7.45 Uhr. Während sich andere jetzt in ihren Bürosessel setzen, steht Viktoria Gewessler in der Babystation und gibt einem Neugeborenen seine Milch. Am Abend des Vortages ist das Kleine auf die Welt gekommen: „Eigentlich hat sie mir versprochen, es wird ein Dirndl – aber man kann nicht alles haben“, erzählt die Bad Mitterndorfin mit Augenzwinkern. Diese „sie“ in der liebevollen Schelte der Landwirtin gilt aber keiner Frau, sondern einer ihrer rund 40 Milchkühe.
Die 28-jährige Gewessler ist Landwirtin, vom Scheitel bis zur Sohle und aus voller Überzeugung. Vor fast genau einem Jahr hat sie den elterlichen Bio-Bauernhof auf einem äußerst malerischen Fleckchen im Ortsteil Krungl übernommen und ist Chefin über 80 Rinder, 48 Hektar Wiese und rund acht Hektar Wald. Und gleichzeitig auch ein Beispiel dafür, dass immer mehr Frauen auf dem Bauernhof die Hauptrolle spielen.
Mit zehn am Traktor
„Ich habe zwei ältere Schwestern. Bei jeder Schwangerschaft haben alle gesagt: ‚Das wird jetzt aber der Bauer.‘ Das war halt das alte Denken früher“, erzählt sie im Gespräch. Für die 28-Jährige war aber ab der Volksschule klar: Sie will einmal den Hof übernehmen. Das Traktorfahren, das hat es ihr richtig angetan. Mit rund zehn Jahren fing sie auf dem Schoß von Papa Franz an, „mit elf, zwölf Jahren bin ich dann alleine auf unseren Feldern gefahren. Da haben die Leute schon geschaut“, erzählt sie lachend. Noch heute ist ihre liebste Arbeit das Fahren mit dem Güllefass.
Der Ausbildungsweg war daher vorgegeben, nach der Hauptschule ging es an die HBLFA Raumberg-Gumpenstein. „Nach der Maturareise bin ich gleich daheim am Hof geblieben.“ Woanders hingehen? Das kam nicht infrage: „Mich hätte hier niemand weggebracht, keine Liebe der Welt.“ Also Landwirtin von der Wiege bis zur Bahre? Ja, sagt sie lachend, „was anderes mache ich nicht.“
Gemeinsam und mit technischer Erleichterung
Voll hinter der Entscheidung steht Altbauer Franz Gewessler. „Ich hatte drei große Schwestern, da wurde noch hingearbeitet auf den Buben, den Erben. Wir haben das nicht gebraucht.“ Es sei nicht selbstverständlich, dass seine Tochter den Hof übernommen hat, man sei sehr froh, sagt er weiter. Natürlich habe man als Frau nicht so viel Kraft wie ein Mann. Aber ganz alleine einen Hof zu bewirtschaften, das schaffe auch ein Mann nicht. Bei Viktoria Gewessler helfen die Eltern Heidi (62) und Franz (63), zudem auch ihr Freund Markus neben seinem Vollzeitjob.
Gleichzeitig sei die tägliche bäuerliche Arbeit aber körperlich auch leichter geworden, fügt Franz hinzu. „Meine Eltern haben brutal viel gearbeitet und viel investiert“, erklärt die 28-Jährige. So steht im Stall nicht nur ein Melkroboter, sondern auch ein Mistsauger, der den Boden alle zwei Stunden sauber macht. Melken in der Früh und am Abend, das gehört damit der Vergangenheit an. „Der Melkroboter bringt Lebensqualität. Damit kannst du auch alleine in den Stall gehen“, so die Landwirtin.
„Dadurch hat man mehr Zeit, auf das Tierwohl zu schauen“, für einen Bio-Bauernhof natürlich besonders wichtig. Wie wichtig Gewessler das Verhältnis zu den Kühen ist, merkt man schnell. Jede hat ihren speziellen Namen, jede ihren eigenen Charakter und ihre Aufgabe. Und über jede hat sie ein paar liebevoll-scherzende Worte parat. „Sie sind wie Kinder, sie räumen alles her, ich räume es weg. Sie machen alles dreckig, ich putze hintennach.“
Hartes erstes Jahr
Bei aller Hilfe und Erleichterung: Arbeit gibt es weiterhin genug, zum Beispiel beim Mähen und Silieren auf der Wiese oder beim Holzarbeiten im Wald. Und dann kommt noch die ganze Verantwortung, fügt Gewessler hinzu. Seit der Betrieb übergeben ist, steht ihr Name auf allen Rechnungen, sie trifft die Entscheidungen: „Das erste Jahr ist das Schlimmste, das sagen alle.“ Das sei auch so gewesen: „Wir hatten im Dezember innerhalb von zwei Wochen zwei Notschlachtungen, eine davon die zweitbeste Kuh im Stall. Das hat wehgetan.“
Auch die Trockenheit macht in Krungl zu schaffen: „Beim ersten Schnitt heuer im Mai hatten wir 50 Prozent weniger Ertrag als im vergangenen Jahr. Momentan hoffen wir auf die Folgeschnitte, aber natürlich hat das Auswirkungen auf vieles.“ Viel gelernt, das habe sie bereits, aber „auch viele schöne Sachen erlebt“, betont sie. Eine Menge Ziele, wo es mit dem Bauernhof hingehen soll, gibt es ebenso. Das allergrößte: „Den Hof weiterhin im Vollbetrieb führen, gemeinsam mit meinem Partner und meinen Kindern. Es gibt kein schöneres Aufwachsen.“