Auf zehn bis 15 Prozent schätzt Philipp Schlemmer, Geschäftsführer des Regionsmanagement Osttirols (RMO), den „bekannten leerstehenden“ Wohnraum in Osttirol, wobei die Dunkelziffer höher sei. Im März begann ein Projekt des RMO, um diese Problematik anzugehen. Schlemmer: „Ziel ist es, auf das Thema aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. Aber auch, mit Expertise beiseite zu stehen.“ In diesen Tagen startet das Projekt durch, so wird spätestens Anfang kommender Woche eine begleitende Internetseite online gehen, Social-Media-Aktionen und Infoveranstaltungen sollen folgen.

Finanzierung aus Fördertöpfen

„Der Ursprung des Projekts stammt aus dem Osten Österreichs, wo es schon vor vielen Jahren nach starkem Wegzug darum ging, Leerstand in den Ortskernen zu bearbeiten. In den vergangenen Jahren ist das Problem flächenbrandmäßig über Österreich geschwappt“, erläutert Schlemmer. Inzwischen hat sich der Bund dazu entschieden, im Kampf gegen verwaiste Objekte, Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) zu schöpfen. Auf diese Töpfe greift das RMO als Antragssteller zurück, die Restfinanzierung erfolgt über Eigenmittel der Planungsverbände.

Philipp Schlemmer ist seit zwei Jahren Geschäftsführer des Regionsmanagement Osttirols
Philipp Schlemmer ist seit zwei Jahren Geschäftsführer des Regionsmanagement Osttirols © RMO / E. Bachmann

Zentrales Instrument wird die Internetseite sein, auf der sich Eigentümer von Leerstand melden und ihr Objekt beschreiben und einreichen können. Dazu reichen zunächst Eckdaten wie Eigentumsverhältnisse, Nutzungsbelege sowie ein Foto. Im weiteren Verlauf folgt anhand eines Beratungsleitfadens die Erstellung eines Portfolios, das die Besitzer über mögliche Fördermaßnahmen etwa aus dem Programm der Dorferneuerung, aber auch über die „normalen“ Maßnahmen des Landes Tirol und des Bundes informiert. Mittels einer Visualisierung wird gezeigt, wie ein leerstehendes Haus später aussehen könnte. Auch ein Nachnutzungskonzept gehört zum Paket.

Die Einreichung ist kostenfrei

„Wir koordinieren die Anfragen, unser Dienstleister macht das Inhaltliche und begutachtet das Objekt vor Ort. Am Ende bekommen die Besitzer einen optischen Eindruck, vor allem aber Wissen speziell im komplizierten Bereich der Förderungen“, erklärt Schlemmer den „Bildungsauftrag“, den das Projekt erfüllen soll. „Mit dem Nachnutzungskonzept können die Eigentümer dann zum Beispiel zum Architekten ihres Vertrauens gehen, um im Detail zu planen.“ Wichtig: Die Einreichung ist für die Eigentümer kostenlos, ebenso Beratungen, Visualisierungen und Co.

Renommierter Dienstleister aus Osttirol

Als Dienstleister konnte das RMO die Raumschmiede Lienz gewinnen. Die Raumplanungs- und Architekturexperten aus Lienz setzten sich gegen zwei Mitbewerber durch, wobei alle Architekten mit Osttirol-Bezug im Voraus angeschrieben wurden. Schlemmer: „Unser Anspruch war, dass der Dienstleister Hintergrundwissen zum Thema Leerstand besitzt, und dass es eine Person aus Osttirol macht.“ Unterstützt wird die Raumschmiede von den Architekten Reinhard Madritsch aus Innsbruck und Peter Schneider aus Neumarkt im Mühlkreis, die sich mit zahlreichen Projekten im Bereich Leerstand auszeichnen konnten. „Leerstand im ländlichen Raum ist ein wichtiges Thema“, freut sich Eva Mitteregger von der Raumschmiede auf die Aktion. „Für uns ist es ein tolles Projekt, auch weil es im eigenen Bezirk stattfindet.“

Eine Herausforderung sieht der RMO-Geschäftsführer darin, Hausbesitzer oder deren Nachkommen ausfindig zu machen, die nicht mehr in Osttirol leben. „Viele nutzen alte Häuser als Reserve oder als eine Art Freizeitwohnsitz“, so Schlemmer. „Auch die wollen wir ansprechen. Vielleicht wäre es ja eine Möglichkeit, das Gebäude umzunutzen. Zum Beispiel könnte man aus einem Einfamilienhaus ein Mehrparteienhaus machen, in dem die Eigentümer eine Wohnung behalten.“ Mitteregger unterstreicht die Bedeutung von Kommunikation: „Leerstandsaktivierung funktioniert nur über Gespräche mit den Eigentümern. Das ist die Basis, damit Veränderung passiert.“

Alternative Nutzungskonzepte sind denkbar

Als Ziel hat sich das RMO gesetzt, rund 15 Objekte zu betreuen, wobei erste Interessierte bereits in den Startlöchern stünden. Die Aktion ist auf ein Jahr befristet, eine Verlängerung aber denkbar. Generell gibt sich Schlemmer ergebnisoffen und nennt als Beispiel die lange leerstehende Zinngießerei in Ried am Inn, die heute als „Haus der Nachhaltigkeit“ mit einem breiten Angebot von Gastronomie bis Co-Working-Spaces genutzt und von einem Trägerverein verwaltet wird. Auch eine Nachnutzung großer Häuser oder Höfe als Genossenschaft oder „Community-Investment“ sei denkbar. „Wir müssen in Osttirol etwas progressiver, nicht immer so engstirnig denken.“