„Hollywood. Das ist der Platz der Lügen und Geheimnisse.“ Oscar-Host Billy Crystal schmunzelte, als er das sagte. Man schrieb den 24. März 1997 und feierte die besten Filme des Vorjahres, die Lacher auf Crystals „Joke“ waren im Shrine Auditorium von Los Angeles jedoch eher verhalten.
Die Annual Academy Wards – besser bekannt als Oscarverleihung - sind nicht nur eine Feier der größten Hollywoodstars, der „biggest“ Studios und der mächtigsten Filmemacher – sie sind auch ein Spiegelbild unserer Zeit. „Lügen und Geheimnisse“ trifft es gut. Wenn man sich heute die vielen Dankesreden anschaut, in denen dem verurteilten Sexualstraftäter und Filmproduzenten Harvey Weinstein gedankt wird, läuft einem kalt über den Rücken.
„Welche Farbe hat mein Wind?“
Auch wenn man versuchte das Showformat zu modernisieren, bleibt eine Verleihung eine Verleihung. Ein Host führt durch den Abend, Menschen treten auf, Preise werden überreicht, die Stars klatschen, lachen über gute und schlechte Witze und erst nach vielen, vielen Stunden ist alles vorbei. Dazwischen gibt es Musik-Darbietungen – die sehr oft überraschend langweilig sind. Als Vanessa Williams 1996 „Colors of the Wind“ (Farben des Windes) trällerte, bemerkte Host Whoopi Goldberg: „Welche Farbe hat mein Wind? Haben Sie sich diese Frage nicht auch von Zeit zu Zeit gestellt?“ Dennoch bleibt festzuhalten: Mehr Glamour als bei den Oscars geht nicht. Hier sitzt Steven Spielberg neben Timothée Chalamet und Anne Hathaway neben Ariana Grande.
An den Oscars kann man auch ablesen, wie sich Diskurse verändern. 1997 saß Harvey Weinstein noch im Publikum und freute sich über die Oscars. Und man witzelte über das Schwulsein. Einige Jahre später erwähnte Host Billy Crystal, dass Johnny Depp einen „leicht schwulen Piraten“ in „Fluch der Karibik“ spiele. 2003 schimpfte Michael Moore über Präsident George W. Bush, der die USA in den Irak-Krieg geschickt hatte. Seine legendäre „Shame on You“-Rede war von Klatschen, aber doch auch von lautstarken Buhrufen begleitet. Worüber man sich lustig macht, das hat sich durchaus geändert. Nach Aufkommen der MeToo-Bewegung – als direkte Reaktion auf den Weinstein-Skandal im Jahr 2017 – meinte Host Jimmy Kimmel zur Oscar-Statue: „Er ist der am meisten respektierte Mann in Hollywood. Er hat seine Hände dort, wo man sie sehen kann, er sagt nie ein schlimmes Wort und hat keinen Penis.“ Kimmel sagte auch: „Was mit Harvey Weinstein passiert, war lange überfällig.“ Und er sagte auch, dass man sexuelle Belästigung stoppen müsse.
Chris Rock: Bissig, angriffig, wichtig
Am bissigsten und angriffigsten in den letzten 30 Jahren war Comedian und Schauspieler Chris Rock, der immer wieder die ewige Problematik der Benachteiligung schwarzer Schauspieler zur Sprache brachte. „Nur vier Schwarze, die heute nominiert wurden“, sagte er 2005. Der erste Schwarze Schauspieler, der den Oscar gewann, war Sidney Poitier: 1963 als „Bester Hauptdarsteller“, erst 28 Jahre danach gewann wieder ein Schwarzer in derselben Kategorie. Hattie McDaniel gewann den Preis für „Beste Nebendarstellerin“ 1939, dann war in dieser Kategorie Pause bis 1990. Die erste Frau, die als „Beste Hauptdarstellerin“ ausgezeichnet wurde und es auch blieb, war Halle Berry im Jahr 2001 für „Monster’s Ball“. Noch nie hat ein Schwarzer den Regie-Oscar gewonnen. Die erste Amerikanerin mit hispanischem Migrationshintergrund war Hilary Swank im Jahr 1999, die einen Oscar für „Beste Hauptdarstellerin“ gewann. Die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Man sieht darin, dass Veränderungen nur sehr langsam und spät einsetzen. Weil es eine weiße Veranstaltung war und das Problem lange Zeit gar nicht als Problem gesehen wurde.
„The white peoples choice“
2016 war wieder kein Black American nominiert: „Willkommen bei den Oscars. Auch bekannt als die Verleihung nach dem Geschmack der Weißen“, sagte Chris Rock in einem denkwürdigen Opening Monologue. „Es sind keine Schwarzen bei der 88. Gala nominiert. Aber das war auch davor schon 71-mal der Fall.“ Und dann stellte er die Frage: „Ist Hollywood rassistisch? Ist es Kreuze verbrennender Rassismus? Nein (…) Es ist eine ganz andere Form von Rassismus.“ Alle haben in diesem Jahr protestiert, sagt er, aber warum haben sie nicht schon früher, zum Beispiel in den 60ern protestiert: „Weil wir echte Probleme hatten, gegen die wir protestieren mussten. (…) Man war zu beschäftigt sich darüber aufzuregen, wer Beste Kamera gewann, während man vergewaltigt und gelyncht wurde.“ Derselbe Chris Rock bekam von Will Smith bei der Oscar-Verleihung im Jahr 2022 bei einem der größten Eklats aller Zeiten eine Ohrfeige versetzt – weil er einen Witz über die Frisur seiner Frau Jada Smith gerissen hatte – sie trug eine Glatze, weil sie an krankhaftem Haarausfall leidet.
Auch die Veränderungen in der Branche waren immer ein Thema. 1997 waren die Probleme am Kinomarkt ein Thema, da Heimvideo das Sehverhalten änderte und die DVD gerade dabei war die VHS-Kassette abzulösen. Steve Martin, Host im Jahr 2003, erwähnte, dass es die erste Oscarverleihung sei, die im Format High Definition übertragen wird: Und machte einen Scherz darüber, dass sich das wohl nur drei Typen ansehen werden. Das Downloaden von Filmen war damals noch ein großes Problem, das die Branche umtrieb. 2017 war es ein Thema, dass Amazon das erste Streaming-Studio war, das mit einem Film für „Bester Film“ nominiert wurde. Und das Videoportal Youtube, das früher als Problem gesehen wurde, übernimmt in Zukunft die Übertragung der Oscar-Show von ABC. Die Zeiten ändern sich und die Oscars sich mit ihnen. Vorjahres-Host Conan O’Brien steht am 15. März wieder im Dolby Theatre auf der Bühne. Ob es angesichts des Iran-Krieges von Donald Trump eine politische Oscar-Nacht wird, wird sich zeigen. Mut ist ein Pflänzchen, das auch in Hollywood lange braucht, um zu wachsen.