Wolfgang Tischer, literaturcafe.de
Im Wien des Jahres 2095 stirbt eine Frau gleich zweimal. In seinem Science-Fiction-Thriller „Thanatopia“ (Kiepenheuer & Witsch) geht Tom Hillenbrand unter anderem der Frage nach, ob wir wirklich ewig leben wollen, wenn uns das eine KI ermöglichen würde.
Ein trauernder Witwer und eine ungewöhnliche Totengräberin: Fabian Neidhardt bringt in seinem dritten Roman „Endlosschleifentage“ (Haymon) ein buntes Figurenensemble auf den Friedhof. Ein leichter Roman über das schwere Thema Trauer und Tod.
Und: Lest den „Zauberberg“! Nicht nur, weil Thomas Mann vor 150 Jahren geboren wurde, sondern weil es ein verdammt witziger Text ist!
Petra Hartlieb, Buchhändlerin und Krimi-Autorin
Anne Freytag, Blaues Wunder, Kampa Verlag: Drei Frauen in den Mitvierzigern, ihre erfolgreichen Ehemänner und ein gelangweilter erwachsener Sohn auf einer Luxusyacht in abgelegenen Gewässern, wer verfolgt welchen Plan? Das perfekte Szenario für ein psychologisches Kammerspiel vom Feinsten.
Takis Würger, Für Polina, Diogenes: Als der musikalisch hochbegabte, doch ansonsten unbeholfene Hannes sich in seine Kindheitsfreundin Polina verliebt, komponiert er eine Melodie für sie: „Für Polina“. Viele Jahre und einige Schicksalsschläge später ist es genau dieses Stück, das die beiden wieder zusammenführt.
Sarah Welk, Frei. Bester Sommer. Ars Edition: Natürlich ist der 14-jährige Josh vom Umzug in das kleine Kaff nicht begeistert. Doch die neue Schule ist ganz anders, als alles, was er bisher als Schule erlebt hat. Gleich am Anfang geht’s anlässlich der Projektwoche mehrere Tage in den Wald, in einer Fünfergruppe, ohne Handy. Ein Buch übers Ankommen, Dazugehören, Anderssein – und ganz nah dran an der Lebenswelt junger Menschen.
Klaus Kastberger, Juryvorsitzender Bachmann-Preis
Fiona Sironic liefert mit „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ (Ecco Verlag) das Buch mit dem längsten Titel. Dieses Roman-Debüt überzeugt durch Relevanz und Aktualität und stimmt mitten im Anthropozän einen flotten Ton an. Während die Turteltaube ausstirbt, verlieben sich zwei Mädchen. Eine spezifische Art des nature writing etabliert sich hier gerade auch vor digitalen Hintergründen. Es brennt überall und am Ende wird es auch für die beiden Hauptfiguren eng. Lassen Sie sich in diese Welt hineinziehen!
Unbedingt empfehlenswert ist der Gedichtband „Chronik des eigenen Atems“ (Suhrkamp) von Serhij Zhadan. Der ukrainische Autor zeigt, wie der Krieg sich auch in die lyrische Sprache frisst. Es gibt einen Abschnitt vor und nach dem 24.2.2022, lyrische Sensibilitäten aber reichen auch über diese Grenze. Zhadan ist einer der profiliertesten Autoren der Ukraine und auch als Rockmusiker bekannt. Auch die Prosa des Autors, zuletzt zusammengefasst in einem Band mit Geschichten unter dem Titel „Keiner wird um etwas bitten“ (Suhrkamp) ist absolut lesenswert und zeigt eine ungebrochene Kraft des Widerstands.
Nadja Kayali, Intendantin Carinthischer Sommer
Der persische Astronom und Dichter Omar Khayyam ist immer wieder Held von zeitgenössischen Romanen. Sein Leben und Wirken im 11./12. Jahrhundert inspiriert bis heute, weil es eng mit Politik und historischen Entwicklungen verbunden ist und dabei Raum für Fiktion lässt. Dzevad Karahasan griff in „Der Stern des Nachthimmels“ (Suhrkamp) die Geschichte der angeblichen Verbindung zwischen Omar Khayyam und Hassan Sabah auf, dem späteren Führer der Assassinen. Mit ihren Selbstmordattentaten zerstörten sie das Reich und seine blühende Kultur. Dzevad Karahasan beschreibt mit der ihm eigenen Erzählkraft das Leben von Omar Khayyam als Geschichte einer Zeitenwende.
„Man weiß vom Klang des Weinens, was kommt/nicht von dem, was Philosophen sagen.“ Abdalrahman Alqalaq ist ein Poet. Sein Arabisch, Dichtersprache, schimmert in den deutschen Worten durch. „Übergangsritus“ (Wallstein) heißt sein teils auf Deutsch, teils auf Arabisch geschriebenes Buch. Seine Gedanken verschonen uns nicht, seine Bilder von Flucht und Erinnerung sind klar und eindringlich, vermögen aber genau das, was besonders Lyrik kann: uns spontan öffnen für die Mehrdimensionalität des Seins.
Eigentlich sind „Dorfgeschichten“ (Septime-Verlag) nicht meine Lieblingslektüre. Als Städterin müssen mich solche Erzählungen auf der ersten Seite packen, damit ich weiterlese. Genau das war bei „Dorf ohne Franz“ (Septime) von Verena Dolovai der Fall. Ab Satz eins war ich in einer anderen Welt. Das Besondere an diesem Buch sollte sich jedoch erst im Verlauf des Lesens herausstellen: es ist der Rhythmus, in dem Verena Dolovai schreibt. Mit kurzen Sätzen führt sie durch die Geschichte und macht es unmöglich, das Buch auch nur einen Augenblick wegzulegen. Man wird von Satz zu Satz weitergetragen. Außerdem mag ich besonders, wenn Sprache genau ist ohne nüchtern zu sein. Bei Verena Dolovai spüre ich das präzise Denken der Juristin und auch das regt an.
Heimo Strempfl, Leiter des Musilmuseums
Sie habe früh gewusst, dass sie von einer „intensiven Freundinnenschaft zwischen zwei jungen Frauen“ erzählen wolle, so die junge deutsche Autorin Mascha Unterlehberg, die mit dem Roman „Wenn wir lächeln“ im Herbst 2024 im DuMont Verlag debütierte, über die Hauptfiguren Jara und Anto. Schon im Jahr zuvor konnte sich das Publikum in Klagenfurt von der literarischen Qualität des Textes überzeugen.
Die junge deutsche Autorin Lena Schätte hat „einen unglaublich guten Roman über das Aufwachsen mit einem alkoholkranken Vater geschrieben“, so Bernhard Heckler in der Süddeutschen Zeitung über Schättes Buch „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ (S. Fischer-Verlag). Schätte war als Krankenschwester auf einer psychiatrischen Abteilung tätig und in der Realität fest verhaftet, was auch eine Stärke des Romans ist.
Katharina Herzmansky, Kuratorin Bachmann-Haus
Zuletzt habe ich vor allem und immer wieder Ingeborg Bachmann gelesen, primär und sekundär und überhaupt, und selbstverständlich sind ihre Texte, Gedichte und Erzählungen, Essays und Vorlesungen, nur zu empfehlen. Das sog. „Kriegstagebuch“ zählt zu den eindrücklichsten Schilderungen jugendlicher Erfahrungen und stellt zudem ein berührendes Zeitdokument dar. Bemerkenswert auch, wie die junge Ingeborg Bachmann den Wahnsinn von Krieg und Faschismus ebenso erkennt, wie sie weiß, dass es ein Danach geben muss, und darin ihre Hoffnungen setzt.