Derzeit entscheidet in Wien der ORF-Stiftungsrat, wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk provisorisch bis Ende 2026 führen wird. Viel spricht dafür, dass es bei einer Formsache bleibt: Ingrid Thurnher gilt als klare Favoritin. Nach dem Rücktritt von Roland Weißmann wegen schwerer Vorwürfe durch eine junge Mitarbeiterin im März hat sie die Geschäfte bereits interimistisch übernommen – und ist nun auch die einzige von elf Bewerberinnen und Bewerbern, die überhaupt zu einem Hearing geladen wurde. Der Wettbewerb hält sich also in Grenzen.
Doch bevor Personalentscheidungen fallen, arbeitet sich das 35-köpfige Gremium an sich selbst ab. Der Küniglberg ist derzeit weniger Sender als Baustelle. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer kündigt „intensive Diskussionen“ an – ein Codewort für das, was intern längst brodelt. Im Zentrum steht der Compliance-Bericht zur Causa Weißmann. Das Ergebnis: keine sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinn. Der an der Untersuchung beteiligte Anwalt Christopher Schrank spricht von einem Austausch, der „für keine der beiden Seiten unerwünscht“ gewesen sei. Die betroffene Mitarbeiterin sieht das diametral anders. Auch die Gleichbehandlungsanwaltschaft sah das anders.
Weißmann wurde Kündigung zugestellt
Gekündigt wurde Weißmann letztlich dennoch. Thurnher kündigte dies am 8. April an. Erst seit Mittwoch – also 14 Tage später – liegt Weißmann die Kündigung auch schriftlich vor, wie er der „Kleinen Zeitung“ sagte. Die Begründung folgt einer anderen Logik: Führungskräfte dürfen nicht einmal den Anschein eines Fehlverhaltens erwecken. Lederer formuliert es schärfer. Er spricht von „Obszönitäten und Unfassbarkeiten“, die einer Mitarbeiterin widerfahren seien – und stellt die grundsätzliche Frage, wer definiert, was als einvernehmlich gilt.
Nun wollen die Stiftungsräte Klarheit: Thurnher soll auch eventuelle Altfälle von Belästigungen aufrollen und das Gremium über deren Ausgang informieren. Auch will man Auskunft über die strittige Sonderpension von Pius Strobl. Gab oder gibt es ähnliche Fälle, will der Rat wissen.
Währenddessen bringt sich auch der von der FPÖ entsandte Stiftungsrat Peter Westenthaler in Stellung. Seine Wortwahl ist programmatisch: „aufräumen“, „Mist entfernen“, „aufklären“. Westenthaler fordert volle Transparenz – nicht nur im aktuellen Fall, sondern auch bei früheren Vorfällen, bei denen zumindest der „Anschein unangemessenen Verhaltens“ bestanden habe. Sein Szenario: Sollte sich etwas erhärten, könnten am Ende der Sitzung personelle Konsequenzen stehen. Er nannte Pius Strobl und ORF-III-Chef Peter Schöber als mögliche Kandidaten für Personalmaßnahmen.
ORF-Spitze
Zusätzlich stellt Westenthaler mögliche Unvereinbarkeiten im Stiftungsrat zur Diskussion. Er spricht offen von „Geschäftemacherei des Stiftungsratsvorsitzenden“. Lederer weist das zurück, betont korrektes Handeln und sieht keine Interessenskonflikte. Klärungsbedarf gibt es dennoch – auch gegenüber den Redaktionsräten, die ihm und weiteren Mitgliedern kürzlich das Misstrauen ausgesprochen haben.
Ein weiterer Konfliktherd: der steirische Stiftungsrat und Ex-ORF-Manager Thomas Prantner. Interne Dokumente, über die der „Standard“ berichtet, zeichnen das Bild eines Systems aus Einfluss, Nähe zur Politik und strategischen Personalentscheidungen. Prantner selbst weist Vorwürfe zurück, steht aber politisch unter Druck. Kritik kommt von mehreren Seiten. Sigrid Maurer sieht in den Enthüllungen ein strukturelles Problem: ein System, in dem sich „gewisse Männer im ORF“ über Jahre eingerichtet hätten. Max Lercher geht weiter und spricht von systematischem Missbrauch einer Machtposition. Die Forderung: Rücktritt oder Abberufung durch Mario Kunasek.
Dieser befindet sich auf dem Rückflug von Hongkong. Er kündigte an, dass er in den nächsten Tagen ein Gespräch mit Thomas Prantner führen wird. Was in den letzten Tagen ans Licht gekommen ist, „ist belastend, auch für den ORF.“ Der Landeshauptmann kann den Stiftungsrat nicht abberufen: „Die Entscheidung muss er selber treffen!“
In diesem Umfeld wirkt die Personalfrage fast wie ein Nebenschauplatz – und ist doch zentral. Denn alles läuft auf eine Entscheidung hinaus: Soll Ingrid Thurnher tatsächlich jene Transparenz liefern, die viele jetzt einfordern? Lederer erwartet ein „klares Statement“ des Gremiums.
Langfristig steht ohnehin die nächste, entscheidende Wahl an: die Bestellung für die fünfjährige Generaldirektionsperiode ab 2027. Offiziell ist sie für den 11. August angesetzt. Das Gremium will die Wahl jedoch – wie berichtet – auf den 11. Juni vorziehen, um die Übergangszeit kurz zu halten. Die Ausschreibung für den Posten soll schon am 1. Mai erfolgen.