Rauer Charme, durchzogen von malerischen Farbtupfern: Der Ausgangspunkt unserer Südengland-Reise hätte nicht besser gewählt sein können. Wahrscheinlich haben Sie von Whitstable, der Austern-Hauptstadt Englands, noch nichts gehört. Fotos der kultig-bunten Badehütten am Tankerton Beach könnten Ihnen aber sehr wohl schon begegnet sein. Engländern gilt das emsige Städtchen an der Nordküste Kents als „foodie seaside town“, nur eine Bahnstunde von London entfernt. Fischer und Austernhandel sind hier allgegenwärtig.

Keine halbe Stunde weiter liegt das geistliche Zentrum der Kirche von England, Canterbury. Die Kathedrale ist ein „Must-see“, ihr „Star“ ein vor 855 Jahren ermordeter Erzbischof. Thomas Becket wurde von Rittern des Königs am Altar erschlagen. Die Geschichte erzählt von Hass, Eitelkeit und Ruhm und bewegt auch neun Jahrhunderte später Britannien. Ein Frevel wäre es, geblendet von der Schönheit der Kirche, die Altstadt links liegenzulassen. Durch Canterbury mäandert der Fluss Stour, die mittelalterliche Stadt von der Größe Villachs begeistert mit Geschichte und Grandezza.

Die Grafschaft Kent nennt man nicht umsonst den Garten Englands: Das dortige Sissinghurst ist heute einer der berühmtesten der Welt. 1930 retteten Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihr Mann Harold Nicolson das Anwesen vor dem Verfall und entwarfen einen beeindruckenden Garten – zehn abgeschlossene Gartenräume auf fünf Hektar.

Aus dem Garten Englands an die Riviera

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Vom nächsten Reiseziel, dem magischen Cornwall, der westlichsten Grafschaft Englands, trennen uns noch hunderte Kilometer. Daher bleibt es bei einem Stopp in Stonehenge, einem Abstecher nach Salisbury mit seiner grandiosen Kathedrale, und einer Nase Meeresluft im Seebad Bournemouth oder der „Durdle Door“, einer ikonischen Felsbrücke aus Kalkstein und Wahrzeichen der Jurassic Coast.

Endlich erreichen wir die Riviera. Nicht irgendeine, sondern die englische. Sattes Grün, tiefblaues Meer, weiße Fassaden und palmengesäumte Promenaden prägen die Bucht Tor Bay mit den drei Tourismusmagneten Paignton, Brixham und Torquay, Letztere die Geburtsstadt Agatha Christies. Über das mythenumwobene Dartmoor (Tipps: das Benediktinerkloster in Buckfastleigh, das entzückende Städtchen Tavistock und das Besucherzentrum in Princetown besuchen) gelangen wir schließlich nach Cornwall.

Das kann nur Cornwall

Tosende Meeresbrandung, dramatisch zerklüftete Küsten, zauberhafte Hafenstädte – Rosamunde Pilcher irrte nicht. Trotz des großen Geschäfts mit Feriengästen im malerischen St. Ives, das auch für seine Galerien (u. a. eine Außenstelle der Londoner Tate) und Surferstrände Berühmtheit genießt, finden sich keine architektonischen Zeugnisse des Massentourismus.

Von hier aus lässt sich die Grafschaft, die auf ihre wiederbelebte keltische Sprache Kornisch stolz ist, bestens erfahren: die sehenswerte Hauptstadt Truro, das sympathische Penzance, Land’s End, Mousehole, Zennor und Britanniens südlichster Punkt: Lizard’s Point. Magnetisch anziehend: St. Michael’s Mount, nur bei Ebbe zugängliche Zwillingsschwester des Mont-Saint-Michel.

Beinahe hätten wir die Nordküste Cornwalls sträflich ignoriert: das bezaubernde Padstow mit seinem Hafenkai, das pittoreske Port Isaac und das sagenumwobene Tintagel Castle mit seinen Ruinen auf einer imposanten, über eine schmale Landzunge mit dem Festland verbundenen Halbinsel. An diesem mystischen Ort soll, so die Sage, König Artus gezeugt worden sein. Der Ursprung einer der größten Geschichten Englands.