Es ist die logische Weiterentwicklung in der orthopädischen Chirurgie: War der Gelenkersatz – die künstliche Hüfte, das künstliche Kniegelenk – früher mit langen Schnitten, großem Blutverlust und langem Liegen nach dem Eingriff verbunden, führt man solche Eingriffe heute minimal-invasiv durch. Das bedeutet, es wird über möglichst kleine chirurgische Zugangswege operiert, das Gewebe wird möglichst wenig verletzt – und das macht es möglich, dass Patientinnen und Patienten auch viel schneller wieder auf die Beine kommen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Die moderne Weiterführung der minimal-invasiven Chirurgie ist die sogenannte „Fast-Track-Chirurgie“, ein chirurgisches Gesamtkonzept auf der Überholspur quasi. Ursprünglich in der Bauchchirurgie eingeführt, ist dieses Behandlungskonzept auch beim Gelenkersatz angekommen: „Das ist eine Weiterentwicklung, die zum Wohle des Patienten stattgefunden hat“, sagt Heimo Clar, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in Graz, der sich auf diese Methode spezialisiert hat. Clar lernte die Fast-Track-Chirurgie durch Hospitationen im Ausland und Kongressbesuche kennen. „Die Vorteile für den Patienten sind zahlreich“, sagt Clar, „nach der Operation hat der Patient weniger Schmerzen, er ist schneller wieder mobil, kann früher wieder Sport treiben.“
Fast-Track-Chirurgie: Am nächsten Tag nach Hause
In den USA, Deutschland und den skandinavischen Ländern ist die Fast-Track-Chirurgie bereits weitgehend etabliert. In darauf spezialisierten Kliniken können Patienten, die an Hüfte und Kniegelenk operiert werden, bereits am Tag nach der Operation aus dem stationären Aufenthalt entlassen werden. Clar erklärt dazu, dass für eine solch kurze stationäre Aufenthaltsdauer hierzulande die ambulante Betreuung weiter ausgebaut werden muss.
Auch in Österreich verkürzt sich die Aufenthaltsdauer nach Operationen zunehmend: Ein solch kurzer Aufenthalt ist aber nur möglich, wenn vor, während und nach der Operation alles für die rasche Genesung getan wird. „Also eine Kombination aus umsichtiger Vorbereitung auf die OP, schonender minimal-invasiver Operationstechnik und einer strukturierten und bereits im Voraus geplanten Nachbehandlung“, sagt Clar.
So lernen Patienten zum Beispiel schon vor dem Eingriff mit Krücken zu gehen. Bereits vor dem Eingriff werden die Physiotherapie-Termine geplant, die unmittelbar nach der Entlassung an die Operation anschließen. Während der Operation werden bestimmte Medikamente eingesetzt, die die Entzündung hemmen und die Blutgerinnung fördern, sodass es zu einem geringeren Blutverlust kommt. Und, einer der wichtigsten Punkte: die schnelle Mobilisation nach der Operation. „Patienten stehen schon drei, vier Stunden nach dem Eingriff das erste Mal auf und gehen die ersten Schritte“, erklärt Clar.
Für ältere Menschen ist schnelles Aufstehen wichtig
Das sei einer der zentralen Lerneffekte der Fast-Track-Chirurgie: Je früher sich ein Mensch nach einer Operation wieder bewegt, desto geringer ist die Schwellung, desto besser verläuft die Wundheilung, desto weniger Komplikationen treten auf und desto schneller sind Patienten wieder mobil. „Früher dachten wir: Patienten brauchen nach einer Operation vor allem Ruhe – doch es ist genau umgekehrt“, sagt Clar.
Gerade für ältere Menschen sei die frühe Remobilisation wichtig: „Dadurch treten weniger Begleiterkrankungen, wie Thrombosen oder Kreislauf-Probleme auf“, sagt Clar. Die Patienten bleiben mobil und büßen weniger ihrer Selbstständigkeit ein. Dabei helfe auch, dass keine Harnkatheter gelegt werden und die Patienten von Anfang an auf die Toilette gehen können. „Meine Patienten dürfen schon drei Tage nach der Operation im Krankenzimmer und später zu Hause in den eigenen vier Wänden ohne Krücken gehen“, sagt Clar. Der Erfolg solcher Fast-Track-Protokolle wurde auch in Studien belegt: Patienten waren schneller wieder mobil und konnten früher längere Gehstrecken bewältigen – gleichzeitig traten weniger Komplikationen auf.
Die Zukunft der Chirurgie
Entscheidend für den Erfolg ist freilich nicht die Chirurgie alleine, sondern das ganze Team rund um den Patienten: Die frühe und gezielte Physiotherapie ist ein ebenso wichtiger Baustein wie die optimale Anästhesie und Pflege. „In Dänemark gibt es ein mobiles Pflegesystem, sodass die Patienten nach ihrer Entlassung rund um die Uhr bei einer Nummer anrufen können, wenn Beschwerden auftreten“, sagt Clar. So könnte eine Rötung, Schwellung oder Schmerzen schnell und direkt abgeklärt werden. Auch werde den Patienten vorab genau erklärt, welche Symptome nach dem Eingriff „normal“ sind und welche ein Alarmsignal darstellen.
Durch die Möglichkeiten von Fast Track-Surgery-Konzepten könnte sich in Zukunft auch in Österreich die Betreuung nach Operationen mehr in den ambulanten Bereich verschieben. Der Leitsatz „ambulant vor stationär“ ist ja auch für die heimische Gesundheitspolitik mittlerweile zentral. Orthopäde Clar ist sich jedenfalls sicher: „Die Fast-Track-Chirurgie ist die Zukunft.“