Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist jedes Jahr eine große Freude hier zu sein, bei diesen Tagen der deutschsprachigen Literatur. Alle, die schon einmal hier in Klagenfurt waren, wissen es: Eine ungeheuer positive Energie trägt diesen Bewerb, der heuer nunmehr schon zum 49. Mal und ohne jegliche Unterbrechung über die Bühne geht.

Diese freudige Stimmung umfasst von der ORF-Landesintendantin Karin Bernhard über die maßgeblichen Personen in der Organisation, allen voran Horst Ebner sowie den Regisseur und technischen Leiter Klaus Wachschütz alle, die hier im Landesstudio beschäftigt sind. Von dem freundlichen Herrn beim Empfang über die Kameramänner und -frauen, die Damen in der Maske bis zu den Tontechniker:innen. Ja oft habe ich selbst noch beim Verkabelt-Werden, was ja jetzt nicht unbedingt die beste aller denkbaren Vergnügungen ist, das Gefühl, dass auch das hier in Klagenfurt angenehmer kribbelt als anderswo.

Es ist hier im Süden Österreichs, gleichsam schon fast auf Urlaub am Balkan oder in Italien in diesen Tagen Ende Juni auch immer eine große Freude, miterleben zu dürfen, dass es alles, was es braucht, um diese Tage zu einem wahren Fest der Literatur zu machen, noch immer gibt. Auch seitens der Jury freut es uns heuer ganz besonders, dass es 3Sat noch gibt. Wer hätte vor einem Jahr noch gedacht, dass wir uns auch darüber eines Tages Gedanken machen müssen. Es wurde ja im abgelaufenen Jahr eine mögliche Zusammenlegung mit ARTE diskutiert, und ich bin mir fast sicher, das hätte auch für den Bachmannpreis nichts Gutes bedeutet.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wollte Ihnen heuer bei meiner kleinen Rede hier auch einen konkreten Vorschlag machen: Hören wir doch bitte, so wollte ich sagen und ich habe mich schon vor mir gesehen, wie ich das sage, also hören wir doch bitte auf, den Nachwuchskurs, der hier in Klagenfurt seit Jahrzehnten stattfindet und der jungen Autorinnen und Autoren Jahr für Jahr die unschätzbare Gelegenheit geboten hat, sich mit dem Literaturbetrieb vertraut zu machen, hören wir doch bitte auf, so wollte ich sagen, diesen Kurs mit einer blöden Bezeichnung, die sich aber leider eingebürgert hat, als Häschenkurs zu bezeichnen.

Schluss mit dem Häschenkurs! wollte ich sagen, Schluss mit dieser völlig unzeitgemäßen Bezeichnung! Diesen Aufruf kann ich mir aber jetzt sparen, denn der sogenannte Klagenfurter Nachwuchskurs, der eine lange und gute Tradition und prominente Tutor:innen hatte, findet heuer nicht statt, gestrichen aus Kostengründen.

Allumfassende Kostengründe treffen hier in Klagenfurt aber nicht nur diesen einen Kursus allein, sie treffen mit einer Wucht, die sich gleichsam im Wörthersee gewaschen haben, die gesamte lokale Kulturszene. Und die freie Szene bildet in solchen Situationen immer zugleich jenen Teil der Kultur, den es am stärksten trifft.

In der freien Szene sind Existenzen und darunter auch die von Schriftstellerinnen am schnellsten zerstört, dabei geht es hier eigentlich um das wenigste Geld, allerdings mit der stärksten Wirkung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir wissen es alle: Es muss gespart werden und es muss auch an der Kultur gespart werden und es wird daran auch nicht allein hier in Klagenfurt gespart. Nein, es muss auch in anderen öst. Bundesländern und im Bund selbst aber auch in Berlin und anderswo gespart werden, von der Slowakei und Ungarn gar nicht zu reden, in diesen Ländern weiß man auch ganz genau, wo besonders gespart werden muss, nämlich an der Kultur, wo aber im Sparen blöderweise nur das Allerwenigste zu holen ist, im Vergleich.

