Hassverbrechen gegen LGBTIQ+-Personen sind in Österreich von 2022 auf 2023 um 20 Prozent gestiegen. Darauf machte der Wiener Rechtsanwalt Helmut Graupner aufmerksam. Graupner ist Präsident des Rechtskomitees Lambda, ein im Jahre 1991 gegründeter Verein, der sich für die Gleichberechtigung von homosexuellen und transidenten Menschen einsetzt. Betroffene würden auch nur selten Anzeige erstatten, meinte Graupner.

Wie Graupner erläuterte, gab es zuletzt bei hassbedingten Übergriffen aufgrund sexueller Orientierung deutlichere Zuwächse als bei anderen Gruppen, die sich im Netz und im Alltag Angriffen ausgesetzt sehen. „Hinsichtlich der Motivlage liegen auf den vordersten Plätzen die Weltanschauung, die ethnische Herkunft und die Religion. Die sexuelle Orientierung hat aber die Hautfarbe vom vierten Platz verdrängt.“ Dabei geht Graupner gerade bei dieser Gruppe von einer hohen Dunkelziffer aus. „Erschreckend ist, dass nur acht Prozent der betroffenen homosexuellen und bisexuellen Personen Anzeige erstatten. Über 90 Prozent der Fälle bleiben ungeahndet.“ Das sei „der Nährboden für weitere Gewalt“. Täter, denen nicht Einhalt geboten wird, würden „weitermachen“, befürchtet Graupner.

60 Prozent der LGBTIQ+Personen von Belästigungen betroffen

In Österreich haben 60 Prozent aus der LGBTIQ+-Community bereits Belästigung erfahren. Das geht aus einem aus dem Vorjahr stammenden Bericht der EU-Grundrechteagentur zur Situation von LGBTIQ-Personen hervor. Roher Gewalt aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität waren - bezogen auf 2023 - hierzulande sechs Prozent, bezogen auf die vorangegangenen fünf Jahre 15 Prozent ausgesetzt.

„Besonders erschreckend sind die Zahlen zu den Schulen. 73 Prozent sagen, dass sie in der Schule Mobbing, Verspottung, Hänseleien, Beschimpfungen oder Drohungen ausgesetzt waren“, sagte Graupner. 2019 seien das in Österreich noch 43 Prozent gewesen. Mobbing in der Schule habe für junge LGBTIQ+-Menschen somit binnen fünf Jahren um 70 Prozent zugenommen.

Aktuelle Razzien zeigen Fall mit „völlig neuer Dimension“

Den aktuellen Fall, bei dem 17 schwule Männer von einem homophoben Netzwerk schwer misshandelt, ausgeraubt, verletzt und erniedrigt wurden, bezeichnete Graupner als „völlig neue Dimension. So etwas hat es in dieser Form bisher nicht gegeben.“ Der Wiener Anwalt befürchtet, dass es weit mehr Opfer geben könnte, die sich bisher noch nicht bei der Polizei gemeldet haben. Er riet Betroffenen nachdrücklich, sich an Opferschutzeinrichtungen zu wenden und die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. „Es gibt seit über 20 Jahren juristische und psychosoziale Prozessbegleitung, die Betroffene nichts kostet, aber unbezahlbar ist“, betonte Graupner.

Entsetzen in Politik: „Spitze des Eisbergs“

Auch in der Politik herrschte Entsetzen über den Fall von Hass-Kriminalität, der zu einer Razzia in sieben Bundesländern geführt hatte: SPÖ-Gleichbehandlungssprecher Mario Lindner zeigte sich schockiert. Für ihn sei es nur die „traurige Spitze eines Eisbergs“. Das zeige „einmal mehr, dass die Lage für queere Personen auch in Österreich immer bedrohlicher wird“, sagte David Stögmüller, LGBTIQ+-Sprecher der Grünen.

„Ich bin fassungslos, dass so etwas in Österreich im Jahr 2025 passiert“, sagte Lindner von der SPÖ. „Mein Dank gilt den Einsatzkräften und allen, die an der Aufklärung dieser widerwärtigen Verbrechen beteiligt waren“, so der Politiker. „Als schwuler Mann weiß ich, mit welchem Hass viele Menschen auch hierzulande wegen ihrer sexuellen Orientierung noch immer konfrontiert sind. Dass aber Menschen sich zusammentun, um Homosexuelle in Fallen zu locken, anzugreifen, schwer zu verletzen und diese Verbrechen dann auch noch zu teilen, ist ein feiger und ekelerregender Akt, der uns alle alarmieren muss.“ Er ermutigte mögliche weitere Opfer, sich bei der Polizei zu melden.

Bewusst Vorurteile geschürt und Lügen verbreitet

Für Lindner sei klar, dass dies nur die traurige Spitze des Eisbergs darstelle. „Wir erleben auch in Österreich seit Jahren, dass der Hass gegen LGBTIQ+ Personen zunimmt, dass bewusst Vorurteile geschürt und Lügen verbreitet werden. All das hat furchtbare Konsequenzen!“, betont Lindner. „Dass diese feigen Täter, laut Polizeiberichten, ihre Verbrechen als Selbstjustiz sahen und ihren Opfern Pädophilie unterstellten, kommt nicht von irgendwoher - das ist die direkte Konsequenz jener Lügen und Fake News, die aus rechtsextremen Kreisen bewusst in den sozialen Medien verbreitet werden.“

„Immer mehr Menschen aus der rechten und rechtsextremen Szene fühlen sich durch die wachsende Salonfähigkeit von Hass, Homophobie und Transfeindlichkeit ermutigt, ihre menschenverachtende Vorstellung von Gerechtigkeit selbst in die Tat umzusetzen“, meinte Stögmüller von den Grünen. Dass diese Logik der Selbstjustiz nun auch in Österreich Fuß fasse, sei besonders besorgniserregend. Und Agnes Prammer, Sprecherin der Grünen für Sicherheit und Menschenrechte, sagte: “Ich bin erleichtert, dass unsere Ermittlungsbehörden diese Hassverbrechen als das behandeln, was sie sind: organisierte, gewaltbereite Gruppen, die schwerste Straftaten aus reinem Hass auf Menschen begehen, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität sie nicht akzeptieren.“

„Hass wie in autoritären Regimen“

„Diese Gewalt ist nicht nur ein Angriff auf Einzelpersonen - sie ist ein Angriff auf die Freiheit, auf die Menschenrechte und auf unsere offene Gesellschaft“, sagte Brandstötter von den NEOS. „Es braucht eine klare Haltung gegen Queerfeindlichkeit - in der Politik, in der Justiz und in der digitalen Welt.“

Solche Angriffe seien zudem kein Einzelfall, betont Brandstötter. „In autoritären Staaten wie etwa Russland ist das gezielte Auflauern und Bestrafen queerer Menschen über Dating-Plattformen längst Teil systematischer Repression.“ Dass ähnliche Muster nun auch in Österreich sichtbar werden, sei ein Alarmzeichen, das nicht ignoriert werden dürfe. „Wir dürfen nicht zusehen, wie Hass, der in autoritären Regimen längst Alltag ist, auch bei uns Fuß fasst. Der Rechtsstaat muss hier mit voller Härte reagieren - und gleichzeitig Prävention, Aufklärung und Schutz stärken.“