Absagen häufen sichAbgesagt, verschoben: Steigende Infektionszahlen verunsichern den steirischen Kulturbetrieb

"Es ist keine gute Zeit für die Kunst". Schon bevor am Freitag eventuell ein flächendeckender Lockdown über das Land verhängt wird, wurden in der Steiermark schon zahlreiche Veranstaltungen abgesagt. Die großen Institutionen machen aber weiter, so lange es erlaubt ist.

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Für das „Styrian Sounds“-Festival, das am Donnerstag beginnen hätte sollen, kam die Klarstellung zu spät: Weil Gesundheits- und Kulturressort des Landes erst am Mittwoch Abend offiziell bekannt gaben, dass trotz strengerer Covid-Verordnung bei künstlerischen Tätigkeiten wie Schauspiel, Oper, Konzert auf den Bühnen keine Maskenpflicht herrscht, wurde das auf drei Tage anberaumte und mit mehr als 30 Musik-Acts bestückte Festival kurzfristig abgesagt. „Die Gegebenheiten in Summe“, so Veranstalter Didi Tschmelak, hätten eine Situation ergeben, „die ein Festival unmöglich machte“ – trotz größter Bemühungen „bis zur letzten Sekunde.“

Am Freitag soll es wie berichtet in Sachen Veranstaltungsgeschehen eine Entscheidung der Bundesregierung geben. Schon vorab aber lässt sich beobachten, dass Veranstalterinnen und Veranstalter radikale Maßnahmen setzen: Seit kurzem häufen sich die Absagen. Jula Zangger und Lena Westphal etwa, gemeinsam als Performanceduo Julalena aktiv, haben die Wiederaufnahme ihrer Live-Kino-Performance „Die künstlerische Herausforderung“ gerade wieder abgesagt: Der Kinobetreiber habe ihren Vorschlag abgelehnt, sich auf die vom Gesetzgeber zugelassenen 25 Personen pro Abend zu 3G-Konditionen zu beschränken: „Wir hätten euch gerne ein Stück von wichtigem Inhalt für unsere Zukunft gezeigt, resümieren die beiden Performerinnen: „Wir sind bereit, auf Geld zu verzichten - wir sind nicht bereit, auf manche von euch verzichten zu müssen.“ Julalena ernüchtertes Fazit: „Es ist keine gute Zeit für die Kunst.“

Diethard Wachsmann, Impresario des Royal Garden Jazz Club in Graz, hat sein Haus überhaupt bis auf Weiteres geschlossen: „Wir sind ein Club-Verein mit ehrenamtlichen Mitarbeitern, bei der Infektionslage momentan kann ich die Verantwortung für die Leute am Eintritt und an der Kasse nicht übernehmen.“ Für Wachsmann, dessen Club für 100 Besucherinnen und Besucher zugelassen wäre, ist die Lage besonders hart: „Wir haben eineinhalb Jahre zugehabt, im September wieder aufgemacht und jetzt wieder zugesperrt.“ Grund zur Verzweiflung? „Mir tun vor allem die Künstler leid“, sagt er, „die sind jetzt wieder brotlos.“

Auch Künstler selbst machen Rückzieher: Im Grazer Jazzclub Stockwerk etwa wurde das Konzert des Styrian Improvisers Orchestra abgesagt, weil die MusikerInnen es nicht verantworten wollten, dass 25 Personen auf der Bühne stehen." Die weiteren Programmpunkte im Stockwerk sollen - bei jetzigem Stand - stattfinden.

Ganz anders ist das Stimmungsbild in der Komödie Graz, wie Urs Harnik-Lauris berichtet: "Wir waren gestern de facto voll, wir sind heute, am Freitag und Samstag auch de facto voll: Je mehr als 190 Besucher. Und das Publikum trägt die Maßnahmen inklusive Maske bewundernswert mit. Soviel Dankbarkeit gegenüber Künstlern und Theater habe ich selten zuvor erlebt!"

Im Grazer Theater im Bahnhof (TiB) setzte man schon im Frühjahr eine Online-Produktion auf den Spielplan für den Spätherbst, wie Geschäftsführerin Monika Klengel erklärt. Als man also noch keine Prognosen über eine vierte Welle machen konnte. Man habe nur das Thema gewechselt, die ursprünglich geplante Produktion soll 2022 verwirklicht werden. So hat am 11. Dezember "Liebe Regierung! Briefe aus dem Bauch der Republik" Premiere. Als Online-Performance live aus dem TiB-Studio. Vorläufig sind auch die montägigen Impro-Shows im Orpheum angesetzt.

