Bei jedem Schritt, bei jeder Stufe auf der Stiege, bei jedem Mal Aufstehen vom Sessel, bei jedem gelaufenen Kilometer beim Joggen: Bei all diesen Bewegungen ist unser Gelenkknorpel im Knie im Einsatz – jeden Tag, hunderte Male. „Dadurch hat der Knorpel ein gewisses Ablaufdatum“, sagt Gerald Gruber, Orthopäde und Gelenkchirurg in Graz und Leoben. Die Abnützung des Knorpels wird Arthrose genannt und bedeutet, dass der Knorpel, der im Knie als Stoßdämpfer zwischen Ober- und Unterschenkel fungiert, immer dünner wird. Das Älterwerden ist der größte und unausweichliche Risikofaktor für die Kniearthrose: Diese macht sich durch Schmerzen bei der Bewegung, im späteren Verlauf auch in Ruhe, Bewegungsverlust oder Schwellungen im Gelenk bemerkbar.

„Der Knorpel nützt sich ab, in der Folge läuft das Gelenk nicht mehr rund, Entzündungen und Gelenksergüsse können entstehen, was zu Schmerzen und Einschränkungen in der Beweglichkeit führt“, erklärt Gruber den Prozess. Ganz typisch für die Arthrose ist der sogenannte Anlaufschmerz: Ist man längere Zeit gesessen oder gelegen und steht dann auf, sind die Schmerzen im betroffenen Gelenk besonders stark – im Laufe der Bewegung werden die Schmerzen weniger, das Gelenk „läuft“ wieder besser.

Orthopäde Gerald Gruber
Orthopäde Gerald Gruber © Klz / Stefan Pajman

Am Ende des Abbauprozesses steht der komplette Knorpelverlust: Der Knochen hat keine schützende Knorpelschicht mehr, Betroffene leiden dauerhaft unter Schmerzen, auch wenn sie das Gelenk nicht belasten. „Das kann nachts besonders quälend sein“, sagt Gruber. Ganz am Ende dieser Entwicklung kann ein künstlicher Gelenkersatz notwendig werden – doch davor gibt es noch einige Möglichkeiten, die Schmerzen zu reduzieren und die Beweglichkeit zu verbessern.

Doch zunächst stellt Orthopäde Gruber eines klar: „Infiltrationen können nie Knorpel wiederbringen, wo keiner mehr ist!“ Als bildhaften Vergleich beschreibt er: Auf einer Felswand ganz ohne Erde kann auch kein Gras wachsen – so ähnlich könne man sich ein Knie ohne Knorpel vorstellen.

Vorsorge ist das Wichtigste

Das Wichtigste, unterstreicht Gruber, ist die Vorsorge – und hier sollte man schon bei jüngeren Menschen ansetzen, die vielleicht erst beginnende Knorpelschäden haben: „Das Wichtigste ist die Stabilisierung des Gelenks durch die Kräftigung der Muskeln und durch Bewegung.“ Welcher Sport, welches Training dabei optimal ist, müsse individuell für die Betroffene, den Betroffenen entschieden werden. Dabei spielen viele Faktoren mit: „Wie sieht die Beinachse aus, wie belastbar ist der Körper, welche Sportarten hat man schon trainiert?“, zählt Gruber auf. Genauso wichtig sei es, nicht nur ein Gelenk anzuschauen, sondern auch die „Nachbargelenke“: Gibt es schon eine Abnützung im Knie, müsse auch die Hüfte und das Sprunggelenk betrachtet werden, sagt Gruber – eine Untersuchung, die der Orthopäde durchführt. Generell empfehlen kann Gruber das Training am Fahrrad-Ergometer: Die Muskulatur wird gestärkt, ohne dass der Knorpel zu stark belastet wird.

Eigenbluttherapie: Wachstumsfaktoren aus dem Plasma
Eigenbluttherapie: Wachstumsfaktoren aus dem Plasma © Klz / Stefan Pajman

Eigenbluttherapie: Wachstumsfaktoren aus dem Plasma

„Je geringer der Knorpelschaden ausgeprägt ist, desto eher kommt die Eigenbluttherapie infrage“, sagt Gruber: Diese Therapie kann vor allem bei geringen bis mittelgradigen Arthrosen Linderung verschaffen. Dazu wird dem Betroffenen Blut abgenommen und in einer Zentrifuge wird das Plasma vom Vollblut getrennt. „In diesem Plasma sind Wachstumsfaktoren und diverse Botenstoffe, die Entzündungen reduzieren und eine regenerierende Wirkung haben“, sagt Gruber. Bei dieser Therapie steht die Entzündungshemmung im Vordergrund – geht die Entzündung zurück, werden auch die Schmerzen weniger. „Die Wirkung dieser Therapie hält bis zu 24 Monate an“, sagt Gruber – wie erfolgreich die Eigenblutbehandlung aber beim Einzelnen ist, lasse sich schwer vorhersagen: Das sei abhängig davon, wie gut der Muskelstatus ist, wie gut die Beweglichkeit, etc.

Hyaluronsäure: „Schmiermittel“ fürs Gelenk

Eine weitere Option sind Injektionen mit Hyaluronsäure: „Hyaluronsäure hat eine zähflüssige Konsistenz und kann dadurch die Reibung im Gelenk reduzieren“, sagt Gruber. Solche Injektionen können ein- bis fünfmal verabreicht werden, im Abstand von einigen Wochen. „Studien zeigen, dass dadurch die Beweglichkeit der Gelenke verbessert werden kann“, sagt Gruber – somit ist wieder eine Verbesserung, aber keine Heilung möglich. Die Behandlung mit Hyaluronsäure hat eine Halbwertszeit von zwölf Monaten. Aber auch hier betont Gruber: „Die vorderste Front der Therapie ist die Stabilisierung des Gelenks über Training und Bewegung.“ Infiltrationen können nur eine begleitende Maßnahme zur Schmerzreduktion und Entzündungshemmung sein.

Stammzelltherapie: Teuer und wenig erforscht

Relativ neu aufgekommen ist die Stammzelltherapie bei Arthrose: Dabei werden Stammzellen zum Beispiel aus dem Knochenmark im Beckenknochen oder dem Bauchfett entnommen, aufbereitet und in das betroffene Gelenk injiziert. „Der Beckenknochen wird angebohrt und stammzellreiches Blut entnommen“, erklärt Gruber. Allerdings: Zu dieser Methode gibt es erst wenige große wissenschaftliche Studien und noch keine klare Empfehlung in den orthopädischen Guidelines. Auch ist dieser Eingriff sehr kostenintensiv. Und: Eine solche Stammzelltherapie kann den künstlichen Gelenksersatz nicht dauerhaft vermeiden, wenn der Knorpel schon vollständig abgenützt ist, unterstreicht Gruber.

Generell gilt: Injektionen ins Gelenk sind immer mit einem sehr geringen Risiko verbunden, dass Bakterien eindringen können. Für all diese Therapiemethoden ebenso wie für die Behandlung mit Schmerzmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln gilt laut Gruber: „Wir können nur die Beschwerden durch die Arthrose verbessern und die Lebensqualität erhöhen – die Krankheit ausradieren können wir damit nicht.“