Die 22. Ausgabe des interdisziplinären Elevate-Festivals findet unter dem widerständigen Motto „Vital Signs“ von 5. bis 8. März an verschiedenen Locations in Graz statt. Trotz der im Vorjahr bekannt gewordenen drastischen Förderungskürzungen seitens des Landes Steiermark erwartet das Publikum heuer sogar ein ausgeweitetes Programm. Die Eröffnung des Festivals fand Donnerstagabend erstmals in der Helmut-List-Halle statt, die Eröffnungsrede hielt die deutsche Autorin und Journalistin Şeyda Kurt. Moderiert hat der „Science Buster“ Martin Moder, der eingangs das Thema Wissenschaftsungläubigkeit in Österreich ansprach. Und Moder zur Informationswelt: „Bullshit hat es leicht, seriöse Information schwer.“

Festival-Leiter Bernhard Steirer
Festival-Leiter Bernhard Steirer © Ripix

Apropos Information. Darauf, dass das Elevate in politisch und sozial brisanter Zeit stattfindet, ging Diskurs-Kuratorin Irina Nalis ein. Aber um aus dem Informationschaos, aus dem Erschöpfungszustand herauszukommen, müsse man auch die Frage stellen, wo Fortschritt noch möglich ist, wo man handeln kann – und nicht nur resignieren. Nalis: „Zukunft ist keine Mangelware.“ Festival-Leiter Bernhard Steirer stand mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf der Bühne. Einerseits freue er sich über ein Festival, das wieder ein hochqualitatives, internationales Programm zu bieten hat, andererseits verwies Steirer auf besagte Förderungsproblematik. „Der verantwortliche Landesrat ist ja hier heute, wir können uns vielleicht noch unterhalten darüber.“ Konkret darüber: „Ein Wegfall der ORF-Landesabgabe würde bedeuten, dass das Kulturleben in diesem Land sehr finster wird – und das möchten wir wohl alle nicht erleben“, so Steirer.

Irina Nalis kuratiert das Diskurs-Programm
Irina Nalis kuratiert das Diskurs-Programm © Ripix

Şeyda Kurt wuchs in Köln auf, ihre Familie ist kurdisch-türkischer Herkunft. In ihrer beeindruckenden Eröffnungsrede sprach sie zunächst über die Begriffsdefinition des Festival-Mottos: „Ja, klar, die akkurateste, technisch-medizinische Übersetzung von Vital Signs wäre Vitalzeichen oder Vitalparameter. Intuitiv habe ich jedoch zunächst an Lebenszeichen gedacht, im Internet habe ich dann allerdings die Übersetzung von lebenswichtigen Zeichen gefunden. Und da war dann in meinem Kopf ordentlich was los. Denn ich habe mich gefragt, was das Verhältnis von Lebenszeichen und lebenswichtigen Zeichen ist. Was diesen Bezeichnungen gemein ist und was sie unterscheidet.“

„Science Buster“ Martin Moder moderierte den Abend
„Science Buster“ Martin Moder moderierte den Abend © Ripix

Und Kurt weiter: „Wenn wir von Vital Signs sprechen, sprechen wir also nicht nur von einem biologischen Zusammenhang. Wir sprechen über Macht und Normen. Über die Frage, was als normal gelten soll, weil es nützlich ist – und was als Abweichung aussortiert werden darf.“ Kurts Rede klang gespenstisch aktuell: „Krieg ist nicht nur Zerstörung. Krieg ist ein Wirtschaftsmodell. Und Militarisierung ist eine Form, Lebenszeichen zu verwalten, während lebenswichtige Anzeichen geopfert werden. Geld für Waffen ist da. Geld für Pflege, Bildung, Sorgearbeit angeblich nicht.“ Ein möglicher Ausweg: „Liebe. Aber nicht als abstrakter Begriff, sondern als gemeinsame Arbeit.“

Die Eröffnungsfeier fand erstmals in der Helmut List-Halle statt
Die Eröffnungsfeier fand erstmals in der Helmut List-Halle statt © Ripix

Şeyda Kurt plädierte auch für eine Abrüstung der Worte und eine Aufrüstung der Ambiguitätstolerenz: „Ist es nicht oft viel schwerer, dem Leben ins Gesicht zu schauen? Dem Leben, so wie es jetzt ist. In seiner Fragilität. In seiner Unordnung. In seiner Schönheit und Hässlichkeit. In seiner Überforderung. Es auszuhalten. Es anzunehmen. Ohne Pathos und Erlösung. Wir brauchen vielleicht keine großen Worte, um für das Leben und all seine verletzlichen Anzeichen zu kämpfen. Nicht Liebe, nicht Hoffnung als abstrakte Parolen. Natürlich helfen uns große Erzählungen, die verbinden und orientieren. Aber vor allem brauchen wir wieder und wieder mehr Erfahrungen des gemeinsamen Aufbauens.“