Wenn im Iseltal Musikkapellen aufspielen, dann klingt darin eine lange Geschichte mit. Der Musikbezirk Iseltal feiert sein 100-jähriges Bestehen. Seit der Gründung im Jahr 1926 verbindet er neun Musikkapellen aus acht Gemeinden – und damit mehr als 500 Musikantinnen und Musikanten zwischen Isel-, Kalser- und Defereggental.
Entstanden ist der Zusammenschluss mit einer klaren Idee. Mehrere Kapellen der Region wollten die Blasmusik gemeinsam entwickeln, musikalische Literatur austauschen, Veranstaltungen organisieren und jungen Menschen eine Möglichkeit geben, gemeinsam zu musizieren. „Unsere Vorfahren wollten der Blasmusik eine Plattform geben, damit sich die Kapellen austauschen und weiterentwickeln können“, sagt Martin Wibmer, der seit 2020 Bezirkskapellmeister ist. Schon zwei Jahre nach der Gründung wurde im Jahr 1928 in Matrei das erste Bezirksmusikfest veranstaltet – ein Ereignis, das bis heute als Höhepunkt im musikalischen Jahreslauf gilt.
Eine Stimme für die Blasmusik
Der Musikbezirk gehört zu den ältesten seiner Art in Osttirol. Heute vereint er die Musikkapellen von Prägraten, Virgen, Matrei in Osttirol, Huben, St. Johann im Walde, Kals am Großglockner sowie die Kapellen aus Hopfgarten, St. Veit und St. Jakob im Defereggental. Insgesamt zählt der Bezirk derzeit 513 aktive Mitglieder, darunter 232 Musikantinnen und 281 Musikanten sowie rund 40 Marketenderinnen. Vertreten werden die Kapellen vom Bezirksobmann Andreas Berger.
Vom Wiederaufbau zur modernen Blasmusik
In den vergangenen hundert Jahren hat sich vieles verändert, doch die Rolle der Blasmusik im Dorfleben ist geblieben. Während des Zweiten Weltkrieges kam das Vereinsleben weitgehend zum Erliegen, weil viele Musikanten im Militärdienst standen. Nach dem Krieg nahm der Musikbezirk 1950 seine Tätigkeit wieder auf und beschloss, regelmäßig Bezirksmusikfeste mit Gesamtspiel und Konzertwertung abzuhalten. Diese Veranstaltungen sollten vor allem eines stärken: die Zusammenarbeit und Kameradschaft der Kapellen.
Auch musikalisch entwickelte sich die Blasmusik weiter. In den Nachkriegsjahrzehnten stellten viele Kapellen von der früher üblichen C-Stimmung auf die heute verbreitete B-Stimmung um, wodurch der Klang weicher und angenehmer wurde. Instrumente wurden modernisiert, die Kapellen erhielten eigene Trachten und das musikalische Niveau stieg kontinuierlich. Parallel dazu wuchs auch die Bedeutung der Ausbildung. Lange Zeit lag die Verantwortung für die Ausbildung junger Musiker beim Musikbezirk selbst und bei erfahrenen Musikern in den Kapellen, erst später übernahmen die Landesmusikschulen einen Teil dieser Aufgabe.
Junge Musiker tragen die Zukunft
Heute spielt vor allem die Jugendarbeit eine zentrale Rolle. Der Nachwuchsanteil ist hoch, in vielen Kapellen sind zwischen 40 und 50 Prozent der Mitglieder unter 30 Jahren. Für Wibmer ist das ein starkes Zeichen. „Die jungen Leute finden über die Musikkapellen immer wieder nach Hause zurück“, sagt der Bezirkskapellmeister, der selbst seit Jahrzehnten eng mit der Blasmusik verbunden ist. Seit 1988 ist er Mitglied der Musikkapelle St. Johann im Walde, war dort viele Jahre im Vorstand und als Kapellmeister tätig.
Viele Jugendliche, die auswärts eine Schule besuchen oder studieren, kommen regelmäßig zurück. „Wenn jemand weiß, am Freitag oder Samstag ist Probe, dann fährt er heim zu seinen Freunden und Kollegen, um gemeinsam zu musizieren.“ Das gemeinsame Musizieren ist für ihn überhaupt einer der wichtigsten Gründe, warum Blasmusikvereine bis heute eine so große Bedeutung haben. Wibmer: „Man trifft sich regelmäßig, arbeitet gemeinsam an einem Programm und gestaltet Konzerte oder kirchliche Feste. Diese Kameradschaft ist ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft.“
Ein wichtiger Schritt für die Nachwuchsarbeit war die Gründung des Bezirksjugendblasorchesters im Jahr 2023. Rund 60 junge Musikerinnen und Musiker aus allen neun Kapellen spielen darin gemeinsam und erhalten die Möglichkeit, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Das erste große Projekt war ein Neujahrskonzert im Johann-Stüdl-Saal in Kals, das mit dem Juventus Award der Österreichischen Blasmusikjugend ausgezeichnet wurde. Das Orchester soll langfristig den Austausch zwischen den Kapellen stärken und jungen Talenten eine Bühne bieten.
