118 Mal ist der Villacher Gerhard Hohenwarter (78) zum Eiskargletscher aufgestiegen. Drei Stunden hinauf, durch felsdurchsetztes Gelände. Mehrmals pro Jahr war er bei „seinem“ Gletscher, einmal pro Jahr hat er dort gemessen, wie sich das Eis verändert. Doch jeder seiner Besuche war auch ein Abschied. Denn der kleine Gletscher in den Karnischen Alpen schrumpft und wird in wenigen Jahrzehnten ganz verschwunden sein.

Die Universität Graz hat den Gletscher früh sporadisch vermessen. 1991 wurde Hohenwarter, damals noch als Lehrer für Geschichte und Geographie am Villacher Peraugymnasium tätig, gefragt, ob er die Messungen übernehmen wolle. Nach einer theoretischen Einschulung und einer Einführung im Gelände begann Hohenwarter 1992 mit seiner Arbeit. An einem fixen Termin im Jahr – traditionell das letzte Wochenende vor dem Schulbeginn im September – stieg Hohenwarter zum Gletscher auf, um die Längenänderung zu messen. Danach folgte ein ausführlicher Messbericht, der vom Alpenverein an eine Organisation in der Schweiz weitergegeben wurde, die mit weltweiten Messdaten von Gletschern arbeitet.

Lange Zeit galt der Eiskargletscher als Besonderheit unter den österreichischen Gletschern. Während viele andere bereits deutlich schrumpften, zeigte er über Jahre kaum Veränderungen. „Wir haben fast ein wenig damit geprahlt, dass unser Gletscher eine Sonderstellung hat“, erinnert sich Hohenwarter. Der Grund dafür liegt in der Lage des Gletschers: Er liegt zwar vergleichsweise tief – zwischen etwa 2130 und 2300 Höhenmetern – doch die umgebenden Felswände halten die Sonne lange fern und im Winter stürzen immer wieder Lawinen auf das Eis. Sie bringen enorme Schneemengen mit sich, die das Eis vor Sonneneinstrahlung schützen. „In manchen Wintern lagen bis zu 16 Meter Schnee auf dem Gletscher“, erzählt Hohenwarter.

Doch dieses Gleichgewicht gerät aufgrund des Klimawandels zunehmend aus den Fugen. Die Schneefälle werden weniger, gleichzeitig steigen die Temperaturen. „Wenn keine Lawinen mehr nachkommen, liegt das Eis oft schon im Juli frei“, sagt Hohenwarter. Dann wirkt die Sonne direkt auf den Gletscher.

Auch das Erscheinungsbild des Gletschers hat sich seit Hohenwarters Anfängen stark verändert. Als er in den 1990er-Jahren mit seinen Aufzeichnungen begann, bedeckte der Eiskargletscher noch rund 18 Hektar, heute sind es etwa zwölf. In dieser Zeit verlor er rund 30 Meter an Mächtigkeit und etwa 50 Meter an Länge. Auch das Erscheinungsbild des Gletschers hat sich verändert. Immer häufiger lösen sich bei Starkregen Schuttmassen aus den umliegenden Felswänden und bedecken das Eis. Eine dünne Schicht kann das Abschmelzen sogar beschleunigen, weil sich die Steine stark aufheizen. Wird die Schicht jedoch dicker, wirkt sie wie eine Isolierung und schützt das Eis teilweise vor der Sonne. Der Nachteil: Vom Blankeis ist heute kaum noch etwas zu sehen.

Eine Aufnahme von September 2025: Der Gletscher ist stark mit Schutt bedeckt, das Blankeis kaum noch sichtbar
Eine Aufnahme von September 2025: Der Gletscher ist stark mit Schutt bedeckt, das Blankeis kaum noch sichtbar © KK/Hohenwarter

Begeisterung für Generationen

Hohenwarter gab an Generationen von Kindern seine Begeisterung für den Gletscher weiter. Viele Schülerinnen und Schüler nahm er mit auf den Berg und weckte damit Leidenschaften. Auch an seine drei Kinder gab er die Liebe zum Berg weiter. Sein Sohn Gerhard Hohenwarter junior hat mittlerweile die Messtätigkeiten übernommen, denn sein Vater möchte nicht mehr zum Gletscher aufsteigen. Zu groß war das Glück, dass er 118 Mal mehr oder weniger heil vom Berg herunterkam. „Emotional kann man nicht von heute auf morgen mit dem Gletscher Schluss machen. Es ist wie ein Abschied von einer Person. Aber die Abschiede bin ich schon gewohnt, denn bei jedem Besuch weiß man, dass man den Gletscher wie er war, so nie wiedersehen wird.“

Hohenwarter am Gletscher mit fünf seiner Enkelkinder
Hohenwarter am Gletscher mit fünf seiner Enkelkinder © KK/Hohenwarter

Die Berge bleiben Teil seines Lebens

Für seine langjährige Tätigkeit am Gletscher wurde Hohenwarter kürzlich von Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) mit dem Kärntner Lorbeer in Gold mit Brillanten ausgezeichnet. Auch nach dem Eiskargletscher bleiben die Berge ein wichtiger Teil seines Lebens. Die nächste Skitour mit seiner Frau Waltraud in den Nockbergen ist schon geplant.