Der Rottenmanner Kulturverein KULTurVIECH“ hat die Vorbereitungen für ein dieses Wochenende geplantes und mit Künstlerinnen und Künstlern wie Nava Ebrahimi, Ferdinand Schmalz, Dirk Stermann und Marwan Abado höchst prominent besetztes Literaturfestival abgebrochen: „Die Zahlen gehen leider überall rauf, davon bleibt auch der Bezirk Liezen nicht verschont. Wenn es so weitergeht, kommen wir an einen Punkt, an dem die medizinische Versorgung nur mehr eingeschränkt möglich ist.“ Nun wird versucht, „Ersatz im nächsten Jahr zu finden, damit die Literatur im Bezirk auch einen Platz hat.“

Am Donnerstag sagte auch der KulturHausKeller Straden sein für 25. November geplantes Konzert mit der Kärntner Formation [:KLAKRADL:] ab: „Aufgrund der steigenden Inzidenzzahlen in der Südoststeiermark und um den bevorstehenden Lockdown vorwegzunehmen, sehen wir uns - zu ihrem und unserem Schutz – dazu gezwungen“, so die Veranstalter. Schon einmal wurde das Konzert verschoben - der dritte Versuch ist nun überhaupt erst in einem Jahr geplant. Und auch das Kunsthaus Köflach hat sich „aufgrund der neuen Corona-Bestimmungen und Tendenzen“ Anfang der Woche „schweren Herzens dazu entschieden, die 2. Köflacher Kriminale ins Jahr 2022 zu verschieben. Die Gesundheit aller Anwesenden hat Vorrang.“

Das scheint für mehr und mehr Veranstaltungen zu gelten: Die Rabtaldirndln haben ihre aktuelle „Betonfieber“-Tour durch die Bezirke bis zumindest 2. Dezember unterbrochen. Das Festivals „Nebelreißen“ in Feldbach, das Konzert Peter Ratzenbecks in der Frauentaler „bluegarage“, drei „StainZeit“-Konzerte im November und Dezember, die „Übüs“ auf der Grazer Murinsel: durchwegs abgesagt oder verschoben.

Kulturveranstalter bringt "nichts mehr aus der Fassung"

Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhaus Graz, meint zur derzeitigen Situation: "Für uns ist die derzeitige Situation leider nicht neu. Seit eineinhalb Jahren müssen wir damit leben, nicht zu wissen, was in der nächsten Woche passiert und welche Beschränkungen oder Einschränkungen es wieder geben wird. Das Problem ist, dass die Verordnungen oft so spät kommen, dass wir kaum Zeit haben, die Veranstaltung rechtskonform zu melden." So lange es möglich ist, wird Kastberger Live-Lesungen im Literaturhaus veranstalten. "Das Grazer Publikum war bisher sehr treu. Erst seit der letzten Woche kommen weniger Menschen – offenbar aus Angst. In der Krise haben wir als Kulturveranstalter große Routine bekommen – uns bringt nichts mehr aus der Fassung. Wie es weitergeht, wissen wir natürlich alle nicht.“

Auch der größte Kulturveranstalter des Landes, die Bühnen Graz, wo allein nächste Woche zwei große Premieren (in Oper und Schauspielhaus) angesetzt sind, machen vorerst weiter. Bernhard Rinner, Chef der Bühnenholding: "Wir warten auf klare Entscheidungen. Aber wir sind seit März 2020 im Umplanen geübt - wenn nicht gar gelassen!"

Mittlerweile hat sich auch der Kulturrat Österreich zu Wort gemeldet, der als Zusammenschluss der Interessenvertretungen von Kunst-, Kultur- und Medienschaffenden 877 heimische Kulturinitiativen und 16 freie Rundfunkstationen vertritt: „Das Publikum schwindet, Veranstaltungs-Absagen nehmen rapide zu - angesichts der Infektionszahlen durchaus aus notwendiger Vorsicht und Eigenverantwortung und auch ohne offizielle Beschränkungen des öffentlichen Lebens“, heißt es da. Damit schwänden aber auch die Einnahmen der Kunstschaffenden und -vereine. „Zuvor etablierte Entschädigungsstrukturen sind aber auf Hold, im Fall des NPO-Fonds schon seit Ende Juni.“

Scharf kritisiert der Kulturrat in diesem Zusammenhang „Verordnungen des Bundes und der Länder, die, kurz vor Mitternacht veröffentlicht, schon ab dem nächsten Tag gelten und wie immer Interpretationsspielräume offenlassen, deren Klärung nicht über Nacht erfolgen kann.“ Man fordert daher „die unverzügliche Wiederaktivierung von Unterstützungsfonds für Kunst und Kultur“ sowie „ein verantwortungsvolles und vorausschauendes Pandemie-Management.“ Genannt werden unter anderem die Fortführung der Überbrückungsfinanzierung der SVS und Härtefall-Fonds der WKO zumindest bis Sommer 2022 sowie des NPO-Fonds und eine Aufstockung des Covid-19-Fonds des KSVF.

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