An einem nicht mehr zu fernen Junitag werden in Paris Höchsttemperaturen von 50 Grad Celsius im Schatten gemessen, Besserung ist nicht in Sicht. Auf den Straßen schmilzt der Teer, die Hunde tänzeln, um sich nicht die Pfoten zu verbrennen. „Die Temperaturen am Morgen liegen bereits bei 46 Grad, die Hitzewelle wird andauern“, sagt die Nachrichtensprecherin. Wir schreiben Juni 2032. In einer Kaserne im Zentrum von Paris wurde ein Krisenstab zusammengerufen. „Wir befinden uns in einer Omega-Wetterlage, wir verhängen Alarmstufe rot“, heißt es.

Paris Mayor Anne Hidalgo arrives to attend the annual Bastille Day military parade on the Champs-Elysees Avenue in Paris on July 14, 2025. (Photo by Mohammed BADRA / POOL / AFP)
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Wie gesagt, die Rede ist von der Zukunft, vom Jahr 2032. Noch ist alles nur eine Trockenübung. „Das klingt wie Science-Fiction, ist aber ein Szenario, auf das wir uns ernsthaft vorbereiten“, versichert Pénélope Komitès, beigeordnete Bürgermeisterin für Attraktivität und Resilienz, die die Übungen organisiert. Welche andere Stadt auf der Welt hat eine Bürgermeisterin für Resilienz? Paris hat 2017 seinen ersten Klima-Resilienz-Plan vorgelegt. Botschaft: Auch Städte können Stehaufmännchen sein.

Ist es Hysterie, wenn sich Paris offiziell auf Höchsttemperaturen von 50 Grad vorbereitet? „Nein“, versichert Emmanuel Grégoire, der stellvertretende Bürgermeister, „Paris wird 2050 dasselbe Klima haben wie Sevilla heute“. Bislang sind 42,6 Grad der Rekord, der in Paris gemessen wurde. Grégoire bezieht sich auf Forscher des Weltklimarats, die davon ausgehen, dass sich eine Erwärmung von zwei Grad weltweit in Frankreich mit vier Grad auswirken könnte. Paris will klug vorbauen und antizipieren.

Die Stadt ist dabei, sich neu zu erfinden und nimmt seit Antritt von Bürgermeisterin Anne Hidalgo 2014 einen radikal-grünen Kurs. Seither sind zehn Milliarden Euro in den ökologischen Wandel investiert worden, in Dämmung von Sozialbauten, Fahrradwege, begrünte Schulhöfe. „Ich sorge dafür, dass Paris auch in Jahrzehnten noch eine lebenswerte Stadt ist“, sagt Hidalgo. Derzeit lähmt Hitze Frankreich – die „Vegetalisierung“, wie Hidalgos fortlaufende Politik genannt wird, macht betroffene Straßen und Viertel um ein bis vier Grad Celsius kühler, schätzt man bei Météo France.

Verkehrswende, Begrünung, Entsiegelung, Sprühanlagen auf den Straßen sind die Stichworte der Metamorphose. Die Baustelle ist riesig –wie auch der Widerstand: Hidalgo wurde für das Umdenken kritisiert und angefeindet – aber 2020 wiedergewählt: „Sie können sich nicht vorstellen, was ich als grüne Sozialistin abbekomme, vor allem, weil ich eine Frau bin.“

A person sits in the shade of trees at the Bois de Vincennes park, in eastern Paris, on August 14, 2025, amid a heatwave in Europe. A large part of the country remains overheated on August 14, 2025, on the seventh day of an ongoing heatwave still overwhelming three-quarters of France, even though Meteo-France has lifted the red alert in the last affected departments. (Photo by Martin LELIEVRE / AFP)
Zusätzlich zu den bestehenden Parks wurden in drei Jahren fast 64.000 Bäume gepflanzt © AFP

Das Fahrrad ist inzwischen das konkurrenzlos schnellste Fortbewegungsmittel in der französischen Hauptstadt. „Was Hidalgo gemacht hat, ist eine Revolution“, sagt Stein van Oosteren. Der gebürtige Niederländer ist Botschafter bei der UNESCO, aber auch ein Botschafter des Fahrrads: Jeden Tag legt er selbst sechzehn Kilometer damit zurück: „Veränderung ist möglich!“

Imposantes Netz aus Radwegen

In Hidalgos erster Amtszeit entstanden 320 Kilometer Fahrradwege, nun sind es 480. Der Wandel, für den Städte wie Amsterdam Jahrzehnte gebraucht haben, vollzog sich in Paris im Zeitraffer. Systematisch wurde den Autos Platz weggenommen: weniger Straßen, weniger Spuren, weniger Parkplätze, mehr Grün. Dieselfahrzeuge dürfen nicht mehr in der Stadt fahren, Verbrenner sind ab 2030 verboten. Zur Jahrtausendwende hatten noch 60 Prozent der Haushalte ein Auto, heute ein Drittel. Die 135.000 Parkplätze beanspruchen fast 200 Hektar Platz, das entspricht der Größe aller innerstädtischen Parks.

Langfristig will Hidalgo die Hälfte abschaffen, ein Zehntel ist schon in Grünflächen verwandelt worden. Straßen vor Schulen werden systematisch in Fußgängerzonen umgewandelt und begrünt, Schulhöfe entsiegelt.  „Hidalgo ist sehr mutig gewesen. Indem sie den Autofahrern Platz weggenommen hat, hat sie die Besitzverhältnisse im öffentlichen Raum umsortiert. Heute käme keiner mehr auf die Idee, das rückgängig zu machen“, sagt Fahrradaktivist van Oosteren..

Avila Tourny ist Architektin und Stadtplanerin und diejenige, die in der Abteilung für urbane Ökologie im Rathaus dafür sorgt, dass das ambitionierte Ziel eingehalten wird. 63.707 Bäume wurden in drei Jahren gepflanzt: „Je mehr wir pflanzen, desto mehr kühlen wir die Stadt im Sommer ab“, sagt sie. Straße für Straße analysiert sie, was machbar ist. Manchmal machen unterirdische Leitungen oder Tunnel die Bepflanzung unmöglich. Hunderte von „Frischeinseln“ will Paris bis 2030 anlegen. Die Zeit drängt – und ein Baum braucht welche, um zu wachsen.