Erst vor kurzem ist Engin Eroglu von seinem fünftägigen China-Trip zurückgekehrt. Der Besuch hat dem Vorsitzenden der China-Delegation im EU-Parlament einen „Sputnik-Schock“ verpasst: „China ist auf dem Vormarsch. Europa lebt auf Pump“, argumentiert der Politiker auf X. Das Investitionsvolumen im Reich der Mitte sei immens, das Tempo unerbittlich, und der nationale Konsens offensichtlich: „China will dieses Jahrhundert prägen. Europa muss aufwachen. Jetzt!“
Noch Ende der 1970er Jahre gab der Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping die diplomatische Maxime aus, Peking solle die eigene Stärke nach außen verbergen – und auf Zeit spielen. Nun ist die Zeit Chinas offensichtlich gekommen. „Ich glaube, dass ich in den zehn Jahren, seit ich Gespräche mit chinesischen Experten, Diplomaten und Parteifunktionären führe, noch nie ein so enormes Selbstvertrauen, ein solches Machtbewusstsein und das Gefühl von Überlegenheit erlebt habe wie jetzt“, resümiert der polnische China-Experte Jakub Jakóbowski, nach seiner letzten China-Reise. Das Destillat seiner Gespräche: Wirtschaftlich bereitet Xi Jinping sein Land auf eine Konfrontation mit Washington vor, nuklear möchte die Partei bei der Anzahl an Atomsprengköpfen mit den USA und Russland gleichziehen – und sämtliche Territorialstreitfragen, etwa im Südchinesischen Meer oder bei Taiwan, muss die internationale Staatengemeinschaft wohl oder übel hinnehmen: „Wenn ein Elefant marschiert, kann er schon mal Ameisen zertreten.“
Kein Staat nimmt es mit der Industriemacht auf
Pekings Selbstbewusstsein wird durch handfeste Errungenschaften unterlegt: Im Bereich KI liefert sich China ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den USA, bei den seltenen Erden hat man (noch) ein de facto Monopol und im herstellenden Gewerbe nimmt es auf absehbare Zeit kein anderer Staat mit der chinesischen Industriemacht auf.
Das lässt sich auch an den Handelsbilanzen ablesen. Gegenüber fast jedem EU-Mitgliedsstaat verzeichnet China einen deutlichen Exportüberschuss. Im Falle Deutschlands wächst dieser rasant an – allein in den ersten drei Quartalen dieses Jahres auf über 63 Milliarden Euro. Denn neben der günstigen Werkbank der Welt mischen Chinas Fabriken mittlerweile längst auch in jenen Branchen mit, die zuvor von den Platzhirschen Deutschland, Japan oder auch Südkorea dominiert wurden.
Standpauken für Europäer
Vertreter aus Europa berichten, dass sie aktuell bei ihren Terminen im Außenministerium in Peking mit „wolfskriegerischen“ Standpauken abgefertigt wurden. Unter anderem wird Europa wütend zur Last gelegt, dass sie China für die indirekte Unterstützung Moskaus im Ukraine-Krieg kritisieren. Ganz offensichtlich will sich Peking keine moralischen Belehrungen mehr vorhalten lassen. Xi Jinping sieht sich als Weltmacht auf dem Weg zur historisch rechtmäßigen Spitze. Nur die USA werden mehr als ebenbürtig anerkannt.
Und doch ist dies nur eine Seite der Medaille. Der Alltag in China offenbart einen geradezu gegensätzlichen Eindruck vom Land: Viele Einkaufszentren wirken gespenstisch leer, an den Tagelöhnermärkten treiben sich schon in aller Früh verzweifelte Männer im Überfluss. Im Gespräch mit normalen Leuten wird über gekürzte Gehälter, gestrichene Boni oder gekündigte Jobs geschimpft. Die Jugend erfindet immer neue Schlagwörter, mit denen sie ihren kollektiven Erschöpfungszustand in den Sozialen Medien beschreibt: „flachliegen“, „dahinrotten“, ein endloses Strampeln im Hamsterrad.
Man muss nur ein wenig hinter die Propaganda der Parteimedien blicken: Über ein Viertel der jungen Chinesen haben laut Unicef keinen Sekundärschulabschluss, in vielen ländlichen Gegenden liegt der Wert über 50 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit in den Städten beträgt nahezu 20 Prozent – und das, obwohl die Daten bereits vom Statistikamt „optimiert“ wurden.
Wachsender Schuldenberg
Ebenfalls fußt das chinesische Wachstumsmodell auf einem stetig wachsenden Schuldenberg, von dem ein erheblicher Teil nicht in den offiziellen Büchern auftaucht: Laut einer aktuellen Recherche des „Wall Street Journal“ könnten die verdeckten Schulden der Lokalregierungen umgerechnet bis zu 11 Billionen US-Dollar betragen, wobei 800 Milliarden von einem akuten Zahlungsausfall bedroht sind.
Auf den ersten Blick passen diese zwei Chinas kaum zusammen, doch tatsächlich handelt es sich um die notwendigen zwei Seiten eines einzigen Systems. Xi Jinping ist ein leninistischer Machtpolitiker, der für einen starken Staat mit produktiver Schwerindustrie und dominantem Militär die eigene Bevölkerung in einen „ewigen Kampf“ versetzt.
Die unerreicht kosteneffizienten Exporte der Chinesen sind nur aufgrund von Entbehrungen der Arbeiter möglich, die scheinbar totale Loyalität wird mit umfassender Kontrolle bezahlt. Ob die Durchschnittsbevölkerung – oder aus kapitalistischer Sicht: die Privathaushalte – adäquat vom chinesischen Aufstieg profitieren, ist für Xi nur von nachrangiger Bedeutung. Hauptsache, der Parteistaat ist mächtig.