Langsam gleitet der Zeigefinger über das Blatt. Justina reiht die Buchstaben aneinander und spricht sie aus. „T-o-m-a-t-e“. Ein Strahlen huscht über das Gesicht der Achtjährigen. Ja, sie hat im vergangenen Jahr richtig gut lesen gelernt. Und rechnen. Im Zahlenraum bis 10 gibt es kein Problem mehr. „Beides funktioniert viel besser als gedacht. Und Justina versteht, was sie liest.“ Auch im Gesicht von Mama Sigrid Witasek (47) aus Feldkirchen ist ein Strahlen zu sehen. Justina hat Trisomie 21, das Down-Syndrom, deshalb sind ihre Sprachfähigkeiten sehr begrenzt. Umso schöner, wenn beispielsweise beim Lesen etwas besser klappt als prognostiziert.

Mit ihren Schulfreunden in der dritten Klasse kommuniziert Justina in Gebärdensprache, die Schülerinnen und Schüler in der Klasse sind schon wahre Profis darin. Am Beginn des Schultages geht Anna Hauser, pflegerisch helferische Assistenz an der Volksschule Feldkirchen, mit Justina den Tagesplan durch. Damit sie weiß, was auf sie zukommt. Der Plan wird dann auch der gesamten Klasse unter Verwendung der Gebärdensprache vorgestellt. Am Ende eines Schultages bekommt Witasek eine Zusammenfassung geschickt – mit allen Dingen, die Justina gelernt, in der Schule erlebt hat. „So kann ich mich mit Justina dann über ihren Tag unterhalten.“ Umgekehrt erhält das Pädagogenteam eine Zusammenfassung der Wochenenden, um auf dem Laufenden zu sein. „Kommunikation ist in unserem Fall der Schlüssel zum Erfolg.“ Was die Unterstützung in der Schule betrifft, kommt Sigrid Witasek, die geschieden ist, aus dem Schwärmen nicht heraus: „Die Schule, das Team, alles ist wunderbar.“

„Inklusion an der Volksschule Feldkirchen ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Vielfalt und gegenseitiges Verständnis das Schulleben bereichern. Justina ist hervorragend integriert und ein fester Bestandteil der Klassengemeinschaft“, sagt Direktorin Barbara Kullnig. Durch die aktive Nutzung der Gebärdensprache habe Justina nicht nur ihren eigenen Wortschatz erweitert, sondern auch ihre Mitschüler dazu motiviert, diese Sprache zu lernen. „Dies hat nicht nur die Kommunikation untereinander verbessert, sondern ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit geschaffen. Die Kinder lernen voneinander und unterstützen sich gegenseitig, was das soziale Miteinander stärkt und das Klassenklima positiv beeinflusst.“

Seit acht Jahren begleitet die Kleine Zeitung Justina auf ihrem ganz besonderen Lebensweg. Und zu berichten gibt es auch aus den vergangenen Monaten vieles: Justina singt mittlerweile im Schulchor, „und das taugt ihr“, schmunzelt Sigrid Witasek. Sportlich aktiv ist sie beim Handballverein in Feldkirchen, wo sie mittrainieren – und vor allem Tore schießen – kann. „Das taugt ihr natürlich auch.“ Und seit Kurzem besucht die Achtjährige wöchentlich eine inklusive Musikgruppe an der Gustav Mahler Privatuniversität in Klagenfurt. „Dort geht es laut und quirlig zu, den Kindern macht es unglaubliche Freude.“

Eine einschneidende Veränderung hat es innerhalb der Familie gegeben. Aus dem Vier- wurde ein Dreitöchterhaus. Justinas älteste Schwester Franziska (16) geht mittlerweile nämlich in die Landwirtschaftliche Fachschule Ehrental. „Internat inklusive, sie kommt nur an den Wochenenden nach Hause, Franziska geht uns sehr ab“, sagt Witasek. Gloria (14) besucht die vierte Klasse der Mittelschule, Helena (11) die erste. „Ohne die Unterstützung der drei Mädels ginge es nicht, ich bin wahnsinnig stolz auf sie“, sagt Witasek, die beruflich bei Infineon in Villach tätig ist. „Und ohne die Unterstützung meines Arbeitgebers, der mir zeitliche Flexibilität einräumt, ginge es auch nicht.“ Apropos Hilfe: Jeden Dienstag schaut Petra Fearrington, Freizeitassistenz der AVS, vorbei und beschäftigt sich mit Justina.

 Down-Syndrom  Feldkirchen
Franziska, mit 16 die älteste der vier Schwestern, besucht jetzt die Landwirtschaftliche Fachschule in Ehrental © Helmuth Weichselbraun

Am Sonntag, 23. März, gibt es um 10 Uhr in der Pfarre Maria im Dorn in Feldkirchen übrigens einen Gottesdienst zum Welt-Down-Syndrom-Tag. Dabei kann man Justina kennenlernen. Sie wird eine Fürbitte vortragen. Also, vortragen lassen. Das Sprechen wird in diesem himmlischen Fall ihr Tablet übernehmen. Wie schon beim Nikolo-Gedicht im Vorjahr. Justina hat es dann in Gebärdensprache übersetzt. Also hat sie es eigentlich ganz allein dem Heiligen Nikolaus aufgesagt. Und war stolz darauf.