Auch in der Steiermark, jenem Bundesland, das unmittelbar an Kärnten grenzt und aus dem ich, der Juror mit der geringsten Anreisedistanz, Jahr für Jahr nach Klagenfurt komme, sind Kürzungen angesagt. Was Wunder auch, ich meine: Darüber muss sich jetzt wirklich niemand wundern, irgendwo muss das Geld ja, das in den letzten Jahren (koste es, was es wolle) ausgegeben wurde, wieder hereingebracht werden. Wir haben beim Geldausgeben (koste es, was es wolle) ja alle zugeschaut, und jetzt fragen wir uns, wo das ganze schöne Geld hingekommen ist, kaum etwas davon ging in die Kultur und nichts in die freie Szene. Die hatte schon an den Inflationsraten der Pandemie ihre Not.

Bei mir zu Hause, in der Steiermark, der grünen Mark, die jetzt einen blauen Landeshauptmann hat, ist es nicht allein bei Kürzungen geblieben. Denn auch noch andere Veränderungen treffen die Kulturszene hart. Das muss ich Ihnen schnell noch erzählen: Seit einigen Monaten nämlich sitzt in der Steiermark der Marketingchef eines Verlages im obersten Kultur-Vergabe-Gremium, von dem man (diesem Verlag eben) laut einem Gerichtsurteil sagen kann, dass er Bücher vertreibt, die man als „rassistisch“, „antisemitisch“ und „rechtsextrem“ bezeichnen darf. Eines dieser Bücher trägt beispielsweise den Titel: Hitler in Hell. Was er noch zu sagen hätte

Was, meine sehr geehrten Damen und Herren, hat uns das zu sagen? Die Welt ist in dem einen Jahr, in dem wir jetzt nicht in Klagenfurt waren, sondern irgendwo anders gewesen sind, nicht besser geworden. Krisen sind eskaliert, Gewaltexzesse haben sich gesteigert, an einem Grazer Oberstufengymnasium, und das muss ich hier noch erwähnen, weil Graz davon immer noch geschockt ist, hat es einen Amoklauf gegeben mit so vielen Todesopfern wie in Österreich noch nie, und weltweit arten Kriege immer mehr zu Flächenbränden aus-.

Kunst und Kultur werden gerade auch in solchen Situationen dringlicher denn je gebraucht, als Werkzeuge der Empathie, aber auch, um Denk- und Handlungsräume zu öffnen und alternative und friedlichere Szenarien vorstellbar zu machen.

Die Literatur schafft unablässig Räume der Reflexion und hier in Klagenfurt feiern wir die Literatur auch nicht als einen Selbstzweck, sondern wir vertrauen uns ihr an, weil gerade in Zeiten, in denen die Welt Out of Joint ist, Literatur an diesem Zustand etwas Essentielles begreifbar machen kann.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin der festen Überzeugung, dass in Literatur, also in Räumen, wo alternative Welten zum Leuchten gebracht, Problemfelder markiert und miteinander in Beziehung gesetzt und letztlich immer an einem friedlichen Zusammenleben gearbeitet wird, eine Chance auf eine bessere Welt liegt. Wir dürfen uns solche Chancen nicht nehmen lassen, nicht von rechter und kulturfeindlicher Politik, nicht von verheerenden Zuständen in der Welt und auch nicht aus Kostengründen.  

Stattdessen sollten wir uns der Möglichkeiten, die wir haben, bewusst sein. Auch jene Literatur, die sich Ingeborg Bachmann gewünscht und zu der sie selbst Erhebliches beigetragen hat, versteht sich als eine utopische Kraft gegen scheinbar undurchdringbare gesellschaftliche und politische Zwänge.

Kaum eine andere Kunstform besitzt mehr Resilienz als die Literatur. Denn geschrieben und gelesen kann auch mit vergleichsweise geringen Mitteln werden, Gerade auch das sollte sich in den kommenden Tagen hier in Klagenfurt zeigen. Wie stark die deutschsprachige Literatur ist. Ich beglückwünsche uns in diesem Sinne dafür, dass wir auch heuer wieder hier sind und diese Tage haben und ich bedanke mich bei allen, die Jahr für Jahr für ihr Zustandekommen dieser Tage sorgen, also nicht zuletzt auch bei uns selbst.