Sirât
Wenn Cineastinnen und Cineasten davon sprechen, dass man Filme möglichst stets auf der großen Leinwand sehen sollte, haben sie wohl Filme wie „Sirât“ von Óliver Laxe im Kopf. Es ist ein adrenalingeladener Trip: Ob das die basslastige Rave-Musik von Kangding Ray ist, die unberührte, aber lebensfeindliche Stille der Wüste oder das menschliche Drama, das sich in der zweiten Hälfte stets zuspitzt.
Inmitten eines marokkanischen Niemandslandes suchen der Spanier Luis (Sergi López) und sein Sohn Esteban (Bruno Núñez Arjona) nach der verschwundenen Tochter. Eine Gruppe von Ravern gibt ihnen den Tipp, dass an der mauretanischen Grenze ein Rave stattfinden soll. Diese werden von Laien der Free-Party-Bewegung gespielt. Ihre Verwurzelung in der Szene intensiviert die Aura des Films, die zwischen überkandidelter „Mad Max“-Optik und Doku tänzelt.
Die ersten Boten einer drohenden Katastrophe schickt Laxe in Form von Behörden, die die Party beenden. Eine nicht näher beschriebene apokalyptische Krise verlangt es, dass Ausländer sofort das Land verlassen. Die Raver schaffen es, abzuhauen. Luis und Esteban folgen. Sie alle rücken zunächst zusammen, die unerbittliche Wüstenlandschaft, die Hoheit der Natur über Leben und Tod sowie die Allgegenwärtigkeit eines politisch-militärischen Konflikts fordern alsbald ihren Tribut.
So erschließt sich die Verbindung zum Titel: „Sirât“ kommt aus dem Arabischen und bezieht sich im Islam auf eine schmale Brücke über der Hölle. Laxe stellt geschickt die Frage, ob wir diese nicht schon in der Welt der Lebenden überschreiten. (sg) ●●●●●
Das Leben meiner Mutter
Eigentlich läuft im Leben von Pierre (William Lebghil) alles rund. Der Mittdreißiger liebt seinen Job als Florist. Doch eines Morgens holt ihn seine Vergangenheit ein. Seine bipolare Mutter Judith (Agnès Jaoui) ist aus der Klinik geflohen und hat sich in der Wohnung ihrer Mutter breit gemacht. Diese würde Judith gerne dort behalten, doch für Pierre ist klar, sie muss zurück in die Einrichtung. Mit dem Versprechen, sie würden ihren toten Vater am Friedhof besuchen, lockt Pierre Judith aus dem Haus. Die Reise der beiden offenbart aber – wie so oft–, dass das Leben ganz andere Pläne hat. Regisseur Julien Carpentier vermeidet in seinem Debüt melodramatische Momente, sondern fokussiert sich mit feinem Humor auf die emotionale Last, die die Betroffene einer bipolaren Störung begleitet. Ob nun Patient oder Angehörige. (sg) ●●●●○
My Partners
Sind drei in einer Beziehung eine oder einer zu viel? Die estnische Filmemacherin Eva Kübar, bekannt als eine der Protagonistinnen der Doku „Smoke Sauna Sisterhood“, begleitet in ihrem einfühlsamen Film drei Paare, die polyamor leben. Die Kamera begleitet sie zu Tantra-Camps und zu Therapien, die „Liebesverträge“ verhandeln. Die mutigen Protagonisten und Protagonistinnen berichten ehrlich von ihren Beziehungen, ihren Zweifeln, Ängsten. Der reflektierte Film urteilt nicht, sondern regt zum Nachdenken an. (js) ●●●●○