„I think we can call it a day“, rief Carina Edlingerova ihrem Guide Alexandr Patava zu, nachdem sie im Individual-Rennen der sehbehinderten Para-Biathletinnen beim dritten Schießen gleich drei Fehler eingestreut hatte. Am Ende wurde die gebürtige Salzburgerin mit sechs Schießfehlern in Tesero Neunte. „Ich habe ehrlicherweise noch nie behauptet, dass ich Biathletin bin. Das hat sich heute wieder bestätigt“, sagte die 27-Jährige danach lachend. Dabei war sie noch am Vortag im Sprint zu Silber gelaufen – es war die erste Paralympics-Medaille für Tschechien seit 2010.

Carina Edlingerova jubelte mit ihrem Guide Alexandr Patava über Silber im Biathlon-Sprint
Carina Edlingerova jubelte mit ihrem Guide Alexandr Patava über Silber im Biathlon-Sprint © IMAGO

Für Tschechien? Richtig. Nach der Nordischen Para-WM in Trondheim im vergangenen Jahr hatte sich Carina Edlinger, wie sie damals hieß, mit dem ÖSV überworfen. Seit dieser Saison tritt sie unter ihrem neuen Namen Edlingerova für Tschechien an, im Para-Langlauf ist die österreichische Sprint-Olympionikin aber nicht einsatzberechtigt, weshalb sie bei den Paralympics nur im Para-Biathlon dabei ist. „Sogar der tschechische Präsident hat sich gemeldet. Es ist schön, dass es so positiv ankommt in Tschechien“, freut sich Edlingerova, die derzeit mit Halskrause auf der Loipe unterwegs ist, weil sie sich vor zweieinhalb Wochen laut eigenen Aussagen multiple Bandscheibenvorfälle zugezogen hat. „Sogar das tschechische Fernsehen hat extra ein deutschsprachiges Team geschickt, das ehrt mich ja fast.“

Carina Edlingerova: „... dann wäre ich eine zurückgetretene Sportlerin“

Den österreichischen Pass musste Edlingerova im Zuge ihres Verbandswechsels ablegen, eine Doppelstaatsbürgerschaft war nicht möglich. So verlor Edlingerova, die mit dem Gendefekt Morbus Stargardt lebt, der ihr Sehvermögen sukzessive auf 1,5 Prozent reduziert hat, auch ihren Job beim Zoll. „Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal wieder Geld verdienen werde. Die letzten Monate haben eher mau ausgeschaut“, sagte Edlingerova, die zurück in ihr Kinderzimmer in ihrem Elternhaus in Fuschl gezogen ist. „Mit 27 Jahren solche Rückschritte zu machen, ist nicht einfach. Aber auch wenn viele immer sagen, ich hätte mit dem Nationenwechsel den größten Fehler meines Lebens gemacht: Ich weiß, dass, wenn ich genau so weitergemacht hätte, ich heute eine zurückgetretene Sportlerin wäre – und sicher nicht hier.“

Doch was war passiert? Details nannte Edlingerova nicht, sagte aber: „Es ist so viel vorgefallen in den letzten Jahren, auch mit dem Shitstorm infolge des Nationenwechsels habe ich gemerkt, wie unwillkommen ich in diesem System mittlerweilewar. Die einzige Aussage, die ich getroffen habe, war: Ich möchte friedlich gehen. Aber ich bin zur Ski-Rebellin geworden“, berichtete Edlingerova, die aber betont: „Es hat nach wie vor einige Engelchen gegeben, man darf im österreichischen Sportsystem nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt sehr wohl genug gute Leute, ich habe leider nicht mehr die Chance gehabt, mich bei den netten Menschen zu bedanken.“ Und sie fügte – ohne Namen zu nennen – hinzu: „Aber es gibt zwei, drei andere, die mir die Entscheidung sehr leicht gemacht haben.“