Musik verbindet über Grenzen hinweg
Der Musikbezirk und die einzelnen Kapellen versuchen dabei immer wieder, neue Wege zu gehen, um Blasmusik auch für junge Menschen spannend zu machen. Konzerte, Projekte und besondere Kooperationen spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein Beispiel dafür war ein Projekt der Musikkapelle St. Johann im Walde mit den „Fäaschtbänklern“. Für viele junge Musikanten war es ein besonderes Erlebnis und gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie Blasmusik neue Wege gehen und auch ein junges Publikum begeistern kann.
Neben der Jugend setzt der Musikbezirk auch auf besondere Projekte. Dazu zählt das Süd-Osttiroler Blasorchester 40+, das Musiker aus mehreren Bezirken Ost- und Südtirols zusammenführt. Die Idee entstand aus kameradschaftlichen Treffen der Musikbezirke und sollte die Verbindung über die Landesgrenzen hinweg stärken. Unter dem Motto „Musik verbindet“ treffen sich Musikerinnen und Musiker über 40 Jahre, um gemeinsam anspruchsvolle Programme zu erarbeiten. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres spielte dieses Orchester bereits am 5. Jänner im Tauerncenter in Matrei ein Konzert. Weitere Auftritte sind geplant, unter anderem eine Reise nach Wien mit einem Konzert im ORF-Kulturhaus und einer Messe im Stephansdom.
Ein Jubiläumsjahr voller Musik
Das Jubiläumsjahr steht ganz im Zeichen der Blasmusik. Ein besonderer Höhepunkt wird das Edelweißkonzert der Militärmusik Tirol am 26. März im Tauerncenter Matrei sein. Das rund 55 Musikerinnen und Musiker umfassende Orchester des Österreichischen Bundesheeres zählt zu den renommiertesten Klangkörpern des Landes und ist für seine anspruchsvollen Programme bekannt. Unter der Leitung von Militärkapellmeister Hannes Apfolterer repräsentiert es Tirol regelmäßig bei militärischen und kulturellen Veranstaltungen im In- und Ausland. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt ist am 25. April, wenn Thomas Gansch mit seiner Blasmusik Supergroup erstmals in Osttirol konzertiert. In diesem Ensemble spielen Musiker aus renommierten Orchestern und Formationen wie den Wiener Philharmonikern, Mnozil Brass oder LaBrassBanda.
Im Sommer rückt dann die traditionelle Form der Blasmusik wieder in den Mittelpunkt. Beim 72. Iseltaler Bezirksmusikfest, das von 3. bis 5. Juli in Prägraten stattfindet, treffen sich die Kapellen des Bezirkes zu Sternaufmarsch, Festgottesdienst und gemeinsamen Kurzkonzerten. Wibmer: „Solche Musikfeste gehören seit jeher zu den wichtigsten Ereignissen im Jahreskalender.“ Den Abschluss bildet schließlich ein Konzert des Bezirksjugendblasorchesters am 30. November im Johann-Stüdl-Saal in Kals. Damit schließt sich symbolisch der Kreis zwischen Tradition und Zukunft.
Tradition, die Menschen verbindet
Ein besonderes Projekt entsteht parallel dazu bereits seit Herbst. Zum ersten Mal wird eine Jubiläums-CD produziert, an der alle neun Musikkapellen sowie das Jugendblasorchester und die Bläserphilharmonie Osttirol beteiligt sind. Aufgenommen werden Werke regionaler Komponisten und Stücke mit Bezug zu den einzelnen Gemeinden und Kapellen. Für Wibmer steht dabei vor allem eines im Mittelpunkt: die Gemeinschaft. Gleichzeitig geht es darum, die Tradition zu bewahren und den Weg der Vordenker weiterzugehen. Denn im Iseltal ist Blasmusik weit mehr als nur ein Klangkörper. Sie prägt das Dorfleben, begleitet Feste und kirchliche Feiern und bringt Menschen zusammen.