Es war ein "Zufallsfund", der diesen Schlepperfall auffliegen hat lassen: Im Mai entdeckte eine Polizeistreife im Bezirk Völkermarkt einen, offenbar aus Nordafrika stammenden, verwirrten Mann. Ein Marokkaner, wie sich herausgestellt hat, der regulär in Österreich war, mit Visum und Arbeitsbescheinigung. Anfang 20, der kein Wort Deutsch oder Englisch sprach, weder lesen noch schreiben konnte.

Das Landeskriminalamt (LKA) Kärnten, Gruppe Menschenhandel und Schlepperei, übernahm den Fall: Die LKA-Beamten stießen auf einen österreichischen Staatsbürger, der in Graz lebt. Der 29-Jährige gebürtige Marokkaner hatte seinen Landsmann nach Österreich vermittelt, zur Arbeit in einem Reitstall. Insgesamt konnten im gesamten Bundesgebiet 36 Nordafrikaner gefunden werden, denen es gleich ergangen ist. "Wir gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer noch höher ist", sagt Einsatzleiter Wolfgang Patscheider vom LKA.

Ganzes Erspartes an Schlepper

Der Grazer hat vor zwei Jahren ein menschenverachtendes Geschäftsmodell entwickelt. Auf der Homepage des Arbeitsmarktservice (AMS) suchte er nach Reitställen, die Mitarbeiter brauchen. Zwei Mittäter sprachen in Marokko junge Männer an und versprachen ihnen gutbezahlte Jobs in Österreich. Um hierherzukommen, mussten die Männer jeweils bis zu 8000 Euro bezahlen – für Visum und Flug. Tatsächlich kostet beides zusammen rund 500 Euro, so ein Ermittler. Die Familien der Männer gaben ihr ganzes Erspartes den Tätern.

Ein Schlafplatz im Quartier der Marokkaner
Ein Schlafplatz im Quartier der Marokkaner
© Privat

Hatten die Männer gezahlt, wurden ihre Daten nach Graz weitergeleitet und von dort an die Reitställe. Deren Betreiber meldeten die Marokkaner an, bekamen die Visa, die sie an die österreichische Botschaft in Marokko schickten. Dort holten Mittäter die Unterlagen und setzten die Arbeiter in ein Flugzeug nach Österreich. Hier wurden sie vom Grazer erwartet und auf 35 Reiterhöfe verteilt, davon 5 in Kärnten und 7 in der Steiermark.

278 Stunden Arbeit im Monat

Dort waren die Männer ihrem Schicksal ausgeliefert: Die meisten waren Analphabeten, sprachen "nur" Arabisch. Mehrere Reitstallbesitzer nutzten die "Gunst der Stunde". So musste ein Marokkaner in einem Reiterhof in Kärnten 278 Stunden im Monat schuften, für umgerechnet 3,77 Euro je Stunde. In der Steiermark hat der Hauptverdächtige einem behinderten Landsmann jeden Monat das gesamte Einkommen abgenommen. "Diese Menschen wurden behandelt wie Sklaven", sagt ein Betreuer. Mehrere der Marokkaner tauchten auch in anderen europäischen Staaten unter.

Menschenunwürdige Lebensbedingungen
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Ermittlungen am Beginn

Am Wochenende hatten die Ermittler, unter Leitung des LKA und der Finanzpolizei Region Süd, genug: Sonntag wurde der Hauptverdächtige auf einem Parkplatz in Graz-Liebenau verhaftet. Montag besuchten 200 Polizisten und Finanzbeamte zeitgleich alle 35 Reiterhöfe.

"Derzeit ermitteln wir gegen eine namentlich bekannte Person und unbekannte Täter", sagt Tina Frimmel-Hesse, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Klagenfurt. Ermittelt wird wegen Schlepperei, Menschenhandel und krimineller Vereinigung. Bisher gibt es drei namentlich bekannte Opfer. "Die Ermittlungen stehen aber erst am Beginn", sagt Frimmel-Hesse.

Schlechter als Tiere

Erfolgreich war auch die Finanzpolizei: Von 35 Betrieben gab es für 19 Strafanzeigen wegen illegaler Beschäftigung (Schwarzarbeit) und 9 wegen illegaler Ausländerbeschäftigung, Rigobert Rainer, Chef der Finanzpolizei Süd. Zudem wurden insgesamt 22.000 Euro Steuerschulden einkassiert. Und es wird weiter ermittelt, unter anderem wegen illegaler Gewerbeausübung. Bei manchen Reiterhöfen hat es Gastrobereiche gegeben, allerdings ohne die dafür notwendige Genehmigung.

Erbärmlich sei der Umgang mit den marokkanischen Arbeitern gewesen. "Tiere in einem einigermaßen guten Stall sind besser untergebracht, als es diese Menschen waren. Doch das ist im Bereich der Schlepperei leider Realität", sagt Rainer. "Auch das zeigt, dass wir den Fokus noch mehr auf solche Sachen legen müssen."

Mehrere Menschen mussten auf engstem Raum hausen
Mehrere Menschen mussten auf engstem Raum hausen
© LPD Kärnten