Lockdown ab MontagÖsterreichs Kulturschaffende: "Stehen nun das nächste Mal vor dem Nichts"

Ab Montag, 22. November, gilt in Österreich ein Lockdown: Die Kulturschaffenden müssen bis 12. Dezember alle Veranstaltungen absagen. Neben viel Verständnis und einer gewissen gelassenen Routine sei klar, dass es ohne Unterstützungen nicht gehen könne: Sonst stehe vor dem Nichts. Staatssekretärin kündigt Corona-Hilfen an.

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Kunst und Kultur gehen in einen erneuten Lockdown
Kunst und Kultur gehen in einen erneuten Lockdown © APA/HERBERT NEUBAUER
 

In Österreich gilt ab kommenden Montag, 22. November, ein genereller Lockdown. Dieser dauert - nach einer Evaluierung nach zehn Tagen - bis 12. Dezember. Die Bundesregierung und die Landeshauptleute von Österreich verkündeten am Freitag die Notwendigkeit dieses Schritts: "Mit dem Lockdown brechen wir die vierte Welle", sagte bei der Pressekonferenz Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein. Außerdem wurde eine Impfpflicht vereinbart: "Die Impfung ist der einzige Weg aus der Pandemie." Staatssekretärin Andrea Mayer kündigte die Verlängerung der Corona-Hilfen für die Kultur an.

Die Kulturschaffenden in Österreich haben schon gestern auf das Pandemiegeschehen reagiert und Veranstaltungen abgesagt, weil sie "es nicht mehr verantworten konnten". So reagieren sie heute auf die Nachricht vom Lockdown:

Ohne Unterstützungen könne die Kulturszene keinen weiteren Lockdown durchstehen, sagt Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren und fügt hinzu: "Zahlreiche Kunst- und Kulturschaffende und Kunst- und Kultureinrichtungen stehen nun das nächste Mal vor dem Nichts, nicht nur für die Dauer des Lockdowns, sondern weit über das Lockdown-Ende hinaus. Es hat nicht nur zuletzt Absagen gehagelt, die Veranstalter stehen auch bei den Planungen auf der Bremse, niemand rechnet für mehr für die nächsten Monate und das nächste Frühjahr mit einem Normalbetrieb."

Weit optimistischer sieht das Nora Schmid, die Intendantin der Oper Graz: "Natürlich tragen wir die kommenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie vollends mit. Dennoch schmerzt es sehr, erneut Vorstellungen absagen zu müssen. Besonders betroffen ist die Produktion ‚Die Perlenfischer', die am 27. November Premiere gefeiert hätte – nachdem die ursprünglich geplante Premiere im Frühjahr 2020 bereits durch den ersten Lockdown ausfallen musste." Derzeit ist man auf der Suche nach einem neuen, zeitnahmen Premierentermin. Schmid: "Wir freuen uns auf die Zeit nach dem 12. Dezember, wenn wir unser Publikum wieder im Opernhaus begrüßen dürfen.“ 

Ähnliches plant das Grazer Schauspielhaus: Die für 26. November angesetzte Premiere von „Making a Great Gatsby“ muss natürlich verschoben werden - vorerst auf 15. Dezember. Davon abgesehen hat das Haus ein fast unheimliches Timing bewiesen:Schon seit längerem war die Wiederaufnahme der beiden Virtual-Reality- Produktionen "Der Bau" (ab 23. November) und "Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°" (ab 26. November) geplant. Dabei werden dem Publikum auf Bestellung VR-Brillen nachhause geliefert. Neu ist, dass beide Produktionen ab Dienstag auch als "Schulpakete" in ganz Österreich versandt werden; dabei stellt die Post bis zu 30 VR-Brillen direkt in die Schule zu. "In den bisherigen Lockdowns", stellt Schauspielhaus-Intendantin Iris Laufenberg dazu fest, "hat uns das Ausweichen in digitale Welten ermöglicht, die Grenzen der Kunst zu erweitern und weiterhin für das Publikum zu spielen, den Kontakt zu halten auch mit Schulklassen." Auf unseren bisherigen Erfahrungen will Laufenberg nun aufbauen, "um Kunst zu den Menschen zu bringen, um Vereinzelung und Vereinsamung entgegenzuwirken."