In Österreich ging die Tür für Carina Edlinger zu, in Tschechien öffnete sie sich für Carina Edlingerova
In Österreich ging die Tür für Carina Edlinger zu, in Tschechien öffnete sie sich für Carina Edlingerova © KLZ/Albrecht

Tobias Eberhard: „Wir tappen im Dunkeln“

Österreichs Para-Biathlon- und Para-Langlauf-Headcoach Tobias Eberhard, der als Guide von Edlingerova bei der Nordischen Para-Ski-WM 2023 Gold im Langlauf-Sprint geholt hatte, findet keine Erklärung für das Abwenden der Athletin. „Wir tappen im Dunkeln, es war ein kompletter Kontaktabbruch“, sagte Eberhard, dessen Schützling Stefan Egger-Riedmüller beim gestrigen Para-Biathlon-Individualrennen in der stehenden Klasse Rang 14 (3 Schießfehler) belegte. Was der ehemalige Biathlet auch sagt: „Als sie noch Teil des Teams war, war es so, dass sie immer mehr wollte. Für die Ressourcen, die wir haben, haben wir das absolute Maximum herausgeholt. Ich kann von den Nicht-Beeinträchtigten sprechen: Wir wären damals froh gewesen, wenn wir solche Möglichkeiten gehabt hätten wie sie.“

Vergewaltigung vor den Paralympics

Edlingerova sprach dann über einen Vorfall, der bislang in der breiten Öffentlichkeit noch keine Aufmerksamkeit fand. Lediglich in einem Artikel des Wirtschaftsmagazins „Forbes“, das Edlinger 2023 als einen der spannendsten Menschen unter 30 Jahren gelistet hatte, steht: „Ein prägender Moment war, als sie zwei Wochen vor ihrem Olympiasieg 2022 vergewaltigt wurde und ein schweres Trauma erlitt.“ In Tesero bestätigte Edlingerova den Inhalt dieses Artikels. „Ich habe in meinen Jahren im österreichischen Sport sehr dunkle Zeiten erlebt und habe sehr darunter gelitten. Nach außen war ich die erfolgreiche junge Lady. Aber wie es dem Menschen dahinter geht, ist etwas anderes. Ich habe das alles zum Glück überlebt.“

Nicht nur das. Zwei Wochen nach dem Vorfall hatte sie paralympisches Langlauf-Gold erobert. Eine Medaille, „die ich ehrlicherweise nie wieder angeschaut habe. Ich habe damals von fünf Starts nur zwei ins Ziel gebracht. Es war sehr schmerzhaft, für mich ist das Wort ,China‘ abgehakt. Ich bin danach 14 Wochen in Therapie gewesen, das habe ich dringend gebraucht. Aber über psychische Gesundheit redet niemand, weil dann heißt es gleich: Du bist psychisch krank.“ Ob die Vorkommnisse 2022 auch eine Rolle beim Nationenwechsel gespielt hat? Knappe Antwort: „Es ist gut so, wie es ist.“

Carina Edlingerova holte 2022 – damals noch als Carina Edlinger – Gold im Para-Langlauf-Sprint
Carina Edlingerova holte 2022 – damals noch als Carina Edlinger – Gold im Para-Langlauf-Sprint © GEPA

Mit der Medaille in Tesero hat Edlingerova nun eine in der Tasche, mit der sie positive Emotionen verknüpft. „Am Ende des Tages muss man seinen eigenen Weg gehen, um erfolgreich zu sein. Ich habe keinen einzigen Tag bereut und ich glaube, ich gehe auch niemandem ab. In Tschechien werde ich mein Lebtag lang Ausländerin sein. Aber in Österreich bin ich ohne Pass ja auch keine Einheimische mehr. Deswegen kann man aber nicht den Kopf in den Sand stecken. Man ist dort zuhause, wo man sich wohlfühlt.“ Am Freitag tritt Edlingerova in der Sprint-Verfolgung noch einmal für ihre neue Nation an. Sogar auf eine Goldmedaille wäre sie vorbereitet: „Ich habe mir mit Youtube die Hymne beigebracht.“