„Alleine lassen sich die Herausforderungen nicht stemmen, es braucht eine Allianz der Willigen.“ Mit diesen Worten eröffnete Reinhard Lobenwein, Geschäftsführer der Innos GmbH eine Pressekonferenz zum Thema Arbeitskräftemangel in Osttirol. Im Fokus stand zunächst eine Arbeitsmarktstudie mit für den Bezirk alarmierenden Zahlen. Erstellt wurde der Status quo von Dominik Ebenstreit – der Wahl-Osttiroler pendelt selbst zwischen dem Job als Raumplaner in Lienz und Lehraufträgen an der Uni Wien. „Wir haben ein Problem. Bis 2032 werden in Osttirol 1300 Erwerbstätige fehlen“, so Ebenstreit.
Ebenstreit wies auch auf die unterschiedliche Rollenverteilung hin, die im ländlichen Raum seit etwa 30 Jahren verstärkt besteht: „Wir haben ein Eineinhalb-Verdiener-Modell, bei dem Frauen vorwiegend Care-Arbeit verrichten, sich um Kinder und die Pflege Älterer kümmern.“ Des Weiteren sagte der Raumplaner, dass Arbeitssuchende die Bedingungen mit diktieren: „Die Leute haben heute höhere Erwartungen an ihre Arbeitsstelle, die wollen etwas Sinnstiftendes machen, die suchen Teilzeitmodelle.“ Vor zehn Jahren kamen laut der Studie pro offene Stelle in Osttirol 25 Arbeitssuchende, jetzt sind es eineinhalb.
Hans Kollreider, Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer Lienz, unterstrich die Problematik. „Wir haben enormen Handlungsbedarf. Im Jahr 2032 werden wir 35 Prozent weniger Arbeitseintritte haben, 22 Prozent mehr Pensionierungen.“ Der Wirtschaftsexperte forderte ein Bündel an Maßnahmen, um etwa für Frauen, aber auch für ältere Arbeitnehmer oder bisherige Pendler attraktive Jobs zu schaffen. Gleichzeitig müsse man in Zukunft immer mehr in Automatisierungen und Künstliche Intelligenz investieren, um speziell im produzierenden Gewerbe unbesetzte Jobs abfedern zu können.
Ebenstreit betonte die Notwendigkeit des Handels ebenso. In seiner 72 Seiten umfassenden Studie, die sich unter anderem auf 33 weiteren Studien, elf Interviews und zwei Workshops stützt, empfiehlt der Raumplaner 24 Maßnahmen, wie den Ausbau der Kinderbetreuung, eine Praktikums- und Lehrstellenbörse oder die Förderung leistbaren Wohnraums.
Einig waren sich Ebenstreit und Kollreider darin, dass es Zuzug benötigt. „Wir haben in Osttirol keine zehn Prozent Arbeitskräfte mit ausländischem Geburtsland. Das gibt es so in keinem anderen Bezirk, in Reutte sind es durch die Nähe zu Deutschland inzwischen 35 Prozent“, sagte Kollreider. Dabei will der Bezirksstellenleiter zukünftig primär das nahe Ausland beziehungsweise den deutschsprachigen Raum ins Visier nehmen: „Wir müssen nicht in die Ferne schweifen, das Gute liegt so nah. Warum gelingt es uns nicht, mehr Leute aus Südtirol anzuwerben? Das Lohniveau hat sich inzwischen angepasst. Zudem sind wir uns kulturell und auch religiös nahe.“
Revital: „Wir müssen am Puls der Zeit sein“
Schließlich warf der Geschäftsführer des Planungsbüros Revital und Gastgeber der Pressekonferenz, Klaus Michor, einen Blick auf die Konkurrenzsituation: „Der Schlüssel zum Erfolg für ein Unternehmen sind Experten. Gute Leute, um die heute hart gekämpft wird.“ Michor erwähnte den Standortnachteil Osttirols: „Alle unsere Konkurrenzfirmen sind in Landeshauptstädten beheimatet. Die ‚saugen‘ die Studenten oft direkt nach dem Uni-Abschluss vom Markt.“ Michor, von dessen 60 Mitarbeitern gut ein Viertel aus dem Ausland stammen, führte die eigenen Maßnahmen auf: „Wir müssen auf die individuellen Lebenskonzepte eingehen, aber auch spannende Projekte anbieten, einfach am Puls der Zeit sein.“
EU-gefördertes Projekt zur Willkommenskultur
Um sich all diesen Problemen entgegenzustemmen, hat die Innos in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen im Bezirk, aber auch der Wirtschaftskammer, dem Arbeitsmarktservice oder dem Regionalmanagement das EU-geförderte Leitprojekt „Willkommen in Osttirol“ ins Leben gerufen. Das im Dezember des Vorjahres eingereichte Projekt will sich darauf konzentrieren, die Stärken des Bezirks nach außen zu tragen. „Zu uns kommen die Menschen wegen der Lebenszufriedenheit, der Sicherheit, der Umwelt, aber auch der Gemeinsinn wird sehr gelobt“, fasste Barbara Hassler von der Felbertauern AG zusammen, was bei einer Gruppendiskussion mit Zuzüglern besonders gelobt wurde.
Neue Website kommt im Mai
Im Zentrum der Bemühungen wird eine neue Website stehen, die von Innos-Projektmanagerin Paula van der Woude und Entwickler Werner Stotter präsentiert wurde. Der Internetauftritt soll als ganzjähriges Schaufenster der Region dienen, aber vor allem als Talenteportal, bei dem sich Interessierte Jobs und Betriebe online anschauen und sich auf offene Stellen hin bewerben können. „Die Website ist attraktiv gestaltet und sehr niedrigschwellig, sodass man sich so schnell wie möglich bewerben kann.“ Der Start der Website ist für Mai geplant, wobei die Macher herausstellten, dass bereits viel Feedback der Betriebe eingearbeitet wurde, um auch hier gemeinsam dem Arbeitskräftemangel zu begegnen.