Für Michael Nemeth vom Musikverein für Steiermark kam der Lockdown "nicht überraschend, die gesundheitliche Lage hat Vorrang." Nemeth habe für den Winter ohnehin schon "in Voraussicht" und aus "Erfahrung" schon etwas schmaler programmiert: "Wir haben im Dezember nur drei Veranstaltungstage, im Jänner geht es erst am 13. Jänner weiter." Die Veranstaltungen bis 12. Dezember sind abgesagt, was mit dem Gastspiel des RSO Wien am 20./21. Dezember passiere, werde man zeitnah entscheiden. Im Büro werde normal weitergearbeitet, derzeit "finalisieren wir die Saison 2022/23, die wir im März präsentieren." Nemeth zur Gesamtlage: "Ein Lockdown für alle mit nun notwendigen Hilfszahlungen ist besser, als eine 2Gplus-Regel mit nicht funktionierendem Testangebot."

Der steirische Sport- und Kulturlandesrat Christopher Drexler bedauert, dass es notwendig geworden sei "abermals einen Lockdown zu verhängen" und fügte hinzu: "Wir alle haben so sehr gehofft, dass die Vernunft in Hinsicht auf die Impfung obsiegt und wir diese Situationen damit überwunden hätten." Man werde daher die Service-Stellen des Sport- und Kulturressorts aktivieren.

Die IG KiKK Kärnten/Koroška (Interessensgemeinschaft der Kulturinitiativen) sieht den Lockdown als "notwendige Maßnahme". Jedoch: "Noch vor der längst überfälligen Entscheidung der Regierung zum bundesweiten Lockdown ab 22. November sperren Kulturbetriebe zu und sagen Veranstaltungen ab. Damit wird die Entscheidung auf die Betroffenen abgewälzt. Aus ökonomischer Sicht bewegen sie sich damit im luftleeren Raum und handeln unter finanziellem Risiko zugunsten ihrer gesellschaftlichen Verantwortung", sagt Elena Stoißer. Gefordert wird von der IG KiKK daher eine "struktursichernde Unterstützung".

"Es ist zermürbend", sagt Stadttheater-Intendant Aron Stiehl: "Auch wenn der Lockdown richtig ist: Man ist ja verantwortlich für viele Menschen. Ich glaube auch, diese Entscheidungen hätten früher kommen müssen. Ich erwarte mir jetzt von der Regierung Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und klare Entscheidungen." Aktuell betroffen sind durch die Lockdown "Das Dschungelbuch", Schnitzlers "Reigen", "Le nozze di Figaro" und die Wiederaufnahme des "Vogelhändlers". Der wurde in der letzten Saison bereits in einer coronatauglichen Variante (verkürzt und ohne Pause) gespielt. Derzeit versuche man eine neue Planung, aber "ein Theater ist ja ein riesiger Tanker, das ist auch eine Riesenherausforderung." Große Sorgen macht ihm jedenfalls die Spaltung der Gesellschaft, denn diese "spiegelt sich natürlich auch bei uns im Theater wider mit ihren Spannungen und Diskussionen. Da müssen wir schauen, wie wir die Wunden heilen können und wie wir als Kulturbetrieb dazu beitragen können."

"Wir haben schon im Vorjahr alles untergebracht mit Verschiebung der Verschiebung der Verschiebung", sagt Ernest Hoetzl, Chef des Musikvereins Kärnten: "Irgendetwas geht immer - und wenn man die Konzerte halt nachholt", sagt er ganz pragmatisch. Und: "Wir haben ein super Publikum, das hat immer zu uns gehalten." Aktuell betroffen ist untr anderem ein Konzert mit dem "Kazakh National Symphony Orchestra".

Die neuebuehnevillach wird die Premiere von Florian Zellers "Die Wahrheit" am heutigen 18. November noch spielen. "Wir gehen davon aus, dass wir ab 14. Dezember dann wieder öffnen dürfen", sagt Pressesprecher Stefan Zefferer. Bis Silvester stehen dann noch weitere Vorstellungen der "Wahrheit" auf dem Programm.

Die Bundestheater Wien reagierten ebenfalls: "Wir wollen spielen, aber wir müssen uns auch der Realität stellen", sagte Holding-Geschäftsführer Christian Kircher: "Am heutigen Tag ist uns die Schließung lieber, als jeden Abend zu zittern, ob die Vorstellung stattfinden kann." Finanziell sei das natürlich eine Belastung und rechnet die Verluste vor: "Bei 20 Tagen Schließzeit dürften uns rund 4 Millionen Euro entgehen." Die Details der Rückabwicklung der für diesen Zeitraum verkauften Karten werde derzeit ausgearbeitet.

Das Musikfestival Wien Modern hätte noch bis 30. November laufen sollen: "Die Kultur kassiert hier die Rechnung für andere", sagte Intendant Bernhard Günther und fügt hinzu: "Die Kultur hat die aktuelle Maßnahme nicht zu verantworten." Die "Frustration ist bei manchem (...) schon sehr hoch".

