Liebe Leserinnen, liebe Leser!
 
Vom Sehen her kenne ich sie: die Leibwächter früherer sowie des heutigen Kanzlers. Umso überraschter war ich, als ich einige von ihnen beim Hochamt mit Kardinal Schönborn am Christtag im Stephansdom antraf. Sie waren nicht privat dort, sondern hatten vor den Stufen zum Chor in Zivil Aufstellung genommen. Sie behielten die Gläubigen im Blickfeld, der Kanzler war nicht unter ihnen. In seiner Predigt spannte der Kardinal den Bogen von der Einfachheit der Krippe zum festlichen Gottesdienst, bei dem die Konzelebranten die prunkvollsten Ornate von St. Stephan trugen, Haydns Paukenmesse für besonders erhebende Momente sorgte, sich der Weihrauch bis in die luftige Höhe der Vierung ausbreiten konnte. Der Kardinal, der sich vor zwei Jahren einer Krebsoperation unterziehen musste und dann auch noch einen Lungeninfarkt erlitten hatte, wirkte erstaunlich robust und mahnte alle, dass alle Menschen eine große Familie bilden - trotz aller politischer, ideologischer, gesellschaftlicher, konfessioneller Polarisierung, trotz der Barbarei in der Ukraine, die uns, wenn man Putins jüngstes „Friedensangebot“ dechiffriert, wohl noch das ganze nächste Jahr begleiten wird, wenn nicht sogar länger.
 
Der Stephansdom war bis auf den letzten Platz gefüllt, im Kirchenschiff hatte sich die Weltkirche versammelt. Die meisten Gläubigen waren Touristen aus allen Erdteilen, noch nie vernahm ich um die Weihnachtszeit so viele fremde Sprachen in der Wiener Innenstadt wie in diesen Tagen. Schönborn wechselte zum Schluss ins Italienische, Englische, Französische, Kroatische, auch ins Tschechische, wobei er an seine böhmische Herkunft erinnerte, und wünschte gesegnete Weihnachten. Nach dem erhebenden Stille Nacht, bei dem auch ich die eine oder andere Träne der Rührung vergoss, der Auszug: Zwei Cobra-Beamte wichen nicht von Schönborns Seite. Steht der Kardinal unter Polizeischutz?
 
Im Umfeld des Kardinals versichert man mir, seit dem Jahr 2016 sei es üblich, dass zu Weihnachten, Ostern und an anderen Festtagen die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt werden. Es liege keine spezifische Bedrohungslage vor. Mir schoss während der Messe die Meldung aus Deutschland in den Kopf, wonach man dem Plan von Klimaaktivisten, die einen im Fernsehen übertragene Gottesdienst stören wollten, ein Schnippchen geschlagen hat, indem man die Messe einen Tag zuvor aufgezeichnet hatte. Die Aktivisten, die sich bisher an den Asphalt geklebt oder Kunstwerke mit Farbe überschüttet hatten, standen vor der verschlossenen Kirchentüre.
 
Es sind nicht die Christen allein, die in Österreich des Schutzes der Sicherheitsbehörden bedürfen. Am späteren Nachmittag drehte ich eine Jogging-Runde. An den Ufern der Neuen Donau stieß ich unweit der von Richard Lugner erbauten Floridsdorfer Moschee auf einen Polizeibus, in freier Natur hatten sich rund 100 Aleviten zu einer Feier versammelt. In der Türkei sind die Aleviten immer wieder Einschüchterungen bis hin zu Verfolgungen ausgesetzt. Später traf ich einige unentwegte Wiener, die sich mit Weihnachtsmütze in die kalten Fluten stürzten.
 
Österreich zählt immer noch zu den wenigen EU-Ländern, wo Spitzenpolitiker weitgehend unbehelligt durch die Straßen streifen können - von der Corona-Hochphase einmal abgesehen, wo sogar die Kinder von Kurzzeitkanzler Schallenberg unter Polizeischutz standen. Aktuell werden der Bundespräsident, der Bundeskanzler, der Innen- und die Justizministerin, bisweilen auch der Gesundheits- und die Familienministerin rund um die Uhr bewacht. In Deutschland wird jeder Ministerpräsident, also jeder Landeshauptmann, in der gepanzerten Limousine durch das Land chauffiert. Erst im letzten Jahr wurde das Kanzleramt so umgebaut, dass niemand ungehindert ins Innere vordringen kann. Du glückliches Österreich.
 
Im Übrigen: Du glückliches Europa. Deutschlands Star-Virologe Christian Drosten hat in einem Interview mit dem Tagesspiegel Corona für beendet erklärt. Zumindest in Europa. Der entscheidende Schritt sei die Impfung gewesen, betonte Drosten. Das erkläre auch, warum die Chinesen die Pandemie offenkundig nicht in den Griff bekommen.
 
Diese Aussage sollte uns angesichts der multiplen Krisen zuversichtlich stimmen. Ohne in Triumphalismus zu kippen: Wir können Krise. Das Virus hat sich nicht von selbst erledigt, sondern konnte dank des unermüdlichen Forschungsdrangs von Wissenschaftern offenbar eingedämmt werden. Glaubt man Drosten, haben wir wieder eine Krise hinter uns gebracht.
 
Ein zweites Weihnachtswunder ereignete sich in Zürs am Arlberg. Wenn man sich das Video eines US-Skifahrers anschaut, der den Moment eingefangen hat, wo eine Lawine am Christtag eine Serie von Skifahrer erfasst hat, kann man nur staunen, wie glimpflich der Abgang ausgegangen ist.
 
Einen Dienstag, der hoffentlich nicht im kollektiven Kaufrausch mündet,
wünscht
Ihr
Michael Jungwirth