Platz ist hier genug. 320 Hektar Weidefläche auf 1700 Meter – die Hochalm hat an diesem Tag ein Panorama zu bieten, auf das selbst jede Postkarte neidisch wäre. Alois Kiegerl hat den Strohhut bis tief über die Augen gezogen, die Sonne strahlt intensiv. Der Landwirt aus Trahütten sieht in der Landschaft aber nicht die schier endlos weite Wiese, die Kühe, die hier grasen und die Idylle, die zum Verweilen einlädt. Er sieht hier viel Arbeit.

Auf der Alm gibt es mittlerweile genug Sünden und noch mehr Probleme. Touristen verschmutzen immer mehr Flächen und was sie unberührt lassen, wird vom Klimawandel angegriffen. Durch die höheren Temperaturen verschiebt sich die Baumgrenze nach oben. Pflanzen wachsen üppiger und schneller als Tiere sie essen können. Die Folgen: Almen verwachsen, Flächen verwuchern. „Tiere können wir dann nicht mehr auftreiben“, sagt Kiegerl. Im Jahr 2000 wurden noch 42.544 Großvieheinheiten auf die Alm aufgetrieben, im Jahr 2024 nur noch 31.834. Setzt sich dieser Trend fort, dürften auch Konsumentinnen und Konsumenten die Auswirkungen zu spüren bekommen. „Eine Kuh nimmt im Durchschnitt im Sommerauftrieb rund 100 Kilo zu – das schmeckt man natürlich im Fleisch und in der Milch, passiert das nicht, ist auch die Lebensmittelqualität in Gefahr“, erklärt Anton Hafellner, Obmann des steirischen Almwirtschaftsvereins.

Landschaftspflege auf der Alm

Almputztage sollen das Problem lösen oder die Auswirkungen zumindest verzögern. Am Samstag ist es wieder so weit. Auf 14 steirischen Almen wird dann wieder geputzt. Hafellner und Rudolf Grabner, Almexperte der Landwirtschaftskammer, haben den „Almschwendtag“, wie es in der Fachsprache heißt, 2014 ins Leben gerufen. Mittlerweile hat sich das System bewährt.

Kiegerl gibt einen Einblick, wie das aussieht. Er packt die Arbeitshandschuhe aus, zieht sie über jeden Finger. Dann geht es los. Kiegerl greift einen Ast, der auf dem Weg liegt, dann noch einen und noch einen. Kurzerhand türmt er die Äste zu einem kleinen Stapel. „Der Weg ist für die Tiere jetzt wieder frei, sie können hier wieder grasen und Touristen könnten hier wieder wandern“, sagt der Landwirt. Freiwillige Helfer für Samstag werden noch gesucht. „Bei uns ist jeder willkommen“, sagt Kiegerl. Die einzige Voraussetzung: Zumindest die Natur sollte einem am Herzen liegen.

v.l.n.r; Rudolf Grabner, Ernst Lenz, Alois Kiegerl und Anton Hafellner
v.l.n.r; Rudolf Grabner, Ernst Lenz, Alois Kiegerl und Anton Hafellner © Klz / Stefan Pajman

Denn: Nicht nur Tiere leiden unter dem zunehmenden Druck – auch die Biodiversität. Wachsen Almen zu, setzen sich nur noch starke Pflanzen durch. Eine gefährliche Eintönigkeit. Almen sind dann weniger robust gegen Schädlinge und der Boden ist anfälliger für Erschütterungen. Das heißt auch: Murenabgänge sind bei nicht bewirtschafteten Almen häufiger, haben drastischere Folgen – für Natur und Mensch.

Steirische Almen als Wirtschaftsmotor

Insgesamt gibt es in der Steiermark 1685 Almen. Sie alle eint: Sie sind mehr als ein Fleck Wiese. Sie sind so etwas wie Kulturgut. Almen sind im Idealfall nicht nur schön und idyllisch, sondern auch ein Wirtschaftsmotor. 48 Prozent der Urlauber, die es in die Steiermark zieht, gaben laut Zahlen des Tourismusverbandes an, hier für den Wander- und Bergsteigerurlaub oder zum Erholungsurlaub herzukommen. Mit 151 Almhütten ist die Steiermark das zweitstärkste Bundesland, wenn es um den Almtourismus geht. Nur Kärnten stellt mit 220 Hütten noch mehr.

Lenz schneidet ein kleines Bäumchen um
Lenz schneidet ein kleines Bäumchen um © Klz / Stefan Pajman

Die Natur und vor allem das Bild von ihr ist brüchig. Laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur sind ein Drittel der geschützten Lebensräume in der EU auf Beweidung durch Rinder, Schafe und Ziegen angewiesen. Das geht nur, wenn die Begebenheiten eine Behirtung und einen Auftrieb zulassen.

Kiegerl greift noch einmal nach einem Ast und wirft ihn auf einen Haufen. Ein paar Schritte weiter bittet er Ernst Lenz, ein kopfhohes Bäumchen, umzusägen. Der Landwirt in dunkelblauer Latzhose mit orangen Trägern macht kurzen Prozess. Zwei Minuten und das Bäumchen ist zurechtgestutzt. Hafellner sagt: „Würden wir nicht eingreifen, würden wir jedes Jahr rund 1000 Hektar Almflächen allein in der Steiermark verlieren.“