotionalien gefunden. Die Polizei betont jedoch: Bei den Opfern handelte es sich ausdrücklich nicht um Pädophile. Die Verdächtigen hatten stattdessen offenbar Homosexuelle im Visier.
Polizei spricht nach Razzia von Selbstjustiz, kein Opfer war pädophil
„Hintergrund unserer Aktion sind schwere Straftaten in Zusammenhang mit sogenannten ,Hate-Crime‘-Delikten aufgrund der sexuellen Orientierung der Opfer“, schilderte Joachim Huber, stellvertretender Landespolizeidirektor, die Ursachen für die Ermittlungen. „Die Täter sind der sogenannten Pedo-Hunter-Szene zuzurechnen.“
Laut Huber kam es bisher zu 15 Festnahmen und 23 Hausdurchsuchungen. 11 Täter haben die österreichische Staatsbürgerschaft, je eine Person ist kroatischer, rumänischer, slowakischer und deutscher Staatsbürger. „Unsere Ermittlungen beweisen, dass wir 17 strafrechtlich relevante Sachverhalte nachweisen können, wobei wir von einer weitaus höheren Dunkelziffer ausgehen müssen“. Eine Festnahme erfolgte in der Slowakei, die anderen in Österreich.
Ermittler gehen von hoher Dunkelziffer aus, Opfer sollen sich melden
Die Opfer wurden, hieß es von der Polizei in einer Stellungnahme nach der Razzia, verletzt, beraubt und erniedrigt sowie dabei gefilmt: „Opfer müssen etwa mit den maskierten Tätern tanzen und diese Videos wurden dann in entsprechenden privaten Gruppen hochgeladen“, beschreibt Lohnegger das Ausmaß der Vorgehensweise. Die Festnahmen seien ein erster Schlag gegen die Szene. Seitens der Polizei geht man von einer hohen Dunkelziffer aus und bittet mögliche weitere Betroffene sich zu melden (siehe Inofbox), „denn solche Taten gehören rigoros abgestellt“, betonte Lohnegger.
Laut dem Wiener Anwalt Helmut Graupner werde viel zu selten Anzeige erstattet, wenn queere Personen Gewalt erleben: „Nur acht Prozent der betroffenen homosexuellen und bisexuellen Personen erstatten Anzeige. Über 90 Prozent der Fälle bleiben ungeahndet.“ Der aktuelle Fall zeige für Graupner, der einen Verein für die Gleichberechtigung von homosexuellen und transidenten Menschen gegründet hat, eine „völlig neue Dimension. So etwas hat es in dieser Form bisher nicht gegeben.“ Mehr dazu lesen Sie hier.
Reaktionen aus der Politik: „Spitze des Eisbergs“
Erschüttert und entsetzt waren auch die Reaktionen aus der Politik: SPÖ-Gleichbehandlungssprecher Mario Lindner zeigte sich schockiert. Für ihn sei es nur die „traurige Spitze eines Eisbergs“. Lindner weiter: „Als schwuler Mann weiß ich, mit welchem Hass viele Menschen auch hierzulande wegen ihrer sexuellen Orientierung noch immer konfrontiert sind. Dass aber Menschen sich zusammentun, um Homosexuelle in Fallen zu locken, anzugreifen, schwer zu verletzen und diese Verbrechen dann auch noch zu teilen, ist ein feiger und ekelerregender Akt, der uns alle alarmieren muss.“
Das zeige „einmal mehr, dass die Lage für queere Personen auch in Österreich immer bedrohlicher wird“, sagte David Stögmüller von den Grünen. „Immer mehr Menschen aus der rechten und rechtsextremen Szene fühlen sich durch die wachsende Salonfähigkeit von Hass, Homophobie und Transfeindlichkeit ermutigt, ihre menschenverachtende Vorstellung von Gerechtigkeit selbst in die Tat umzusetzen“, meinte Stögmüller von den Grünen. Mehr dazu lesen Sie hier.
Tat-Motive entlarvt: Täter wussten, dass Opfer unschuldig waren
Nachdem sich diese sogenannte „Pedo-Hunter-Szene“ weiter ausbreitete, habe das Landeskriminalamt die Ermittlungen übernommen. Es konnten weitere Tathandlungen ermittelt werden, weshalb innerhalb des LKA die Arbeitsgemeinschaft „Venator“ im Oktober 2024 eingerichtet wurde. Die mutmaßlichen Täter sollen laut Lohnegger bundesweit vernetzt gewesen sein.
Die Fälle weiteten sich von der Steiermark auf ganz Österreich aus – es gab sogar eigene „Administratoren“ in der Gruppe. All das endete schließlich in der Razzia vom Freitag. Zum Motiv führte Lohnegger aus, dass die Verdächtigen unter dem „Deckmantel der Selbstjustiz“ gehandelt hätten: „Man ist offiziell darauf bedacht, pädophile Menschen aus der Gesellschaft zu holen oder zu erniedrigen, aber – das ergeben auch die Ermittlungen – die Täter sind sich sehr wohl bewusst, dass die Opfer nicht pädophil sind.“ Diese „grausamen Taten“ seien von den mutmaßlichen Tätern „schöngeredet“ worden, um sie für sich selbst verantworten zu können.
Ob es sich bei den mutmaßlichen Tätern um Identitäre handelt, da bei den Hausdurchsuchungen neben Waffen und Suchtmitteln auch nach dem Verbotsgesetz unerlaubte Gegenstände gefunden wurden, konnte die Polizei nach der Razzia vorerst nicht beantworten.