Datenbanken zur Erfassung von möglicherweise durch Impfungen verursachten Nebenwirkungen werden seit Monaten von impfkritischen Gruppen herangezogen, um auf angebliche Gefahren der Corona-Impfstoffe hinzuweisen. Tatsächlich sind die gemeldeten Nebenwirkungen und Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang zu einer Impfung so hoch wie nie. Aber wie kommen diese Zahlen zustande? Und bedeutet das tatsächlich, dass die Coronaimpfung gefährlicher ist, als bisherige Impfstoffe?

Anhand verschiedener Datenbanken wie etwa der EudraVigilance der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) oder des Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wurde bereits in den letzten Monaten öfter versucht, falsche Schlussfolgerungen in Sozialen Medien zu verbreiten.

Interpretation problematisch

Auf das Problem der Interpretation der Daten weisen die Datenbanken selbst hin. Die Informationen auf der Webseite seien nicht als Bestätigung eines Zusammenhangs zwischen Arzneimittel und "beobachteter Reaktion" zu verstehen, heißt es in einem Hinweis der EMA. Darüber hinaus sollten aufgrund der Anzahl der Meldungen keine Rückschlüsse auf die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Nebenwirkung eintritt, gezogen werden.

Das bestätigte auch eine Pressesprecherin der EMA gegenüber der APA. Fallberichte von vermuteten Nebenwirkungen würden allein selten ausreichen, um zu beweisen, dass eine bestimmte vermutete Reaktion tatsächlich durch ein bestimmtes Arzneimittel verursacht worden sei. "Jeder Fallbericht sollte als Teil eines Puzzles gesehen werden, wobei alle verfügbaren Daten berücksichtigt werden müssen, um das Bild zu vervollständigen. Nur die Bewertung aller verfügbaren Daten erlaubt belastbare Schlussfolgerungen", so die Sprecherin.

Jeder kann melden 

In der CDC-Datenbank VAERS wird ebenso darauf hingewiesen, dass es sich bei den eingehenden Meldungen nicht um Dokumentationen von durch Impfungen verursachten Nebenwirkungen handelt. Jede Person könnte eine derartige Meldung machen - neben Gesundheitsdienstleister auch Patienten oder Familienangehörige. Oft würden diese Informationen daher auch Fehler enthalten. Ähnliche Hinweise finden sich auch im britischen Yellow Card-Meldesystem.

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Trotz dieser Hinweise werden die Zahlen aus den Datenbanken von impfkritischen Menschen immer wieder für bare Münze gehalten. Ex-FPÖ-Politiker Gudenus teilte eine Grafik, die eine deutliche Zunahme an Meldungen in der VAERS-Datenbank visualisiert, sogar mit dem falschen Hinweis, dass die Zahlen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stammen würden.

Meldebeschränkungen machen den Unterschied

Der Blog tkp.at widmete den Meldungen in den Datenbanken der EMA und CDC einen eigenen Eintrag. Hier werden mehrere fragwürdige Schlüsse gezogen. Zum einen vermutet der Autor in Europa eine "massive Untererfassung" an Todesfällen und Nebenwirkungen. Während in der US-amerikanischen Datenbank rund 11.000 Todesfälle bei 336 Millionen verabreichten Impf-Dosen gemeldet wurden, sind es in der EMA-Datenbank nur etwa 5.500 bei 416 Millionen verabreichten Dosen. Dieser Unterschied ist jedoch vermutlich durch die unterschiedlichen Meldebeschränkungen zu erklären. Während in der VAERS-Datenbank jeder Mensch Meldungen vornehmen kann, basiert die EMA-Datenbank auf dem Meldesystem EudraVigilance, das in erster Linie etwa für Meldungen von Unternehmen mit einer Marktzulassung der EMA, Gesundheitsbehörden der Länder oder Auftraggeber von klinischen Studien vorgesehen ist.

Danach zieht der Artikel eine weitere kaum belastbare Schlussfolgerung. Von einem ORF-Artikel ausgehend, der von einer hohen Dunkelziffer an nicht gemeldeten Nebenwirkungen nach Impfungen ausgeht, legt der Autor den dort genannten Schätzwert von nur sechs Prozent erfassten Nebenwirkungen auch auf Todesfälle um. Dadurch kommt er auf einen Wert von über 90.000 Impftoten in Europa.

Unwahrscheinliche Zahlen 

Wie unwahrscheinlich diese Zahl ist, sieht man, wenn man diese behaupteten 90.000 Todesfälle anteilsmäßig auf die Bevölkerung Österreichs umlegt. Geht man von rund 90.000 Todesfällen unter 520 Millionen Einwohnern in der von der EMA erfassten Europäischen Wirtschaftszone aus, würden auf die Bevölkerung Österreichs mit knapp 9 Millionen Einwohnern um die eintausend Impftote entfallen.

Laut aktuellstem Bericht des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) wurden in Österreich bisher aber überhaupt erst 146 Todesfälle in zeitlicher Nähe zu einer Covid-Impfung dokumentiert . Nur bei einem einzigen Fall konnte bisher auch ein kausaler Zusammenhang zur Impfung nachgewiesen werden.

Dass in der VAERS-Datenbank so viele Todesfälle wie noch nie gemeldet werden, wie auch die virale Grafik eindrucksvoll darstellt, ist wohl vor allem mit dem hohen öffentlichen Interesse an der Corona-Pandemie zu begründen. Durch die Relevanz der Impfungen wird wohl ein höheres Augenmerk auf die Beobachtung und Dokumentation von möglichen Nebenwirkungen gelegt.

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