Der Kinovertreter der Wirtschaftskammer, Christian Dörfler, bezeichnet den Lockdown als "bedauerlich": Dieser wäre im Gegensatz zu den vorangegangenen dank Impfung nicht notwendig gewesen: "Dieses Mal war es Missmanagement." 

Die Geschäftsführung des größten Regionalmuseum Österreichs, des Joanneum in der Steiermark, Alexia Getzinger und Wolfgang Muchitsch in einer ersten Stellungnahme: „Wir bedauern, dass die Museen erneut schließen müssen, verstehen aber die Notwendigkeit der Maßnahmen und tragen diese natürlich mit. An den Besuchen und Anfragen – vor allem vonseiten der Schulen – haben wir gesehen, dass großes Interesse am kulturellen Angebot besteht. Wir arbeiten daran, in der Zwischenzeit online präsent zu sein, und freuen uns nach dem Lockdown – voraussichtlich ab 12. Dezember – wieder auf zahlreiche Besuche in unseren Ausstellungen. Ab Montag sind die Museen des Joanneums geschlossen, weshalb auch alle Veranstaltungen und Eröffnungen für den Zeitraum des Lockdowns abgesagt sind. Jene Ausstellungen, die in der nächsten Woche eröffnet werden sollten, „Die Arsenikesser“ (im Volkskundemuseum) sowie „Helmut & Johanna Kandl“ und „SUPERFLEX“ (im Kunsthaus Graz), sind nach dem Lockdown zugänglich."

Von einem "wirtschaftlichen Desaster" sprach Hans Köhl, Gesamtleiter des Salzburger Adventsingens im Großen Festspielhaus, das heuer 16 Vorstellungen mit insgesamt rund 35.000 Besuchern geplant hat. Das vorweihnachtliche Spiel ist schon im Vorjahr zur Gänze ausgefallen. Für heuer waren die Vorbereitungen abgeschlossen: Das 1,5 Millionen Euro schwere Budget werde fast zur Gänze über den Kartenerlös aufgebracht: "Noch besteht ein kleiner Funke Hoffnung, dass wir zumindest am 3. Advent-Wochenende spielen können."

Die Corona-Hilfen für die Kultur werden verlängert beziehungsweise aufgestockt - das kündigte die Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Andrea Mayer, an: So wird der NPO-Fonds bis zum ersten Quartal 2022 verlängert und mit zusätzlichen 125 Millionen Euro dotiert. Die Hilfen im Rahmen der Künstlersozialversicherung werden ebenfalls über November hinaus bis zumindest in das erste Quartal des kommenden Jahres verlängert und von 150 auf 175 Millionen Euro aufgestockt. In den Lockdown-Monaten gelangen pro Antrag 1.000 Euro statt 600 Euro zur Auszahlung. Der Covid-19-Fonds des KSVF (Künstlersozialversicherungs-Fonds) wird von 40 auf 50 Millionen Euro aufgestockt. "Weil nach dem Lockdown nicht gleich Planungssicherheit gegeben sein wird" (Mayer), werden auch die Ausfallshaftungen verlängert. Für den Veranstalterschutzschirm soll man nunmehr bis 30. Juni 2022 (für Veranstaltungen, die bis 30. Juni 2023 geplant werden) einreichen können. Gleiches gilt für den "Comeback-Zuschuss Film", der um ein halbes Jahr bis Jahresende 2022 (Antragstellung bis 30. Juni 2022) verlängert wird. 

 

 

Kommentare (3)
Mastermind73
13
7
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Für manch einzelnen "Künstler" mag...

.... dieser weitere Lockdown sicher tragisch sein, aber auf vieles was selbstverliebte einheimische "Künstler" auf die Bretter ihrer provinziellen Keller- und Hinterhofbühnen bringen, kann man gut und gerne verzichten. Dieses permanente "fordern" ist eben typisch für die linksversiffte österr. Kulturszene. In anderen Ländern (ohne Förderungen, Subventionen, etc.) müssen Bühnen ausschließlich von Einnahmen u. Werbung leben - dementsprechend liefern diese auch echte Qualität.

pinsel1954
8
23
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Vielleicht sollten sich die Kulturschaffenden......

......einmal bei all jenen wie der "Künstlerin" Proll bedanken.

Mastermind73
4
10
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und trotzdem...

... wird diese "Künstlerin" vom ORF und div. Medien hofiert. War halt nicht die schlechteste Idee sich in den (sympathischen Teil des) Moretti-Clans hinein zu heiraten.
Wer nix kann, wird Wirt - wer gar nix kann, wird StaatskünstlerIN...