Orientierungslauf ist eine recht beliebte Freizeitbeschäftigung in Norwegen – also das Zurechtfinden im Gelände mit Hilfe von Karten und Kompass. Der Prozess gegen Marius Borg Høiby, Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit, der schon sieben Wochen andauert, scheint auch ein solcher Orientierungsversuch zu sein, bei dem es an Materialien nicht mangelt, jedoch der Kompass zu fehlen scheint. Die Kernfrage dabei: Wie weit ist Høiby bei den Frauen gegangen, die ihm Vergewaltigung vorwerfen?
Über sieben Jahre Haft gefordert
Die Staatsanwaltschaft will Høiby hinter Gitter sehen – sieben Jahre und sieben Monate Haft fordert Sturla Henriksbø am Mittwoch in Oslo, er sieht den Beklagten in 39 von 40 Anklagepunkten als schuldig an. Vor allem geht es um vier Frauen, an denen sich der heute 29-Jährige im Schlaf vergangen und drei davon dabei auch noch gefilmt haben soll.
Henriksbø hatte schon zu Prozessbeginn angekündigt, dass der Beklagte nicht „ungeschoren“ davon komme, nur weil er prominent sei. „Vergewaltigung kann dauerhafte Spuren hinterlassen und Leben zerstören, einschließlich Vergewaltigungen, die jemandem widerfahren, der nicht in der Lage ist, sich dagegen zu wehren“, begründete der Staatsanwalt das für Høiby verlangte Strafmaß.
Høiby bestreitet seine Schuld, der Beischlaf sei einvernehmlich geschehen, verwies jedoch auf Erinnerungslücken: die Gewalttätigkeiten, Drohungen und den Drogenverkauf gestand Høiby teilweise ein. Zwei Frauen soll er gewürgt haben, darunter Nora Haukland, ein Modell und Høiby-Ex-Freundin, die einzige Klägerin, die als solche in die Öffentlichkeit trat. Deren Anwältin Heidi Reisvang forderte dafür am Mittwoch Schadenersatz auch für zwei Frauen, die von Høiby gefilmt wurden. „Sie müssen ihr ganzes Leben lang fürchten, dass die Filme verbreitet werden“, so die Anwältin.
Schon vor dem Prozess galt der königliche Angeklagte als unbeliebt. „Ich bin ganz Norwegens Hassobjekt“, meinte jener in der vergangenen Woche bei einer abschließenden Rede unter Tränen vor Gericht. Die Norweger nennen ihn „Bonus-Prinz“, da er Mitglied der Königlichen Familie ist, allerdings nicht des Königshauses – seine Mutter Mette-Marit hat ihn als Kleinkind in die Ehe mit Prinz Haakon gebracht. Dies bedeutet, dass ihm die zeremoniellen und andere Pflichten fehlten, er aber auch für sich selbst keine Aufgaben finden konnte, ein Wirtschaftsstudium in den USA brach er ab, trat dafür in Reality-Shows und in den Sozialen Medien auf. Für seine wilden Partys nutzte er offenbar ungeniert Gebäude der norwegischen Monarchen.
Seine Eskapaden wurden jedoch lange in Norwegens Medien nicht kolportiert, bis zur ersten Verhaftung im Jahr 2024. Denn Haakon und seine Frau Mette-Marit haben sich über die Jahre ein weitläufiges Netzwerk von Journalisten, Politikern und Kulturschaffenden aufgebaut, in dem man „dicht“ hielt. Auch über das „Wutproblem“, das Høiby bereits seit seiner Kindheit begleitete und ihm die entsprechenden Beinamen „Hulk“ oder „Gorilla“ bescherte.
Abgründe aus Suff, Drogen und Gewalt
Doch nun ist der Fall mit seinen Abgründen aus Suff, Drogen und Gewalt öffentlich, sehr öffentlich geworden – Textnachrichten zwischen Høiby und seinen Ex-Freundinnen werden in den Medien abgedruckt. Der Schlafspezialist Ståle Pallesen kommentierte vor Gericht die Videos, die der Party-Prinz während der sexuellen Handlungen aufgenommen hatte und musste diagnostizieren, ob die betroffenen Frauen dabei wach gewesen sind – oder nicht.
Der Glanz der glücklichen Königsfamilie wird jedoch auch durch den Kronprinzesinnen-Sohn selbst direkt demontiert. Er wäre seiner Mutter „egal“, meinte er während des Prozesses. Heute wird das Urteil erwartet und ein wenig sitzt auch die Königliche Familie auf der Anklagebank. Glaubt man den Umfragen, so haben viele Norweger bereits einen Richterspruch gefällt – nur noch 60 Prozent unterstützen die Monarchie. Vor dem Prozess waren es noch 70.