Der Bedeutungsverlust des klassischen Schuhhandwerks zugunsten industrieller Massenfertigung ist ein bekanntes Phänomen. So gab es in den 1950er-Jahren noch 50 Schuhmacher im Lavanttal und eine eigene Berufsschule in Wolfsberg für Lehrlinge des Schuhhandwerks.
„Den traditionellen Schuhmacher, der bis zum fertigen Schuh alle Arbeitsschritte selbst ausführte, gibt es heute kaum mehr“, sagt Helmut Mauritsch (60), Geschäftsinhaber des gleichnamigen Wolfsberger Traditionsbetriebs. Die Industrialisierung habe diesen Beruf tiefgreifend verändert. Dennoch gibt es den Betrieb in der Bezirkshauptstadt auch nach hundert Jahren noch.
Wie dies gelang? „Wir konzentrierten uns zunehmend auch auf andere Bereiche, wie Schlüsseldienst oder Stempelanfertigung, und wir spezialisierten uns auf die zeitaufwendige, aber beständige Reparatur und Fertigung von orthopädischen Maßschuhen“, erklärt Mauritsch.
Maßgefertigte Fußbekleidung
Sein Großvater Michael Schlacher eröffnete 1926 eine Schuhmacherwerkstätte am Hohen Platz. Die Nachfrage nach maßgefertigter Fußbekleidung stieg damals ständig und das Unternehmen weitete sein Angebot über die Jahrzehnte kontinuierlich aus. So stand bald auch nach Maß angefertigtes orthopädisches Schuhwerk in der Auslage, das es dem Meisterbetrieb ermöglichte, auf die langfristigen Erkrankungen, Behinderungen und Einschränkungen der Kunden individuell einzugehen. „Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Schuhmacher erlangte mein Großvater in der Region auch historische Bedeutung als Sportpionier“, weiß Mauritsch. So gehörte er im Jahr 1931 zu den fünf Gründervätern des Wolfsberger AC (WAC). Helga Mauritsch, die Tochter des Firmengründers, erlangte als erste Frau in Österreich den Meistertitel in diesem traditionell männerdominierten Handwerk.
1965 heiratete sie Norbert Mauritsch, der zuvor in der Firma zu arbeiten begonnen hatte. Nach der abgelegten Meisterprüfung im Jahr 1966 übernahm er zusammen mit seiner Frau den Betrieb und verlegte diesen in die Freidlgasse. 1985 wurde er wegen seiner großen Verdienste um das Schuhhandwerk Landesinnungsmeister der Schuhmacher Kärntens, und zwei Jahre später erweiterte er den Betrieb mit einem Schlüsseldienst. 2002 übergab der zweifache Familienvater die Firma an seinen Sohn Helmut Mauritsch (60), der ein Jahr zuvor die Meisterprüfung für Orthopädieschuhmacher abgelegt hatte, und der den Betrieb bis heute leitet. Mit seiner Ehefrau Cornelia hat er zwei Töchter, Julia und Gloria. Letztere erlernte den Beruf einer Einzelhandelskauffrau und ist in vierter Generation bereits ein wichtiger Teil des traditionsreichen Familienunternehmens. 2010 erfolgte ein Zubau, in dem eine neue Werkstatt eingerichtet wurde. „Durch das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit erleben solche Reparaturwerkstätten heute ein kleines Comeback“, stellt der Firmeninhaber, der in seiner Freizeit gerne Fußball spielt oder den Tennisschläger schwingt, fest. Die heutige Angebotspalette reicht von traditionellen Schuhreparaturen, orthopädischen Maßschuhen über einen professionellen Schlüsseldienst und Sicherheitstechnik, individuelle Schildergravuren und Stempelanfertigung bis hin zu Gravuren, Pokalen und Medaillen. Ein Online-Shop steht den Kunden 24 Stunden zur Verfügung. Dort gibt es unter anderem auch Tortenstecker, Deko-Material oder Ledergürtel.