Vor zehn Jahren startete die Reihe „Villach im Dialog“ mit dem Thema Flüchtlinge. Schon damals wurde emotional diskutiert, am Stammtisch ebenso wie in Sozialen Medien. Zum Jubiläum wirkt das aktuelle Thema bedrückend passend: Der Ton im Netz ist rauer geworden, die Grenzen des Sagbaren sind weiter verrutscht.
Rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörer kamen am Mittwochabend in den Bambergsaal. Gleich zu Beginn fragte Moderator und Bürgermeistersprecher Wolfgang Kofler Villachs Bürgermeister Günther Albel (SPÖ), wie er mit Beschimpfungen im Netz umgeht. Albel schilderte, dass ein Großteil der Kommunikation zwar nach wie vor respektvoll sei, die Angriffe jedoch zunehmend brutaler würden. „Viele glauben, das muss ein Politiker aushalten, wir sind aber auch Menschen mit Gefühlen und Familie.“
Warum Falsches so gut funktioniert
Im Anschluss sprach Ingrid Brodnig, Journalistin, Autorin und vielfach ausgezeichnete Beobachterin digitaler Verrohung. In einem kurzweiligen, stellenweise humorvollen Vortrag widmete sie sich einem Thema, das alle betrifft, die online unterwegs sind. Sie erklärte, wie Plattformen mit Aufregung und emotionalisierten Inhalten Geld verdienen. Wer länger bleibt, sieht mehr Werbung. Deshalb werden Inhalte bevorzugt, die starke Gefühle auslösen. „Dann landet man meistens bei dem, der am lautesten schreit.“
Sie fiel selbst viel auf „Keuschi“ herein
Brodnig zeigte auch auf, wie leicht Täuschung funktioniert. Oft reiche bereits ein altes Foto in neuem Kontext. Begriffe wie „Zerstörung“, „Terror“ oder „Paukenschlag“ steigerten die Reichweite; moralisch aufgeladene Sprache wirkt besonders stark. Auch Wiederholung verstärke den Effekt: Wer eine Behauptung oft liest, hält sie eher für wahr. „Für jede Person gibt es im Netz die passende Falschmeldung.“
Dass selbst Expertinnen nicht gefeit sind, zeigte sie an einem eigenen Beispiel: Sie selbst sei auf einen Beitrag der damals noch unbekannten „Tagespresse“ hineingefallen. „Keuschi, das Keuschheitsmaskottchen der katholischen Kirche“ klang für sie plausibel.
Wie man KI-Bilder entlarvt
Im Umgang mit KI-generierten Bildern riet Brodnig zu genauem Hinsehen. Unstimmigkeiten wie zu viele Finger oder unnatürliche Oberflächen könnten Hinweise sein. Auch die umgekehrte Bildersuche sei hilfreich. Generell gelte: erst prüfen, dann reagieren – und sich fragen, ob einen der Inhalt überhaupt betrifft.
Brodnig sprach sich zudem für den Erhalt von Anonymität im Netz aus. Für manche Menschen sei sie Voraussetzung, um überhaupt am öffentlichen Diskurs teilnehmen zu können – etwa aus Angst vor beruflichen oder persönlichen Konsequenzen. Gleichzeitig plädierte sie dafür, Justiz und Polizei besser auszustatten, damit sie schneller gegen Hass im Netz vorgehen können. Wichtig sei auch eine gewisse intellektuelle Demut: Wer sich eingestehen könne, dass er irren kann, sei weniger anfällig für Falschmeldungen.
In der anschließenden Diskussion herrschte Einigkeit darüber, wie wichtig es ist, das Verbindende zu betonen. Das könne im digitalen Raum helfen, Wut und verhärtete Fronten aufzubrechen. Laut Brodnig gelingt das jedoch nicht immer – deshalb sollte man sich bewusst überlegen, wann sich ein Austausch tatsächlich lohnt.