Die Wortmaschine wird wieder in Betrieb genommen, wie es schon im ersten Roman „Menschenkind“ (1979) geschrieben steht, die Buchstabenkraft aktiviert, und dann kehren wir Lesenden wieder ein und zurück in die Winkler-Welt. Nach Kamering, in das kreuzförmige Kärntner Heimatdorf des Autors; in diesen Topos des Todes, der Erniedrigung, aber auch Keimzelle von Winklers Kreativitätsgewalt, mit der er die Heerschar von Dämonen in Schach hält und fallweise einige Exemplare wohl auch vertrieben hat. Immer wieder dieses Dorf Kamering also, in das im neuen Roman von Josef Winkler die verlorene Tochter heimkehrt, der verlorene Sohn nur zurück, nicht heim.
Sie, Maria, die verstorbene Schwester von Josef Winkler, steht im Zentrum dieses Buches. Ihr gibt der Bruder Kraft seiner Worte Stimme und Gesicht, verleiht ihr späte Würde; ihr, der „Damischen“, der Verrückten, die viele Jahre in psychiatrischen Anstalten verbrachte. Es ist eine Zurückholung, eine Zurückschreibung, eine Art Gegengebet. „Hör mir zu, meine aufmerksame und bezaubernde Zuhörerin von der Patisserie Chaim Soutine, ich erzähl dir meine Geschichte, die auch die deine ist! Mach die Ohren auf und die Augen zu und erinnere dich wenigstens schemenhaft an unsere gemeinsame Vergangenheit.“
Bruder und Schwester, zwei Außenseiter in diesem Kamering-Kosmos, schattseitig gelegen. Und im Schreiben der Sturzbach der Erinnerung. Daran, wie die Schwester im Elternhaus dem Bruder Nivea-Creme auf den eitrigen Ausschlag schmiert; daran, wie sie das Blut vom Boden aufwischt, wenn der Bruder, dieser nutzlose Fresser, wieder einmal vom Vater geschlagen wurde. Die Besuche des Bruders in den Anstalten, das Herz der Schwester längst „durchlöchert“, die nächtlichen Besucher von Männern halluziniert, die Spermaflecken auf dem Nachthemd ebenso.
Existenzielle Dringlichkeit
Literatur, das Schreiben, war für Josef Winkler immer schon nicht nur Kunstform, sondern Überlebenskampf und -strategie. Ein Ausweg aus der Aussichtslosigkeit, ein Entkommen aus der dörflichen, katholischen, patriarchalen Enge; der dortigen Sprachlosigkeit hat Winkler seine Sprachgewalt entgegensetzt. Was für ein Triumph, wenngleich hart erkämpft. Das ist Literatur, in der man die existenzielle Dringlichkeit in jedem Satz spürt.
Der neue Roman fühlt sich wie ein (vorläufiger) Schlussstein eines Werkes an, in dem altbekanntes Personal und Vertrautes wieder auftaucht. Der tobende Vater, die sprachlose Mutter, der SS-ler Onkel Franz, der Enz‘n Opa und die Enz‘n Oma, der Knochenköhler, der Pfarrer Franz Reinthaler, die Ukrainerin, bei der der schreibende Jüngling Unterschlupf findet und der er viele Jahre später ein eigenes Buch widmet, die Engel – Schwester Maria hat einen aus Blech –, und immer wieder, mantraartig, die Sautratten, „wo in einem Getreidefeld die schwarze Leiche des Judenmassenmörders Odilo Globocnik im Moor dahinmodert.“ Ein Best of Bad gleichsam, wenngleich in diesem Roman Josef Winkler eine Spur milder geworden ist und sein Furor nicht mehr so gnadenlos. Denn neben der Literatur war es wohl auch die Liebe – nicht nur jene zu seiner Schwester Maria – die ihm letztendlich das Leben gerettet hat.
„Die Heimkehr der verlorenen Tochter“ steht auf der Rückseite des Buches „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht.“ Darunter ein Foto von Maria als Kind, das sie mit Haarkranz und Erstkommunionskerze in der Hand zeigt. Er, Josef Winkler, hat seine verlorene Schwester jetzt heimgeholt, heimgeschrieben und ihr mit seiner Buchstabenkraft eine letzte Ruhestätte geschaffen.
Josef Winkler. Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht. Suhrkamp, 424 Seiten, 26,80 Euro.